Auf den Hopfen gekommen

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Wenn Markus Fohr sein Bierglas schwenkt und ins Licht hält, kommen schnell Assoziationen an eine Weinverkostung auf. Nicht zufällig ähnelt Fohrs langstieliges Glas einem Weinglas. Die Aromen können sich so viel besser entfalten, sagt er. Bier einfach aus der Flasche herunterkippen, davon sind wir an diesem Abend meilenweit entfernt. Das 71. Bierseminar in der Lahnsteiner Brauerei soll vielmehr zeigen, wie vielfältig die große Welt der Biere ist. Wer könnte da besser durchs Programm führen, als der Inhaber der Brauerei und frischgebackener Deutscher Meister der Biersommelière Dr. Markus Fohr.

Wein am Rhein, das ist nichts Ungewöhnliches. Der Mittelrhein kann aber auch Bier. Unübersehbar thront die Koblenzer Brauerei direkt am Rhein. Auch das Rhein-Theater in Bacharach braut den Gerstensaft, allerdings in wesentlich kleineren Mengen. Und in Lahnstein produziert neben der Lahnsteiner Brauerei um Markus Fohr auch die Gasthausbrauerei Maximilians Brauwiesen ihr eigenes Bier. Das jedenfalls sind die brauenden Betriebe, die mir im Oberen Mittelrheintal bekannt sind. Sorry, falls ich da jetzt jemanden vergessen habe.

Das erste Bier im Glas ist ein Indian Pale Ale (IPA) aus Fohrs eigener Produktion. IPA ist der bekannteste Bierstil unter den Craftbieren, also jenen Bieren, die seit einigen Jahren schwer im Kommen sind. Craftbiere werden meist eher in kleineren Mengen produziert und sind bei ihrer Herstellung vom Reinheitsgebot befreit. Das lässt viel Spielraum für geschmackliche Experimente. Fohrs IPA allerdings entspricht dem Reinheitsgebot. Als blumig im Duft mit einem kräftigen, bitteren Geschmack beschreibt Markus Fohr das Bier. 40 IBU-Einheiten hat das IPA. IBU, das steht für International Bitterness Unit, die weltweit geltende Bittereinheit für Biere. Zum Vergleich: Pils hat 30, Kölsch 20 und Weizen hat 15 IBU. Indian Pale Ale liegt also in Sachen Bitterkeit ein gutes Stück darüber. „Entweder es schmeckt einem oder nicht, es gibt kein dazwischen“, sagt Fohr. Den 20 Teilnehmern des Seminars jedenfalls schmeckt es. Und mir auch.

„Biertainment“ als Erlebnisfaktor

Seit zehn Generationen wird in Lahnstein bereits Bier gebraut. 35 000 Hektoliter Bier und alkoholfreie Getränke werden hier jährlich produziert. Was sich erst mal viel anhört, wird Braumeister Ulrich Hastenplug beim Braukurs noch relativieren. „Die große Brauerei in der Eifel hat das in einer guten Woche zusammen.“ Gemeint ist natürlich die Bitburger Brauerei. In Lahnstein aber setzt man gar nicht auf Masse, sondern auf Vielfalt. Und auf „Biertainment“. 50 Biere, Craftbiere und andere Delikatessen rund ums Bier werden hier produziert. Und der Erlebnisfaktor spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Neben regelmäßigen Bierseminaren werden auch Braukurse, Biertouren und Bierkellerführungen angeboten. Und die erfreuen sich großer Beliebtheit.

Auf das recht bittere Indian Pale Ale folgt schließlich der Hopfenheinz, ein Grünhopfenbier, das in Duft und Geschmack ein wenig grasig daherkommt. Gebraut hat Fohr das Bier mit wildem Hopfen, den er selbst in den Rheinauen gepflückt hat. Lediglich 300 Liter umfasst die Produktion, für die Fohr eigene, kleine Brauutensilien hat. „Bei unserer großen Brauanlage wäre bei der geringen Menge kaum die Leitung voll“, sagt er. Ebenfalls limitiert ist das darauffolgende Kirschbier, bei dessen Herstellung Mittelrheinkirschen verwendet werden. Ein obergäriges, helles Vollbier, rot in der Farbe, im Geschmack etwas säuerlich. Es könnte auch als Secco durchgehen. Interessant zwar, stößt es aber nicht bei allen Teilnehmern auf Zustimmung.

Allgemein sei es leichter, einen Weintrinker für Craftbiere zu begeistern als eingefleischte Biertrinker, erklärt Fohr. Die sind wohl meist in ihren Trinkgewohnheiten zu festgefahren. Ich kenne das selbst aus meinem Bekanntenkreis. Allein der Griff zu einem anderen Pils gilt da oft schon als Blasphemie. Mit einem Honigbier, wie Fohr es braut, braucht man solchen Menschen wohl gar nicht erst zu kommen. Getreu dem Motto: Was der Bauer nicht kennt, trinkt er nicht. Die wissen ja gar nicht, was ihnen alles entgeht.

Markus Fohr fährt gegen Ende des Seminars auch Biere auf, die nicht aus der eigenen Brauerei stammen. Axel Kiesbyes Waldbier Holzbirne beispielsweise, ein Bier aus Österreich, das aus Zutaten gebraut wird, die fernab jeglicher Luftverschmutzung wachsen. Oder das Westmalle Trappist Dubbel, ein belgisches, dunkles Trapistenbier mit einer ausgeprägt würzigen Note. Die Deutschen beanspruchen das Bierbrauen zwar gern mal für sich, wer bisher noch nicht über diesen Flaschenhals hinausgeschaut hat, erkennt spätestens während des Seminars, dass auch andere Nationen in Sachen Braukunst was draufhaben.

Alkoholfreies Bier und ein BH

Wer es leid ist, Bierkisten vom Getränkehandel seines Vertrauens nach Hause zu schleppen, oder wer einfach neugierig ist, mal sein eigenes Bier zu brauen, der kann einen der Braukurse besuchen, die mehrmals im Jahr in der Lahnsteiner Brauerei angeboten werden. Geleitet werden sie von Braumeister Ulrich Hastenplug. Innerhalb eines halben Tages erklärt und zeigt er, wie man mit handelsüblichen Utensilien preisgünstig eigenes Bier brauen kann.

„Was haben ein alkoholfreies Bier und ein BH auf der Wäscheleine gemeinsam?“, fragt Hastenplug in die Runde. „Das Beste ist raus“, antwortet einer der Teilnehmer. Bier- und Brauerwitze wie dieser sollen noch einige fallen beim Braukurs in Lahnstein. Überhaupt ist die Stimmung gut, wozu sicherlich auch das schon morgens um zehn angestochene 25-Liter-Fass seinen Teil beiträgt. „Der Kurs geht bis circa 15 Uhr oder so lange, bis das Bier leer ist“, erklärt Hastenplug. Nun ja, kurz nach dem Mittagessen ist das Fass dann leer. Doch da gibt es ja noch den Kühlschrank voller Flaschenbier. Mit steigendem Pegel sinkt allerdings auch die Konzentration.

Gebraut wird ein helles Bier, zwischen 20 und 22 Liter sollen am Ende herauskommen. „Wer zu Hause Bier braut, muss das vorher beim Hauptzollamt anmelden“, erklärt Hastenplug, „200 Liter im Jahr sind frei.“ Einer der Teilnehmer gibt sich schockiert: „Wie, 200 Liter nur?! Wir haben aber einen großen Freundeskreis…“ Hastenplug zeigt sich verständnisvoll: „Tja, was sind schon 20 Liter, die wir hier brauen, ein schöner Fernsehabend zu dritt, dann ist das auch weg“, scherzt er.

Rühren, rühren und nochmals rühren

Während die Pötte erhitzt werden, gilt es erst mal, Malz zu schroten. Per Hand mit einer Schrotmühle. Solidarisch wechseln sich die Teilnehmer ab. So auch später beim Einrühren. „Wie lange muss denn hier noch gerührt werden?“, fragt einer der Teilnehmer, der sich wundert, dass die anfangs von Hastenplug angegebene Rührzeit schon längst überschritten ist. Der Braumeister lacht. „Tja, was das Rühren angeht, war ich nicht ganz ehrlich zu euch. Wenn ich die eigentliche Zeit nämlich zu Beginn verrate, hat niemand Lust, dabei zu helfen.“ Jenen, die zu Hause tatsächlich selbst brauen wollen, empfiehlt er deshalb, ein Rührwerk anzuschaffen.

Während die Teilnehmer abwechselnd rühren und die Temperatur im Auge behalten, gibt Ulrich Hastenplug Infos zu den einzelnen Zutaten. Die sind überschaubar, wenn man sich ans Reinheitsgebot hält: Hopfen, Malz, Hefe und Wasser. Hopfen regt den Appetit an, erklärt der Braumeister.

„Hopfen macht das hier“, sagt Hastenplug und klopft sich auf den Bauch.

„Was denn?“, fragt einer der Teilnehmer.

„Einen roten Pulli“, scherzt der Braumeister mit Verweis auf sein Oberteil.

„Ach so, ich wusste gar nicht, dass Hopfen stricken kann“, entgegnet der junge Mann.

Darüber hinaus habe Bier jedoch nicht viele Kilokalorien, erklärt der Braumeister. Da gebe es wesentlich schlimmere Getränke, wie Cola oder auch Apfelsaftschorle. Musik in den Ohren eines jeden Bierliebhabers.

Das Selbstgebraute allerdings kann nicht gleich am Ende des Braukurses getrunken werden. Das muss erst mal einige Wochen ruhen. Die Teilnehmer können dann noch einmal vorbeikommen und sich ihren Anteil am Trunk abfüllen lassen. So kurz vor Weihnachten ist das mal ein Geschenk der anderen Art. Denn selbst gebraut schmeckt doch immer noch am besten. Und wer weiß, vielleicht liegt an Heiligabend ja das ein oder andere Rührwerk unter dem Baum.

 

Und hier sind die Bilder zum Durchklicken. Ich war gleich bei drei Veranstaltungen in der Lahnsteiner Brauerei dabei.

Bierseminar:

Braukurs:

Biertour:

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