Ciao Oberwesel!

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Es ist heiß. Die Luft riecht nach warmem Asphalt. Und das Erdbeereis in der Hand des Kindes auf der anderen Straßenseite schmilzt schneller, als es von ihm gegessen werden kann. Mein Körper und mein Geist tun gleiches – zerschmelzen, viel mehr zerfließen in der Hitze. Ich wandere durch Oberwesel, doch habe ich das Gefühl mich an einem Ort in Italien zu befinden.

Das liegt nicht nur an der Hitze. Die vielen kleinen Gassen, verwinkelten Hinterhöfe, die von dicken Steinmauern umschlossen sind und kleine Gärten verbergen, verdichten dieses italienische Bild. In manchen Gärten stehen große, schattenspendende Bäume, Sukkulenten wachsen aus Terrakotta-Töpfen, Windspiele stehen still und Buddha-Figuren braten vor sich hin – un jardin de las maravillas. (spanisch: Wundergarten)

Ich gehe von Süden nach Norden durch Oberwesel. Vorbei an der roten Kirche, die ihr nächstes Kleid zu kriegen scheint, durch die Fußgängerzone, in der sich ein Fotoladen mit einer Kamerasammlung befindet.

Zwei Männer, die mich beim Fotografieren des Ladens beobachten, erzählen mir, dass das mal eine richtige Fußgängerzone gewesen sei und Kneipen hätte es jede Menge gegeben. Jetzt hätten sie den Dönerladen, der sei auch okay. Ich muss schmunzeln, das mit den Kneipen habe ich schon einmal gehört.

Am Marktplatz angekommen, erlebe ich den Puls von Oberwesel. Eine Eisdiele, mehrere Restaurants und Weinstuben, eine Bank und ein Rathaus. Die Tische sind gut besetzt und ich frage mich, wohin sich die Leute nach dem Verlassen des Platzes verlieren. Irgendwo müssen sie ja sein, dahin wohin ich gehe, sind sie jedenfalls nicht. Aber das mag an der siedenden Temperatur liegen.

Der Stadtteil südlich des Marktplatzes wirkt verloren. Manche Häuser scheinen leer zu stehen und die Architektur entspricht der 70er Jahre Einfamilienhaus-Tristesse.

Eine Weile gehe ich noch weiter, dann betrete ich ein italienisches Restaurant. Die letzten Gäste kommen mir entgegen. Ob ich kurz rein dürfe, draußen sei es heiß, frage ich.

Die zierliche Frau hinter der Theke kommt langsam auf mich zu: „Freie Platzwahl!“

Die Langsamkeit ihrer Schritte hält meinen Blick einen Moment fest und erkenne, dass ihr rechtes Bein ab der Hüfte steif ist. Ich stelle mich als Burgenbloggerin vor und sie lacht verschmitzt, das Projekt kenne sie nicht. Aber ich könne ihr davon erzählen.

Und so setze ich mich mit Marion an einen Tisch. Sie ist die Inhaberin des Restaurants, wie sich schnell herausstellt. Das Bein, ja, das hinke. Vor einer Woche habe sie einen Schub gehabt. MS. Kann alles wieder zurückgehen oder auch nicht, das wisse man nicht.

Das Restaurant betreibt sie mit ihrem Lebenspartner Franco seit sieben Jahren. Gerade befindet sich alles im Umbau. Eine Leiter steht im Raum und an der Wand entsteht ein Sonnenuntergangsbild.

Ich möchte wissen, wie es in Oberwesel sei. Vielleicht eine naive Frage. Am Anfang sei es schwer gewesen, seinen Platz hier zu finden, sagt Marion. Man musste sich erstmal beweisen. Aber mittlerweile laufe es gut. Das Leben hier sei in Ordnung.

Gebürtig kommt Marion aus Leverkusen, aufgewachsen ist sie im Hunsrück und jetzt lebt sie in Oberwesel. Was ihr am Mittelrheintal gefalle? So eine genaue Antwort gibt sie mir nicht.

Irgendwann sprechen wir über ihre Krankheit und dass sie das Schicksal manchmal verfluche. Was ihr Kraft gebe, dass sei ihr Lebenspartner Franco. Ein echter Sizilianer, kein Italiener– darauf lege er Wert. Er habe das emotionale, südliche Gemüt, sie sei die leise Deutsche. Wenn beide Zeit haben, dann steigen sie auf sein Motorrad und fahren den Rhein entlang. „Und jetzt mit dem Bein?“, frage ich. Auch das ginge. Beim Auf- und Absteigen helfe er ihr. Festhalten könne sie sich dann alleine.

Ich bewundere sie für ihre Stärke. „Man muss“, zuckt sie mit den Schultern.

Ob sie sich was für später wünsche, frage ich. „Das alles so noch eine Weile geht. Und irgendwann dann nach Sizilien.“ Sie lächelt, darauf freue sie sich.

Beim Rausgehen fällt mir die Tür neben der Theke auf: Sie ist von oben bis unten mit einem Foto einer italienischen Gasse beklebt. „Man muss nur durchgehen und schon ist man in Sizilien“, sagt Marion, die meinem Blick gefolgt ist.

Ich gehe durch die andere Tür und befinde mich wieder in Oberwesel, dass heute mein Italien ist.

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