64 Tage Burg

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Blick durchs Burgtor. Burg Sooneck
Nur ein Ausschnitt. (Foto: Timo Stein)

Und? Was ist jetzt eigentlich typisch Mittelrhein? Ähm, also, hust, nächste Frage bitte…

64 Tage. 1536 Stunden. 92.160 Minuten. 5,53e+15 Nanosekunden. Es ist exakt die Zeit, die ich auf einer Burg lebe. In meiner Zeitrechnung entspricht das genau der Länge von 1024 Fußballspielen. Ohne Verlängerung natürlich. Und ohne Videobeweis. Zeit genug also, um zu sagen, was das Mittelrheintal jetzt eigentlich ist. Das Spezifische, das Alleinstehende, das Typische. Denn genau diese Frage wird mir am häufigsten gestellt. Gleich nach: „Wie wird man eigentlich Burgenblogger?“. Und ich kann das verstehen, ich würde genau dieselben Fragen stellen.

Aber offen gesagt, kann ich weder die eine noch die andere Frage beantworten. Ich weiß nicht, wie man Burgenblogger wird. Ich habe so recht keine Ahnung, welche Schule man besuchen muss, um mit Mitte 30 noch einmal auf eine Burg zu ziehen. Ich würde ja gerne sagen, dass ich bereits im Vorschulalter auf die Frage, was ich denn einmal werden wollte, den Finger gehoben und Burgenblogger gebrüllt habe. Aber ich wusste damals nicht, was ich werden will und weiß es im Grunde auch heute nicht. Und sehr wahrscheinlich wohne ich genau deswegen auf einer Burg.

Und noch weniger weiß ich, was denn jetzt typisch ist – für die Region, die Menschen hier.

Aber genau das wollen sie von mir hören. Das wollt ihr von mir hören.

Ich habe verstanden. Ich bin hier, um euch zu sagen, wer ihr seid.

Aber eine Antwort bekommt ihr nicht.

Nicht weil ich von Grund auf böse bin. Sondern, weil allein die Idee, dass da jemand kommt, um eine Identität zu zeichnen, in der sich die Identitätssuchenden dann einrichten, zurücklehnen und zuhause fühlen, eine im schlechtesten Falle anmaßende und im besten Falle zum himmelschreiende Generalisierung ist.

Musik schafft Identifikation. Liebe schafft Identität. Scheitern schafft Gemeinsamkeit. Literatur, Fußball, Kaffeegenuss. All das. Aber doch kein Typ auf einer Burg, der mit Stift und rotem Buch durchs Tal irrt.

Der Wunsch nach Typisierung, nach Homogenität, ist verständlich. Im ersten Moment beruhigt er, im zweiten wird er nicht selten gebraucht, um daraus eine Abgrenzung gegen andere zu konstruieren.

Es ist nur ein leiser Verdacht, aber wer ständig nach Stereotypen sucht, sitzt vermutlich viel zu lange schon mit dem Monotypischen am Frühstückstisch. Nein. Da bin ich raus und rufe: Genießt die Heterogenität, gleich seid ihr im Grab. Lebt das, was die vielen verschiedenen Autokennzeichen, die vielen Dialekte und Sprachen andeuten, den Unterschied.

Das ist es, was ihr gemeinsam habt.

Weil das aber so unbefriedigend ist, probiere ich es mit einem Vielleicht. Mit Klischees. Wir brauchen sie ja. Wir alle. Also dann:

Vielleicht ist es typisch, dass der Mittelrhein aus mir zeitweise einen schwatzenden Zombie macht. Denn ich erwische mich dabei, dass ich jetzt immer öfter ein Schwätzchen halte. Dann kann es schon einmal passieren, dass ich an der Wursttheke stehe und plaudere. Und dass mich die Wurstfachverkäuferin dann mit genau demselben Blick anschaut, mit dem auch ich einst auf die Schwatzenden blickte. Was will der nur von mir? Und hoffentlich ist es bald vorbei.

Ja, man kann mich mittlerweile nachts wecken, und ich halte ein Eins-a-Schwätzchen wie es im Buche steht.

Ist das Mittelrhein?

Vielleicht ist auch die amerikanische Touristin typisch Mittelrhein, die mir sagte: „I’ve learned an new word ‚zurzeit geschlossen’.“

Oder die statistische Erkenntnis: Wenn du ein Heinz im Namen trägst, ist die Wahrscheinlichkeit ungleich höher, dass du hier Bürgermeister wirst.

Oder die Oma in Oberwesel, die ein schwules Pärchen aus Australien am Nachbartisch eines Bistros anquatscht und zu dem deutlich Jüngeren sagt: „Der ist doch viel zu alt für dich…“ und lacht. Die beiden gucken mich an. Ich weigere mich zu übersetzen.

Ist das Mittelrhein?

Vielleicht ist es auch der Umstand, dass auf den Straßen hier noch die Bon-Jovi-Golf-Edition im Einsatz ist und auch die dazugehörigen in viel zu enge Jeans gepressten Typen, die sie fahren müssen, weil die Rolling-Stones-Variante gerade nicht lieferbar war.

Oder die Imbissfrau, die ihren Mann zärtlich von hinten entfusselt, während der einem Gast „Scheene Gruß an Elfriede!“ nachruft.

Oder der Fährmann zwischen St. Goar und St. Goarshausen, der die Chuzpe besitzt, Walzer auf dem Rhein zu tanzen und seine Fähre im letzten Drittel mit so einer Art 180-Grad-Handbremsendrehung in Position bringt. Oder die verstaubten Schaufenster, auf die Finger etwas geschrieben haben. Spielzeugläden, die Spielzeug verkaufen, mit denen bereits Kinder gespielt haben, die längst erwachsen sind. Orte, die ausbluten. Geschäftige Bürger, die dagegen ankämpfen. Die Melancholie der anderen Seite. Die vergessene Welt. Der Sonnenneid auf die von drüben. Der Gärtner, der Kirchenglocken am Klang erkennt. Der Nachbar, der Schafe füttert, die aussehen wie Ziegen. Der wasserskifahrende Spitzenkoch. Die Enge im Tal, die enge im Kopf. Der Eiautomat am Wegesrand. Hotelschiffe mit Minigolf und Planschbecken.

Ihr wollt wirklich wissen, wer ihr seid? Also gut. Ihr seid Brücke, Bahnlärm, Buga. Vereinsriesen. Ehrenamt. Facebookgruppe. Ü30-Partyhochburg. Ihr seid Kuckucksuhr in St. Goar, Augenroller in Koblenz, Almhütte auf der Loreley.

Und gleichzeitig seid ihr all das nicht.

Und vom Rhein grüßt dann das Subwayschiff. Und ZZ Top tragen ihre Bärte auf die Loreley. Und dann sitzt du bei einem Spaghettieis in einem dieser gepflasterten Gässchen, eingeklemmt von Fachwerk und Geschichte. Ganz sicher spaziert ein pfeifender Bürgermeister mit Sommerhut vorbei, ganz sicher bleibt er stehen und sagt ein dir völlig unbekanntes Gedicht von Heinrich Heine auf.

All das ist Mittelrhein. All das könnte Mittelrhein sein. All das ist nur ein Ausschnitt. Und mehr kann ich nicht tun. Ein paar Ausschnitte sammeln. Finden wir uns damit ab. Mit konkurrierenden Ausschnitten von Wirklichkeit. Mit einem Nebeneinander. So dass am Ende vielleicht ein Bild, nein, allenfalls die Ahnung eines Bildes entsteht. Im besten Falle so eine Art Gerhard-Richter-Porträt. Ein Bild, das Schärfe durch Distanz gewinnt.

Aber ein vollständiges Bild bekommt ihr nicht. Das wäre Malen nach Zahlen. Und dafür bin ich nun wirklich zu alt. Oder aber noch nicht alt genug.

7 Kommentare

  • Heike says:

    Und für mich ist Rheintal Heimat mit allem was dazu gehört. .Menschen…Plätze….Begegnungen…uvm. .toller Beitrag…

  • Ein großartiges Panorama voller ehrlicher, doppelbödiger, hintergründiger Beobachtungen und liebevollen Bosheiten – Hut ab, lieber Kollege! Der Blick von außen schärft doch die Unschärfe enorm – zumal, wenn er sprachlich so gekonnt verpackt ist. Und ein kleiner Hinweis: E Schwätzche halde ist schlicht Rheinisch – das reicht von Köln (mindestens) bis zu uns nach Mainz und weiter gen Süden. Der Rheinländer an sich redet eben einfach mit allem – notfalls auch mit dem Fahrkartenautomaten. Typisch Mittelrhein allein ist das noch nicht. Also weiter suchen ;-) Gruß von einer Rheinländerin, die Mainzerin wurde!

  • Karl says:

    Dieses Mal ein Literat als Burgenblogger. Eine interessante, andere Herangehensweise an das Thema.

  • Ich liebe deine Texte und freue mich auf jeden neuen Blick, den du damit vermittelst. Immer wieder greifst du eine Facette heraus und zeigst die liebenswerten, teils sehr speziellen Ecken und Kanten unserer Region. Danke dafür.

  • Sandra T. says:

    E Schwätzche halle – schiiieee ;o))

  • Shan Dark says:

    Echt, erwarten die Leute wirklich, dass Du ihnen sagst, wer sie sind? Das wäre, wie du selbst schon schreibst, ja vermessen. Für mich bist Du als Burgenblogger wie ein Maler, der eine Weile in dieser Region lebt und seine Staffelei jedes Mal an einer anderen Stelle aufstellt. Dann malt er ein Bild von diesem Ausschnitt – aus seinem Blickwinkel. Man kann unmöglich das ganze Tal malen. Auch ein Panorama oder Luftbild wäre unpassend, denn es ist dann auch wieder nur aus einer bestimmten Perspektive und es mangelt am Detail.

    Du sammelst Geschichten aus dem Mittelrheintal (sehr gute übrigens, wie ich finde), die bei jedem am Ende einen Eindruck hinterlassen, ein Bild ergeben, was aber sicher auch unvollständig ist. Jemand, der alle Artikel gelesen hat, hat ein anderes Bild, einen anderen Eindruck als jemand, der nur hie und da mal was gelesen hat.

    Du bringst die Besonderheiten der Region zum Vorschein, verpackst sie in Geschichten. Das ist doch der Job. Wie du auch schon sagst. Ich spreche dich hiermit als Leserin von dem Definitions-Druck frei, der schnell ein Fallbeil werden kann.

    Weiter so & viele Grüße aus Mainz

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