Bei Bestellung: Vorname

von

Die Pfalz, die Pfalz, die Pfalz.

Immer geht es um die Pfalz.

Entschuldigung. Burg Pfalz Grafenstein.

So viel Zeit muss sein. Zumindest beim ersten Mal.

„Hiehoggediedodiedoimmerhogge.“

Dieser Satz steht auf einer Bank in der Mitte von Kaub. Do hoggt aber keiner. Un wenn do einer hogge würd, könnt man de Satz gar nimmer lese, dass do die hogge, die do immer hogge.

Egal. Die Pfalz jedenfalls hoggt do, wo sie immer hoggt. Mitten im Rhein. Seit 1327. Es geht also womöglich seit 691 Jahren immer nur um sie. Irgendwie ist das aber auch nachvollziehbar. Ich mein, hey, da steht halt ne Burg mitten im Rhein. Auf dem Berg stehen, das kann jede Burg, denkt sich die Pfalz bestimmt. Auf dem Rhein steht sie allein. Fast einsam auf ihrem Felsen. Zwischen den Ufern. Rechtlich zwar zu Kaub gehörig, aber doch zu keiner Rheinseite so wirklich eine Beziehung.

Ist das der Preis, den man zahlt, wenn man so eine exponierte Lage hat? Wenn auf beiden Seiten des Rheins täglich Menschen ungläubig anhalten um Fotos zu machen, und dabei manchmal beinahe eine Kollision auf offener Straße in Kauf nehmen?

Ja, ja, die Pfalz. Sie ist schon was Besonderes. Auch ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich sie aus allen erdenklichen Perspektiven fotografiere. Und: Ihr habt’s vielleicht gemerkt, bis hierhin ging es in dieser Geschichte fast ausschließlich um die Pfalz.

Dabei ist Kaub mehr als nur Pfalz. Kaub ist Kräutergarten. Kaub ist Rheinsteig. Kaub ist Blücher, Benno und Rotwein. Kaub ist Burg Gutenfels und Gutenfelssteig. Kaub ist Jugendherberge. Kaub ist aber auch Leerstand, Bahnlärm und Einwohnerschwund. Und Kaub ist sicherlich noch viel mehr. Das sind nur die Dinge, die ich an einem Tag dort erlebt habe.

Die Burg Gutenfels steht wohl immer ein bisschen im Schatten der Pfalz. Sie ist in Privatbesitz, wie mir ein Mitarbeiter auf der Fähre erzählt. Früher war dort mal ein Hotel beheimatet. Heute zeugt davon nur noch ein großer weißer Schriftzug auf ihrer Mauer. Ein paar Mal im Jahr öffnen sich die Tore auch heute noch für die Öffentlichkeit. Für Konzerte zum Beispiel. Viel exklusiver also eigentlich, als die Pfalz.

Und dieser Blücher, Entschuldigung, Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher, der hat im Januar 1814 das geschafft, womit sich die Politik heute so schwertut: Er ließ eine Brücke aus Leinwandpontons über den Rhein bauen und führte rund 50.000 preußische und russische Soldaten mit 15.000 Pferden und 182 Geschützen über den Fluss. Gut, wenn der Rheinpegel in den kommenden Jahren weiter sinken sollte, könnte das im Sommer mit den Pontons vielleicht wieder klappen. Oder man läuft gleich so rüber.

Muss jedenfalls ein kerniger Typ gewesen sein, dieser Blücher. Seine Rolle übernimmt in Kaub heutzutage Benno. Also das mit dem kernig, nicht das mit der Brücke. Benno, das ist Benno von Benno‘s Truck Stop. Dem Imbiss direkt an der B 42.

Ich bestelle.

„Wie ist dein Vorname?“

„Christoph.“

Benno notiert meinen Namen auf einem Zettel. Das tut er, weil er ihn wenig später durch sein Mikrofon ausrufen wird, sobald meine Bestellung fertig ist.

Ich schaue mich um.

„Darf ich hier fotografieren?“

„Klar, fotografier.“

„Könnte auch veröffentlicht werden.“

„Mach …“

Ich mache.

„Wo wird das denn veröffentlicht?“

„Burgenblogger.de“

„Ach, du bist der Burgenblogger?!

Er reicht mir die Hand.

„Benno.“

„Christoph.“

Benno hat so seine Prinzipien. Gezahlt wird erst nach dem Essen. Und krumme Beträge bei seinen Preisen gibt’s nicht.

„Die große Cola kostet hier 3 Euro, seit es den Euro gibt. Nicht 2,90 Euro, nicht 2,99 Euro. 3 Euro.“

Bennos Begrüßung: ein „Gude!“

Dieses Gude, das ist nicht einfach so daher gesagt. Es ist auch nicht bloß ein Gruß. Bennos Gude ist ein Ausdruck seiner Lebensart, ja, wohl auch ein Teil seiner Marke. Er meint das, wie er es sagt: ehrlich. Dieses Gude, es thront sogar als Schriftzug über seinem Truck Stop. Benno ist zwar nicht so alt wie die Pfalz, in Kaub aber ebenso eine Institution. Und im Mittelrheintal Kult.

Benno hat Feierabend. Schichtwechsel im Truck Stop. Benno geht. Nein, er fährt. Motorrad natürlich. Zwar keinen Custom-Chopper mit riesigem Lenker und lackiertem Totenkopf auf dem Tank, wie ich es mir beim Verzehr meiner Blücher-Wurst vorgestellt hatte, sondern eine Tourenmaschine. Vielleicht ist er für die Chopper-Nummer allmählich zu alt. Ich werd ihn beim nächsten Mal fragen.

Benno fährt, ein Paar kommt. Sie: Pünktchenkleid, Sonnenhut aus Bast, Blumen im Haar. Er: schwarzes Polohemd, Sonnenbrille, Bart. Typ Motorradfahrer. So unterschiedlich die Optik, so gleich das Getränk: Weizenbier. Sie will sich setzen, zögert aber kurz. Sie geht rüber zu einem Stapel Sitzkissen, greift sich eins und schaut fragend zu ihrem Mann hinüber. Er schüttelt den Kopf, mit einer Attitüde, als wolle er sagen: Bei Benno hogge Männer nicht auf Sitzkissen.

Die Pfalz hoggt unterdessen noch immer auf ihrem Felsen mitten im Rhein.

Ohne Sitzkissen.

 

Und hier die Bilder zum Durchklicken:

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