26. August 2015

Ich gehe, die Idee bleibt

von Jessica Schober

Vier Monate Burgenblog am Mittelrhein haben viel in Bewegung gebracht. 2016 geht es weiter

Es war ein Experiment für alle Beteiligten. Als Burgenbloggerin war ich angetreten, um eine neue Art des Lokaljournalismus auszuprobieren. Dabei habe ich gemerkt: Wer über Menschen berichten will, sollte unter Menschen leben. Mitten im Mittelrheintal. Nicht 300 Höhenmeter über ihnen im Wald, in Abgeschiedenheit. Das ist nicht die Art von Lokaljournalismus, für die ich stehe. Deshalb bin ich aus Burg Sooneck ausgezogen und habe das Projekt für mich beendet.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich hatte mir das Leben auf der Burg selbst ausgesucht, die Arbeit stets als Privileg betrachtet. Aber das Beobachten und Beobachtetwerden hat etwas mit mir gemacht, in den letzten Wochen bin ich immer stummer geworden. Ich habe immer gesagt, ich mache euch hier nicht die Weinkönigin, nun bin ich es doch geworden, im lidfeuchten Sinn. Deshalb bleibe ich lieber bei meinen Prinzipien als beim Amt. Ich wende mich jetzt anderen Aufgaben zu. 

Regenbogen

Ein herzliches Dankeschön, an alle, die mir hier so offen begegnet sind – ob mit Zuspruch, Ideen, Vorschlägen oder auch Widerstand. Und ein aufrichtiges Schade an alle, zu denen ich es jetzt nicht mehr schaffe. Die vergangenen Monate waren eine spannende Zeit. So viele Begegnungen, Erlebnisse und Geschichten, die auch überregional viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Dieses Blog wurde Thema einer Aktuellen Stunde im Landtag, das Mittelrheintal landete auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung. Hier ist in den letzten Wochen wahnsinnig viel passiert. Ich habe für mehr Liebe zum Siff plädiert. Ich habe mit einer Schulklasse die Loreley besucht. Ich habe mich mit Bahnlärm, Brückenbau und Bürgermeistern beschäftigt. Ich habe junge Menschen miteinander ins Gespräch gebracht. Habe einen getroffen, der wegziehen will, und einen der wiedergekommen ist. Ich habe der Burg Sooneck ein paar Zeilen gewidmet und an ihren Wänden mit Moosgrafitti experimentiert. Ich durfte Spritzhubschrauber fliegen, ohne Tür. Und, vielleicht das Wichtigste: Ich habe eine virtuelle Gruppe gegründet, weil ich dachte, vielleicht wollen die Leute hier ja miteinander online in Kontakt kommen. Was passierte, hat mich wirklich überrascht: So viele Leute meldeten sich in der Facebook-Gruppe, um über ihre Heimat zu diskutieren, dass ich sich inzwischen vier Administratoren ehrenamtlich und mit viel Hingabe um die Moderation kümmern.

Das Beste, was passiert ist, kam von den Mittelrheinern selbst. Sie haben sich auf dieses Projekt eingelassen. Ein Beispiel dafür war kürzlich die Aktion der Bildhauerin Jutta Reiss. „Lebensader Rhein zeigt Flagge“ hatte sie die Veranstaltung genannt, zu der sie Winzer, Gastronomen und Hoteliers auf der Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub zusammengetrommelt hatte. Die Sonne schien, es standen Tische mit Köstlichkeiten parat und zwei Stunden lang feierte man eine schöne Potenzialparty mitten im Rhein. Hat es das schon mal gegeben? Eine Künstlerin, die plötzlich im Alleingang eine Marketing-Veranstaltung für die gesamte Region stemmt? Viele waren, wie ich, begeistert vor Ort. Wirte erzählten mir, dass sie endlich einmal wieder ihre Kollegen von der anderen Rheinseite gesehen hätten. Eine Hotelbesitzerin sagte zu mir: „Einiges, was in den letzten drei Monaten berichtet wurde, hat weh getan. Aber jetzt geht ein Ruck durch die Region“. In diesem Moment kam ein Winzer dazwischen, schenkte etwas Kühles in die Gläser nach und rief „Jutta, du hast dich verdient gemacht!“

Für dieses Jahr ist das Burgenblogger-Projekt beendet. Es geht aber weiter. Bereits kurz nach der Siffgate-Debatte im rheinland-pfälzischen Landtag haben die Projektpartner beschlossen, dass es den Burgenblog weiterhin geben wird. Der Fortbestand der Art ist also gesichert – und diese wunderschöne Region wird auch in Zukunft einen Talreporter haben.

Mutig waren die Projektpartner, so unübliche Wege zu gehen. Die Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz, die Generaldirektion Kulturelles Erbe und die Rhein-Zeitung haben viele Hebel in Bewegung gesetzt – und sich über manche Hürden hinweg gesetzt, um das hier möglich zu machen. Herzlichen Dank dafür. Und ja, auch ich werde von dieser Zeit sicherlich meinen Enkeln erzählen. Ich bin schon gespannt von der oder dem Nächsten zu lesen. Da ich in Zukunft keine Kommentare mehr moderieren werde, ist diese Funktion hier gesperrt. Weiterhin kann man aber unter dem Abschlussbeitrag der Projektpartner kommentieren. Solange verbleibe ich mit einem Gruß, den ich von Wandergesellen gelernt habe, sie rufen zum Abschied stets: „Bis gleich!“

Ritter Fips und sein anderes Ende

Es stand an seines Schlosses Brüstung
der Ritter Fips in voller Rüstung.

Da hörte er von unten Krach
und sprach zu sich: „Ich schau mal nach!“
und lehnte sich in voller Rüstung
weit über die erwähnte Brüstung.

Hierbei verlor er alsobald
zuerst den Helm und dann den Halt,
wonach -verfolgend stur sein Ziel-
er pausenlos bis unten fiel.
Und hier verlor er durch sein Streben
als drittes nun auch noch sein Leben,
an dem er ganz besonders hing —!

Der Blechschaden war nur gering…

Schlussfolgerung:
Falls fallend Du vom Dach verschwandest,
so brems, bevor Du unten landest.

Bitte kommentiert unter dem oben stehenden Post der Projektpartner.