Auf gute Nachbarschaft

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Till Gerwinat und Katrin Kleemann auf Burg Reichenstein in Trechtingshausen. Foto: privat

Eigentlich stellt man sich ja bei den Nachbarn vor, wenn man neu in einen Ort kommt. Weil ich das aber irgendwie im Juni verpasst habe, habe ich es eben jetzt zum Abschied nachgeholt. Die Nachbarn, das sind Till Gerwinat und Katrin Kleemann, die Geschäftsführer der Burg Reichenstein in Trechtingshausen. Meine ehemaligen Burgnachbarn also. Seit 2015 führen der 36-Jährige und die 31-Jährige gemeinsam den Betrieb, zu dem ein Hotel mit 48 Betten, ein Restaurant, ein Shop und ein Museum gehören. Weil das erst mal weniger nach Burgromantik klingt, sondern eher nach viel Arbeit, werden die beiden von einem 20-köpfigen Team unterstützt.

Zum Essen wollte ich ja längst mal auf Burg Reichenstein vorbeigeschaut haben, schließlich wurde mir die Küche des Burgrestaurants Puricelli schon mehrfach empfohlen. Irgendwie hat es aber nie geklappt. Zufällig lernte ich vor einigen Wochen dann Till kennen. Er lud mich ein, mal vorbeizukommen, um mich vor dem Essen auf der Burg herumzuführen. Das Areal, welches insgesamt vier Hektar umfasst, ist nämlich viel größer, als es von der Bundesstraße oder vom Rhein aus zunächst wirkt. Und was sich von außen ebenfalls nicht erahnen lässt: Mit rund 1400 Geweihen unterschiedlichster Wildarten beherbergt Burg Reichenstein eine der größten Jagdtrophäensammlungen in Deutschland.

Till ist ziemlich zügig unterwegs, als wir gemeinsam durch die Burg gehen. Das muss die Hektik der Küche sein, die da durchkommt. Zudem bricht der Abend langsam herein, da wird er im Restaurant gebraucht. Ein großer deutscher Automobilzulieferer ist mit einigen Mitarbeitern für eine Tagung im Haus. Zahlreiche hochpreisige Limousinen auf dem Parkplatz der Burg ließen Ähnliches bereits erahnen. Tagungen sind unter der Woche das Hauptgeschäft, am Wochenende stehen meist Veranstaltungen an.

Till zeigt mir zuerst die burgeigene Kapelle, zu der auch eine kleine Orgel gehört. „Hier finden vor allem kirchliche Trauungen statt“, erklärt er, „bei uns ist eine komplette Hochzeitsfeier mit allem, was dazu gehört, möglich.“ Hochzeiten, das ist auch der größte Markt für Till und Katrin. Viele Paare, vor allem aus dem Rhein-Main-Gebiet, haben sich hier schon trauen lassen und anschließend ausgiebig gefeiert. Neben dem Restaurant und seiner Terrasse gibt es dafür noch eine weitere große Terrasse inklusive eigener Küche sowie eine Wiesenfläche mit Blick auf den Rhein. Manchmal wurden so schon zwei Hochzeiten gleichzeitig auf der Burg gefeiert.

Eigentümer der Burg sind allerdings nicht Till und Katrin, sondern Lambert Lensing-Wolff, ein Verleger aus Dortmund, in dessen Medienhaus unter anderem die „Ruhr-Nachrichten“ oder die „Münsterland Zeitung“ erscheint. 2014 hat die Familie die Burg Reichenstein gekauft und anschließend direkt mit den Bau- und Renovierungsarbeiten begonnen. Zuvor habe es ziemlich wüst auf dem gesamten Gelände ausgesehen. „Die Immobilie liegt ihm sehr am Herzen und wir pflegen ein enges Verhältnis zueinander“, sagt Till. Der Kontakt zwischen den beiden kam durch eine Headhunter-Agentur zustande. Das sei so üblich in der Branche.

Till kommt gebürtig aus dem Siegerland, Katrin aus der Nähe von Mönchengladbach. Zuletzt arbeiteten beide in der Pfalz. Er als Küchenchef im Deidesheimer Hof, sie als Eventmanagerin im Ketschauer Hof. Beides Top-Adressen in Deidesheim. Dementsprechend sind jetzt auf Burg Reichenstein die Aufgaben verteilt. Tills Reich ist vor allem die Küche, Katrin kümmert sich um Events und Hotel. Weil beide nicht aus der Region stammen, war es zunächst etwas schwierig, Anschluss zu finden. „Wir arbeiten viel mit Leuten aus der Region zusammen, das ist uns ganz wichtig. Da mussten wir aber anfangs erst mal schauen, mit wem wir zurechtkommen und mit wem nicht“, erklärt Till.

Der Kontakt mit den Einwohnern von Trechtingshausen sei über die Jahre allerdings weniger geworden. „Anfangs ist das Interesse noch groß gewesen, je weiter die Bauarbeiten jedoch fortgeschritten waren und je klarer wurde, wo das Konzept mal hingeht, desto weniger Einheimische kamen zu uns hoch“, sagt der 36-Jährige. Burg Reichenstein bietet Drei-Sterne-Superior-Standard, von den Dienstleistungen ausgehend mittlerweile sogar Vier-Sterne-Standard. Da steigt für manche sicherlich die Hemmschwelle, mal vorbeizukommen. Was die Küche betrifft, betont Till aber: „Wir wollen kein Gourmetrestaurant sein, das würde hier gar nicht funktionieren.“

Der Fachkräftemangel geht auch an Till und Katrin nicht vorbei. „Derzeit können wir uns aber nicht beschweren, wir haben ein super Team“, sagt Till. Sie haben an der Technischen Hochschule in Bingen Flyer verteilt, um Aushilfen zu gewinnen. „Wir zahlen mehr als die Betriebe in Bingen, so schaffen wir einen Anreiz“, erklärt er. Er findet, viele Gastronomen dürfen sich über den Fachkräftemangel gar nicht beschweren. Wer schlecht zahlt, dürfe sich nicht wundern, dass er keine Mitarbeiter findet.

Baustellen gibt es auf der Burg noch immer einige. Hinter der Burganlage, zum Morgenbachtal hin gelegen, soll ein kleines Stück Weinbergfläche rekultiviert werden. Der terrassenartig angelegte Hang vor der Burg, zur Bundesstraße hin, soll ebenfalls neu gestaltet werden. Hier wird noch auf die Zusage von Fördergeldern gewartet. Und auch ein Kinderspielplatz ist schon geplant. Da lässt allerdings die Baugenehmigung auf sich warten. Wenn alles mal fertig ist, soll das ganze Burgareal genutzt werden. Die Gäste können sich dort schon jetzt weitestgehend frei bewegen. Eine kleine Karte, die im Shop kostenlos erhältlich ist, hilft bei der Orientierung.

Für Till wird’s schließlich Zeit, wieder in der Küche zu verschwinden. Ich nehme im Restaurant Platz. An einer langen Tafel neben mir sitzen die Tagungsgäste. Die Stimmung ist gut, die Servicekräfte reichen neben dem Essen auch einige Flaschen Wein. Rund 20 Seiten umfasst die Weinkarte des Restaurants. Darunter viele Winzer aus der Region, wie etwa das Weingut Ratzenberger aus Steeg oder das Weingut Graf von Kanitz aus Lorch.

„Und, bist du satt geworden“, fragt Till, als ich mich nach dem Essen in der Küche verabschieden möchte.

„Ach, hör mir auf“, sage ich und grinse.

Satt, das ist eine Kategorie, die der Sache einfach nicht gerecht werden würde. Satt bin ich, wenn ich mir abends aus diversen Resten aus meinem Kühlschrank schnell etwas zusammenkoche. Was Till und sein Team mir an diesem Abend aufgetischt haben, spielt in einer völlig anderen Liga. Da kann man wirklich ins Schwärmen geraten. Kochen können sie also, die Ex-Nachbarn. Hätt ich doch schon eher mal vorbeigeschaut.

 

Und hier die Fotos zum Durchklicken:

1 Kommentar

  • gunter schneider says:

    Guten Morgen, wieder eine schöne Geschichte mit Fotos .Ich muss dazu sagen,ich komme vom Mittelrhein.genauer gesagt aus Steeg,wohne aber seit über fünzig Jahre in der Nähe von Bremen .Freue mich immer über neue Fotos und Nachrichten vom Rhein.

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