Auf Besen über den Rochusberg

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Ich bin kein Fan von Harry Potter. Ich habe keines der Bücher gelesen, keinen der Filme gesehen. Und auch keines der Computerspiele gespielt. Ich weiß nicht mal, ob es überhaupt Harry-Potter-Computerspiele gibt. Ich bin einfach mal davon ausgegangen, weil der Hype sicherlich auch davor nicht haltgemacht hat. Ein Hype, den ich nie verstanden habe. Wie sollte ich auch, wenn ich mich der ganzen Sache einfach konsequent entzogen habe.

So ganz war das natürlich nicht möglich. Ein Freund von mir hat zu Schulzeiten, ich glaube, es war Anfang der Oberstufe, eines der Bücher im Englischunterricht vorgestellt. Da habe ich dann also doch Kontakt mit dem bebrillten Zauberlehrling gehabt. Und deshalb ist mir auch Quidditch ein Begriff. Jene Sportart, von der ich bisher glaubte, dass sie nur im Harry-Potter-Universum existiert. Bis ich Jonas kennenlernte. Jonas Hamann ist 27 Jahre alt und ein Binger Urgewächs. Von Beruf Physiotherapeut, engagiert im Roten Kreuz, Gitarrist der Band 2 & Mr. Jons. Und: Quidditch-Spieler. Ganz genau, Quidditch hat den Sprung aus der Fantasiewelt in die Realität geschafft. Wie die Spieler der „Binger Beasts“ das mit dem Besen-Fliegen machen, hab‘ ich mir mal beim Training vor Ort in Bingen angeschaut.

Heute lieber kein Vollkontakt

Das Spielfeld ist knochentrocken. Grüne Grashalme sind nur noch wenige zu finden. So wirklich angetan sind die Spieler ohnehin nicht von ihrem Ausweichplatz. Für gewöhnlich trainieren sie im Park am Mäuseturm. Weil dort allerdings die Bewässerungsanlage für den Rasen defekt ist, mussten sie auf die Open-Air-Wiese auf dem Binger Rochusberg umziehen. „Eigentlich wollte ich heute mit euch Körperkontakt-Training machen. Weil der Platz aber so hart ist, machen wir stattdessen Kommunikations-Training“, erklärt Trainer Nick Stein (21) der Mannschaft. Die Spieler atmen auf. Ein Kühlakku wird im Laufe des Abends aber dennoch zum Einsatz kommen.

Vor zwei Jahren haben Florian Hof (23) und Lukas Dahl (24) das Binger Quidditch-Team gegründet. Damit waren sie das erste Team in Rheinland-Pfalz. Mittlerweile ist mit den „Thunderbirds“ in Trier ein zweites Team hinzugekommen. Und man munkelt, dass auch in Koblenz eine Teamgründung kurz bevorsteht. Die „Binger Beasts“ zählen mittlerweile 35 Spielerinnen und Spieler. Wer glaubt, dass Quidditch als Vollkontaktsportart Frauen eher abschreckt, der täuscht. Nick schätzt den Anteil der Frauen in den rund 50 deutschen Quidditch-Teams auf etwa 50 Prozent. Und auch beim Training in Bingen stehen viele junge Frauen auf dem Platz.

Viele Sportarten vereint

Für den Laien sieht es zunächst ziemlich chaotisch aus, was da auf dem Spielfeld passiert. Viele Kommandos überschlagen sich, zudem sind sie häufig auf Englisch. Denn: Das 238-seitige Regelwerk existiert derzeit nur in englischer Sprache. Im Spiel kommen zwei Arten von Bällen zum Einsatz: Mit dem Quaffel (einem Volleyball) können Punkte erzielt werden, wenn er durch einen der drei gegnerischen Tor-Ringe geworfen wird. Zudem hat jede Mannschaft drei Klatscher, die dazu dienen, wie beim Völkerball gegnerische Spieler abzuwerfen.

Zwar orientierte sich das reale Quidditch anfangs an der Romanvorlage, mittlerweile ist daraus jedoch eine eigenständige Sportart geworden. „Mit Harry Potter hat das nicht mehr viel zu tun“, erklärt Florian, „das reale Quidditch vereint Elemente aus Rugby, Handball, Völkerball und Basketball.“ Eine gemischtgeschlechtliche Vollkontaktsportart, die offen ist für alle Geschlechter, Homosexuelle, Bisexuelle und Transgender, wie er sagt. Auf Toleranz legt die Quidditch-Szene großen Wert.

Professionalisierung vs. Do-it-yourself

Rund 1000 Quidditch-Spieler gibt es in Deutschland mittlerweile, organisiert sind sie im europaweit größten Nationalverband. Obwohl Quidditch eine Randsportart ist, wächst die Szene schnell. Turnierspiele werden meist per Livestream im Internet übertragen. In den USA, wo zwei Studenten die Sportart 2005 in die reale Welt brachten, stellt sich auch zunehmend eine Professionalisierung des Sports ein.

In Deutschland sieht das derzeit noch ein bisschen anders aus. So auch in Bingen. „Die Besen, das sind einfache PVC-Rohre aus dem Baumarkt“, erklärt Jonas. Bunt beklebt, kann jeder Spieler bei der Gestaltung seiner Kreativität freien Lauf lassen. Lediglich eine bestimmte Länge ist vorgegeben. Ebenfalls selbst gebaut sind die Tore, also die insgesamt sechs Ringe auf dem Spielfeld. Auch die bestehen aus einfachen Baumarktmaterialien, wie Jonas verrät. Viel mehr braucht es eigentlich auch nicht. Sport- oder Stollenschuhe und Mundschutz, Letzterer ist Pflicht. Und wer mag, kann gepolsterte Kleidung tragen, um gegen Angriffe und Stürze besser geschützt zu sein.

Mitmachen statt zugucken

„Es ist einfacher mitzuspielen, als zuzusehen, um das Spiel zu verstehen“, erklärt Nick. Vor den Toren geht es zum Teil wuselig zu. Verschiedenfarbige Stirnbänder auf den Köpfen der Spieler zeigen an, welche Funktion sie haben. Chaser (Jäger), Beater (Treiber) oder Keeper (Hüter). Ab der 19. Spielminute kommen außerdem noch Seeker (Sucher) und der Snitch Runner ins Spiel. Jene, die die Harry Potter-Bücher gelesen haben, können damit sicher etwas anfangen. Ich hingegen verstehe nur Bahnhof. An mir fährt der Hogwarts-Express sozusagen einfach vorbei.

Bei den jüngsten deutschen Meisterschaften in Frankfurt haben die „Binger Beasts“ den zwölften Platz belegt. 27 Teams waren angetreten. Die meisten Teammitglieder kommen aus Bingen, einige aber auch aus Mainz oder Alzey. Trainiert wird immer mittwochs und sonntags um 17.30 Uhr. Im Sommer, mit aktueller Ausnahme, im Park am Mäuseturm, im Winter geht’s in die Halle. Zusätzlich wird wöchentlich je ein Kraft- und ein Ausdauertraining angeboten. Wer sich nun also auch auf den Besen schwingen will, nur zu. Neue Mitspieler sind in Bingen stets willkommen.

 

Hier sind die Fotos zum Durchklicken. Kleiner Hinweis: Die Bilder, bei denen die Spieler die Augen verbunden haben, zeigen eine Trainingssituation. Bei Spielen können alle Spieler sehen.

 

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