Brückentag

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Ein regionaler Zankapfel – verpackt als Roadtrip: Zwei junge Frauen machen Brückentag. Mit dabei ein verliebter Franzose am Steuerrad und viele lokalpatriotische Fährmänner. Wie ich mit Studentin Anne durchs Mittelrheintal düste und versuchte Brücken zu schlagen.

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Schlagen Brücken – mit der Fähre: Winzertochter Anne Kauer und Fährmann Michael Schnaas

Was macht man zwischen Pfingsten und Fronleichnam? Richtig, Brückentag. Zwischen den Feiertagswochenenden habe ich mich auf den Weg gemacht, den Rhein zu überschreiten, Verbindungen zu suchen. Denn im gesamten Mittelrheintal führt auf 67 Flusskilometern keine Brücke über den Rhein. Die einen wollen das ändern, die anderen nicht . Eine junge Winzertochter hatte mir aber einen Vorschlag gemacht, den ich nicht ablehnen konnte…

Wenn im Mittelrheintal alle so wären wie Anne Kauer, dann hätten die hier keine Sorgen. Die 24-jährige Bacharacherin studiert Internationale Weinwirtschaft, sie tanzt in der Karnevalsgarde und mag ihre Heimat wirklich. Die Winzertochter sprüht vor Ideen – und sie setzt sie auch noch um. Vor Kurzem schrieb sie mir eine Mail:

„Ich schreibe dir, um dir anzubieten einen Tag alle Fähren im Tal mit dir zu besuchen und dir Hintergründe zu Brückenplänen und Fähren zu geben. Dieses Thema polarisiert deutlich und ich würde vermuten, dass die Bewegung „Pro Fähre“ mindestens genauso groß ist wie „Pro Brücke“. Ich selbst habe bereits eine Facharbeit über dieses Thema geschrieben und es ist wirklich interessant! Nicht zuletzt, weil zu dieser Problematik jeder etwas zu sagen hat und die Emotionen schnell hochkochen…“

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Rheinquerungen: Fähren im Überblick – aus Annes Arbeit

Super Idee! Also haben Anne und ich einen Brückentag eingelegt. Wir trafen uns morgens am Fähranleger in Niederheimbach. Der Plan: Sie erzählt mir von ihrer Facharbeit, für die sie im Jahr 2009 Interviews führte, während wir gemeinsam alle Fähren im Mittelrheintal abklappern und uns anschauen, wo hier eine Brücke gebaut werden soll oder sollte. Ich war überrascht zu lesen: Die Studentin ist Fährenfan, obwohl sie doch eine Brücke vor der Haustür gut gebrauchen könnte. Jeden Tag pendelt sie von Bacharach zu ihrer Uni nach Geisenheim zwei Mal über den Rhein. 580 Euro kostet die Jahreskarte. Wenn sie die Fähre knapp verpasst, muss sie 20 Minuten warten.

 

1. Station beim Schnaasi – Von Niederheimbach nach Lorch
Der Fährmann Michael Schnaas ist ein Niederheimbacher Urgestein: „Schnaasi“, wie manche ihn hier nennen, trägt stilecht Kapitänsmütze und setzt uns heute auf dem längsten Fährstück über den Rhein. 1200 Meter Strecke, vorbei an der Toteninsel, rüber nach Lorch. Ein Frachtschiff zieht vorbei. „Hier gilt Längsschifffahrt vor Querschifffahrt“, sagt Schnaasi und fügt lachend hinzu: „Manche sind aber auch echte Querköpfe“. Von einer Brücke über den Mittelrhein hält er nichts. Klar, er ist ja Fährmann. Seit Nachkriegstagen sei eine Brücke immer wieder im Gespräch gewesen, das Thema kocht regelmäßig wieder hoch. Doch seitdem die Grünen im Landtag sind, liegt die Brücke auf Eis (Floskelfreude!). Wir legen drüben an und winken dem Schnaasi.

Rechtsrheinisch fährt mich Anne weiter nach Kaub. Währenddessen erzählt sie, dass einiges passiert ist seit ihrer Befragung (Übrigens: Vorgegeben waren zehn Seiten, sie schrieb 35 Seiten und bekam Bestnoten!). Anders als beim Dresdner Brückenstreit müssen die Mittelrheiner nun nicht mehr fürchten durch eine Brücke ihren Welterbe-Status zu verlieren. Deshalb wird das Thema im nächsten Wahlkampf sicher wieder auftauchen. Anne sagt manchmal zu ihren Mitmenschen: „Wisst ihr eigentlich, dass wir hier im Mittelrheintal eine von nur sechs Regionen auf der Welt sind, die als gesamte Landschaft zum Welterbe gehören?“ Dann staunen die Leute. „Vielen Einheimischen ist nicht mal bewusst, wie besonders unsere Heimat ist!“

2. Station mit Fährmann Andre Kimpel: Von Kaub ins Niemandsland

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Mitten beim Entschleunigen: 80 Stunden im Jahr verbringt Studentin Anne auf Fähren. Hier gerade mit Andre Kimpel bei Kaub

Hier wird entschleunigt. Andre Kimpel steht in seinem Fährhäuschen, mit Blick auf die imp