Burgenblogger-Du und gelebte Gentrifizierung

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Symbolbild - Sooneck im Nebel. Foto: Timo Stein
Sooneck im Nebel (Symbolbild). Foto: Timo Stein

Vom Erkennen und erkannt werden. Gedanken zum Burgenblogger-Du 

Ich brauche ein Zitat. So ein furchtbar schlaues. Denn, was macht so ein Burgenfeuilletonist, wenn er nicht weiß, wie er akkurat in einen Text einsteigen soll? Er sucht sich ein knackiges Zitat. Am besten irgendwas in der Kategorie Wittgenstein, Adorno oder Andy Borg.

Ja, ein richtig hintergründiges Burgzitat. Der Rest ist dann schnell gemacht. Denn die Verschriftlichung auf den ersten Blick unzusammenhängender Zusammenhänge, die Logik und Stringenz eines Textes, lässt sich immer rhetorisch erzeugen. Immer.

Ich google also: Burg-Zitat.

Ergebnis:

„Eigenlob riecht nach Limburger Käse.“

Oder: „Die wutbürgerfreie Energieerzeugung gibt es nicht.“ (Peter Ramsauer)

Irgendwas von Chris de Burg(h!) war auch dabei.

Kann es sein, dass es wenige bis keine klugen Burgzitate gibt? An dieser Stelle brauche ich Ihre Hilfe. Wer kennt ein schlaues Burgzitat? Ich füge es dann einfach oben ein.

Aber gut. Dann muss es erst einmal ohne gehen.

Kommen wir zum Eingemachten.

Ich werde erkannt.

Du bist doch der Burgenblogger, höre ich immer öfter. Ich zucke dann kurz, gucke absichtslos und sage, dass ich nur sein Auto fahre. Ein Sky-Fußballmoderator wurde vor Kurzem dabei erwischt, wie er in der Vorbereitung zur Moderation einen Mitarbeiter bat, den Kaffee umzurühren. Wenn es im Sky-Moderatoren-Universum Angestellte zum Kaffeerühren gibt, warum sollte ein Burgenblogger nicht auch jemanden haben, der das Auto einsitzt und spazieren fährt?

Aber selbst ohne Auto und Aufschrift wird es immer kniffliger, heimlich durch die Dörfer zu schleichen und ungefiltert Eindrücke zu sammeln. Aber gut, das ist das täglich Brot des Burgenbloggers. Und es schmeckt immer besser.

Womit ich anfänglich so meine Schwierigkeiten hatte, war das Burgenblogger-Du. Das ist dann wohl Teil dieses Projekts. So einen Burgenblogger gibt es nur in der zweiten Person. Das scheint irgendwie Gesetz. Und eigentlich ist das auch nicht weiter schlimm. Denn ich habe kapiert, dass das Burgenblogger-Du kein Ikea-Du ist, kein einer Marketingstrategie entsprungenen Zwangsverbrüderung in einem Wir-haben-uns-alle-lieb-Hemnes-Kommoden-Paralleluniversum, sondern ein rheinland-pfälzisches Hey-zack-Schulterklapps-hömma-kumschtmolnübba-Du.

Und solange daraus kein hanseatisches Helmut-Schmidt-Sie wird oder eine Dritte-Person-Winnetou-Lothar-Matthäus-Choreographie, ist alles in Ordnung.

Wesentlich eindrücklicher war aber eine andere Feststellung.

Bisher hatte ich noch nicht die Zeit gefunden, mir in meiner Burgküche etwas zu essen zu machen. (Schließlich musste ich in Kneipen rumhängen und aus dem Fenster schauen.) Das Kochen hat bisher die Espressomaschine übernommen.

Als ich mir jetzt zum ersten Mal auf dem Herd etwas zubereiten wollte, guckte ich nicht schlecht. Induktion. Ich erinnerte mich, dass mein Burgverwalter Klaus so etwas erwähnt hatte. Er erzählte das aber, kurz nachdem er mir die Geschichte von den Würgeschlangen eröffnete, die um die Burg herum ihr Unwesen treiben und die wieselflinken Eidechsen in Kette wegwürgen würden. Ich hielt die Würgeschlangengeschichte und den Induktionsherd natürlich für eine gelungene Räuberpistole. Wenn mein Burgverwalter etwas hat, dann Humor.

Aber ein Induktionskochfeld? Ernsthaft, Leute? Ein magnetisches Wechselfeld, das die Energie in eine eisenlegierte Bodenplatte des Kochgeschirrs transferiert und durch induzierte Wirbelströme und Ummagnetisierungsverluste in Hitze umwandelt? Auf einer Burg?

Ich fühle mich, als hätte ich auf einen Schlag das Mittelalter gentrifiziert.

Und schlimmer noch. Wenn die Herdgeschichte keine Ente war, sind es die Würgeschlangen auch nicht. Und es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis den Biestern die Eidechsen ausgehen, sie den reschen Herrn Burgenblogger im Südturm plötzlich durch die Schnitzelbrille sehen und er nicht unwesentlicher Teil ihres Speiseplans wird. Warum auch nicht? Die kluge Würgeschlange würde das tun. Ganz im Sinne der Evolution. Flexibilität und Anpassung werden belohnt. Immer nur Eidechse kann’s ja auch nicht sein.

Aber Moment. Wieso zum Teufel schreibt der jetzt über seinen Herd, werden Sie fragen?

Weil meine Espressomaschine schon auserzählt ist, würde ich antworten.

Und ich niemanden habe, der meinen Kaffee umrührt.

Und das ist auch gut so.

Burgzitat Ende.

8 Kommentare

  • Mona Jung says:

    Hey-zack-Schulterklapps-hömma-kumschtmolnübba-Du. Sehr treffend !
    Burgenblogger du schreibst herrlich !

  • Barbara says:

    you made my day!

  • Claudia k. says:

    Kreiiiisch jetzt reicht’s. Ich gebe auf und werde Fan. Das mit dem „Du“ hast Du richtig erkannt😉 Fühl‘ dich einfach geehrt. Ganz jeden duzen wir auch nicht…

  • „Burgenfeuilletonist“ Ein feines Wort! Ich warte ja immer noch auf einen Berliner Blick auf die preußische Rheinromantik :) Vielleicht finden sich da Zitate.

  • Marion says:

    Du hättest weiter rheinabwärts bloggen müssen, dann würdest Du geihrzt, der Kölner ihrzt!

  • Shan Dark says:

    Gibt’s denn nicht irgendwas mit Gefühlen hinter Burgmauern? Oder Arme so stark wie Burgmauern? Oder „lieber die Weinmagd hinterm Fass als die Prinzessin auf der Burg?“
    Egal, meine Highlights des Textes waren „durch die Schnitzelbrille sehen“ und das „hömma-kumschtmalnübba-Du“. So lässt sich’s aushalten. ;)

  • Sorry kein Zitat gefunden
    mich erfreut aber immer Selbstreflexion :

    Der Mittelrhein
    eine Schienengleisanlage
    beiduferseitig

    Burgbenblogger
    ein Induktionsbeobachter
    im Wechsel-
    und Würgefeld

    das Kulturerbe
    induziert Neuanfänge

    magnetisiert die
    schwarzen Löcher
    Verluste da um

    brückenlos alles
    tanzen auf den Zinnen
    die Eidechsen

    sie häuten
    sich noch

    während die Zitate
    verrosten