Angestaubt oder charmant, das ist hier die Frage

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Oberhalb von Boppard ist einer dieser Orte. Einer, wo die Zeit ein bisschen stehengeblieben ist. Davon soll es im Mittelrheintal einige geben. Von verschlafen und angestaubt ist dann die Rede. Ein gewisser Charme, ein Hauch Nostalgie geht von diesen Orten aus. Finde ich. Andere sehen das vielleicht anders. Knallrote Plastikstühle unter Sonnenschirmen einer regionalen Brauerei. Alles scheint irgendwie aus einer anderen Zeit zu stammen. Und wahrscheinlich tut es das auch.

Auf der Speisekarte zehn verschiedene Schnitzelgerichte. Aber auch Veganes. Das wird sogar extra auf einem großen Aufsteller im Biergarten beworben. Es ist eben nicht selbstverständlich, hier oben vegan essen zu können. So weit sind wir noch nicht. Man muss es extra ankündigen. Zeigen, dass man mit der Zeit geht. Und dann findet sich eine Seite weiter das Zigeunerschnitzel. Ins Englische übersetzt mit „Gypsy Schnitzel“. Konsequente Übersetzung. Vermutlich ein anderer Gast hat die Worte mit einem Kugelschreiber unterstrichen. Wollte wohl darauf aufmerksam machen, dass es um dieses Wort eine bundesweite Debatte gab. Dass es politisch nicht mehr korrekt ist. „Das ist völlig normal hier“, kommentiert später ein Leser auf Instagram. Normal. Ein schwieriges Wort. Was ist schon normal?

Doch dann ist da diese Aussicht. Vierseenblick. Rheinschleife. „Die größte Rheinschleife der Welt“. Sie fängt das alles auf. Auch der Rhein ist alt, stammt aus einer anderen Zeit. Aber er darf das. Er kann ja auch gar nicht anders.

Wichtiger als die Orte, sind die Menschen. Drei davon treffe ich hier oben. Begegnungen, die nicht geplant waren. Die überraschen, die bereichern. Die viel zu selten geschehen, vor allem, wenn man mit Freunden oder der Familie unterwegs ist. Unter sich ist. Und meist auch bleiben möchte.

Da ist Sonja aus der Schweiz. Sie ist mit dem Fahrrad in Basel gestartet und den Rhein bis nach Boppard runtergefahren. Bis zu 150 Kilometer am Tag. Eigentlich wollte sie bis zur Mündung fahren. Allerdings wurde ihr eine Woche Urlaub gestrichen. Sie wird es also nicht schaffen. In dem Wissen tritt sie nun kürzer. Genießt einfach mal die Sonne und die Ruhe. Sie merkt, dass ihr das in den vergangenen Tagen gefehlt hat.

Dann ist da der Wanderer aus der Eifel. Mit dem Motorrad ist er angereist, um die Traumschleife Mittelrhein Klettersteig zu gehen. Um seine Hüften trägt er einen Gurt mit mächtigen Karabinerhaken. Die hat er an einer Tankstelle in Boppard ausgeliehen. Ob das notwendig sei, frage ich. Er sei ungeübt, wolle auf Nummer sichergehen, antwortet er. Allein die Zeit hat er falsch eingeschätzt. Die im Internet angegebene Zeit habe er nicht benötigt. Jetzt möchte er noch einen Freund in Kattenes besuchen.

Die meisten, die den Ausblick genießen, wandern oder mit dem Mountainbike den Bikepark herunterfahren wollen, kommen mit der Sesselbahn herauf. Empfangen werden sie oben von zwei jungen Männern, die beim Ein- und Aussteigen helfen. Einer von ihnen hat sich neben der Bergstation einen kleinen Garten angelegt. Kartoffeln pflanzt er dort an. Und Tomaten. Dafür hat er ein kleines Stück Erdboden von Steinen befreit. Sie herausgesiebt, wie er sagt. Die Kartoffeln scheinen gut zu gedeihen. Vielleicht ist es das neue große Ding: Kartoffeln vom Steilhang des Mittelrheintals, scherze ich. Sechs Tage die Woche arbeitet er hier. Seine Haut ist gebräunt von der Sonne. Andere bezahlen dafür viel Geld im Solarium, sagt er und lacht. Ich stimme zu und verabschiede mich. Ein guter Tag.

4 Kommentare

  • Renate says:

    Da hängen Kindheitserinnerungen dran, am Vierseenblick! Über die Sesselbahn kommt man ja sehr bequem hinauf und muss dann nur noch wenige Meter gehen. Da wir zwei Restaurants mit schöner Aussicht dort oben haben, ist es sicher nicht so einfach, ein gutes Auskommen damit zu haben. Zumal die Saison nicht so lange ist. Ich wechsele in meiner Gunst zwischen beiden. Bin mal bei dem einen, mal bei dem anderen.

    Nennt mich sentimental, seit meiner Kindheit bin ich sehr gerne dort.

    Es grüßt eine Bopparderin,
    Renate

  • Claus Düker says:

    Dem Ausflug auf die Mittelrheinhöhe bin ich gerne gefolgt. Wohltuend aufgeschlossen, sensibel und – gerecht…Denn die Minderung des großen Rheintourismus ist kaum den örtlichen Gegebenheiten anzulasten. Einige Gutwettermonate pro Jahr sind zu wenig, um einen großen Run zu stabilisieren. Und so sind es oft ortstreue Einheimische, die je nach Lage spontan ihre Nahziele vor Ort ansteuern und sich über jede Begegnung mit Genießern aus der Ferne freuen.

  • Wolfgang says:

    na ja, es geht um die Kundschaft. Für unsere Eltern und Großeltern was das der Ausflugsort überhaupt. Wenn sich jetzt niemand mehr blicken läßt, hängt das vielleicht damit zusammen, wenn die jungen Eltern mit Kind und Kind lieber zuhause bleiben oder ihr Gärtchen pflegen. Früher ist man auch mal 10 km bis zur Waldkneipe gelatscht. Der Rheinsteig hat’s versucht, nur ist der auf der anderen Seite.

  • Maria Schmelzeisen says:

    So zu sehen ,ein schoenes Stueckchen Erde,opwohl ich 25 J.in der Naehe wohnte,bin ich nie dort gewesen.
    Doch schoen ist es am ganzen Mittelrhein.
    Es gruesst Maria Schmelzeisen.

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