Das rote Dorf am Mittelrhein

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Kamp-Bornhofen wählt SPD
Warten auf den Wähler. Im Wahllokal in der Feuerwache in Kamp-Bornhofen. (Fotos: Timo Stein)

Die SPD kassiert eine historische Niederlage. In einem kleinen rechtsrheinischen Dorf aber ist alles anders. Kamp-Bornhofen ist das Würselen vom Mittelrhein. Ich verbringe den Wahlsonntag dort und habe zwei Fragen im Gepäck: Warum wählen hier alle SPD? Und wo sind die Ponys?

In Kamp-Bornhofen ist die Welt noch in Ordnung. Sogar für die SPD. Denn Kamp-Bornhofen liegt so gar nicht im Trend. Das hat dort durchaus Tradition. Früher haben sie dort im großen Stil Obst angebaut oder Ponys in den Hang gestellt. Heute wählen Kamp-Bornhofer im Vergleich zum Bundestrend überproportional die SPD.

Bei der Gemeinderatswahl 2014 und Landtagswahl 2016 holt die SPD dort weit über 60 Prozent der Stimmen (68,2 und 66,6 Prozent). Und selbst bei der Bundestagswahl am Sonntag, bei der die SPD im Bund auf knappe 21 Prozent fällt, gewinnt die SPD in Kamp-Bornhofen im Vergleich zur Wahl 2013 bei den Erststimmen Prozentpunkte hinzu und klettert auf 47,5 Prozent. Bei der Zweitstimme liegt sie mit 40,9 Prozent nur knapp hinter dem Ergebnis von 2013.

Dieser Sonntag wird für die SPD im Bund zur Zäsur. Kamp-Bornhofen aber ist eine Insel. Bleibt eine Insel. Eine SPD-Hochburg am Mittelrhein. Jeder 15. Kamp-Bornhofer ist SPD-Mitglied. Die Facebookseite der CDU-Ortsgruppe zählt genau neun Likes.

Was läuft für die SPD hier anders als im Rest der Republik? Und was hat es mit den Ponys im Hang auf sich?

Kamp-Bornhofen liegt rechtsrheinisch. Auf gerade einmal 1700 Einwohner kommen fast 40 Vereine. Man ist hier überwiegend katholisch. Die Infrastruktur stimmt. Es gibt Handwerker, ein Hotel- und Gastronomiegewerbe, eine Kindertagesstätte, eine Grundschule, ein Freibad mit Frühschwimmerregelung, ein Seniorenheim, ein Heimatmuseum, eine Apotheke, zwei Ärzte, einen Friedhof, ein Feuchtbiotop, einen singenden Wirt, eine Dönerbude, eine Webcam mit Blick ins Rheintal und Hebamme Claudia. Weinbau gibt es nicht mehr. Als die Reblaus Ende des 19. Jahrhunderts wütet, stellen die Landwirte auf Apfelbäume, Birnen, Kirschen und Aprikosen um. In den 70ern brechen die Obstpreise dann ein. Die Stadt setzt heute auf Tourismus, auf Wallfahrt, viele Kamp-Bornhofer pendeln zur Arbeit nach Koblenz oder ins Rhein-Main-Gebiet.

Einzige Streitthemen sind laut Protokoll der letzten Sitzung des Gemeinderates das zehnprozentige Gefälle eines Bürgersteiges und die Frage, wer die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED zahlt.

Kamp-Bornhofen ist auch ein Wallfahrtsort. Dort steht das älteste Wallfahrtskloster am Mittelrhein. Ein Ort also, an dem man an Wunder glaubt. An die SPD. An Martin Schulz. Ich pilgere in die Stadt, in der die SPD-Welt noch in Ordnung ist.

Wahlsonntag 2017. Rheinkilometer 568. Oktoberfestfähnchen wehen im Wind. Auf einem Schild steht Vietnam. Auf einem anderen Zwiebelkuchen. Die feindlichen Brüder gucken so gar nicht feindlich. So werden die Burgen Liebenstein und Sterrenberg oberhalb von Kamp-Bornhofen genannt. Zwei Brüder haben dort angeblich mit Schwertern um eine Frau gekämpft. Natürlich der Liebe wegen.

Im Dorf unten herrscht Burgfrieden. Die Ortsvorsitzenden von CDU und SPD, Hartmut Hülser und Peter Wendling, haben die erste Schicht im Wahllokal der Feuerwache. Hülser trägt Schlips, Wendling Karohemd. Schriftführer ist der Nachbar des CDU-Manns. Die Schwester vom Bürgermeister ist Beisitzerin. Es gibt selbst gebackenen Kuchen und Kaffee.

CDU-Vorstand Hülser ist im Ort fast schon ein Exot. Er erzählt mir von den goldenen CDU-Zeiten. „Früher war das genau umgekehrt. Da hatten wir die absolute Mehrheit. Heute bin ich hier in der Minderheit.“ Der 76-Jährige ist 1980 vom Niederrhein an den Mittelrhein gezogen und war Backstubenleiter im Ort. Die Bäckerei gibt es heute nicht mehr.

„Die SPD macht hier gute Jugendarbeit. Das muss ich anerkennen“, sagt CDU-Mann Hülser. SPD-Ortsvorsteher Peter Wendling hört das gern. Der 54-jährige Berufssoldat ist 2003 nach Kamp-Bornhofen gezogen. Er kommt aus Bamberg, hat mit seiner Familie ein paar Jahre in Rendsburg gelebt und war im Kosovo im Auslandseinsatz.

Für Wendling gibt es noch einen anderen Grund, warum die SPD hier so gut abschneidet. Die SPD im Ort profitiere auch von ihrem berühmtesten Mitglied: dem Innenminister. Roger Lewentz wohnt in Kamp-Bornhofen und war dort von 1994 bis 2006 Bürgermeister.

Mit Blick auf den Wahlausgang hat der Bäckermeister a.D. einen anderen Wunsch: „Hoffen wir, dass die braune Brühe nicht so viele Stimmen kriegt.“ Der SPD-Mann nickt zustimmend.

Die Feuerwache ist an diesem Sonntag eine Herzkammer der Demokratie. Wahlpartys finden woanders statt – in den Städten, in Mainz, in Koblenz, in Berlin. In der Peripherie wird Demokratie gearbeitet. Wenn andere ihre Wahlspaziergänge machen, den Sonntag und die Sonne genießen, sitzen die Wahlhelfer, die Wendlings und Hülsers, in muffigen Turnhallen, in Schulen, in Bahnhofshallen oder eben einer Feuerwache. Nach Schließung der Lokale zählen sie die abgegebenen Stimmen, bilden Häufchen, zählen erneut, geben das Ergebnis telefonisch an die Verbandsgemeinde durch, dokumentieren alles und fahren die Stimmzettel zur Stimmzettelsammelstelle.

CDU-Mann Hülser macht das seit vielen Jahren und erinnert sich: „Früher waren die Menschen anders angezogen. Viele kamen direkt aus der Messe.“

Und heute?

Bäckermeister a. D.: „Ich habe auch schon Leute in Ballonseide gesehen.“

Soldat: „Lieber in Ballonseide wählen gehen als in Schlips zu Hause sitzen.“

Im Grunde spielt in einem kleinen Ort wie Kamp-Bornhofen die Parteizugehörigkeit eine untergeordnete Rolle. Wichtige Fragen im Gemeinderat werden letztlich einstimmig beschlossen. „Als die Flüchtlinge gekommen sind, hat keiner gesagt, die wollen wir nicht. Wir haben das geregelt. Gemeinsam“, erklärt SPD-Wendling. Auch organisieren sie einmal im Jahr ein Nationenessen. Syrer, Türken oder Polen kommen. Die Frau des Innenministers macht dann dänische Vorspeisen. Neben dem Rathaus am Alten Markt haben sie einen Friedensbaum gepflanzt.

Dann will ich von den beiden noch wissen, was es denn nun mit den Ponys auf sich hat. Ich hatte irgendwo gelesen, dass die unterhalb der Burgen stehen sollen. Ponys im Hang? SPD-Wendling schüttelt den Kopf. CDU-Hülser aber erinnert sich. „Die gibt es nicht mehr.“ Vor vielen Jahren habe man die in den Rheinhängen zusammen mit Burenziegen angesiedelt, um die Verbuschung der alten Kulturlandschaft zu verhindern.

„Na ihr!“ Der Innenminister betritt die Feuerwache. Er kommt allein. „Meine Frau darf nicht wählen, die ist Dänin.“ Ich will von ihm wissen, was hier los ist. In diesem SPD-Dorf. Lewentz lobt die Arbeit der SPD im Ort, den SPD-Bürgermeister, einen Verwaltungsfachwirt, und erklärt, dass gerade für die jungen Leute sehr viel gemacht worden sei.

„Hallo, Frau Schneider.“ Lewentz grüßt sich durch das Wahlvolk. Er kennt hier jeden. Und jeder kennt ihn. „Das Dorf ist meine Heimat“, sagt er. Seit 1963 ist das so. Auch heute fährt er abends nach der Arbeit im Ministerium immer nach Hause.

Lewentz ist auf dem Sprung nach Mainz. In ein paar Stunden wird eine Krisensitzung der nächsten folgen, in ein paar Stunden wird er Rede und Antwort stehen müssen, warum die SPD eine historische Wahlniederlage erlitten hat. An diesem Nachmittag hat er bereits eine Vorahnung: „Ich glaube, das wird heute nicht ganz einfach.“ Er hat vor allem Sorge, dass die AfD viel Zulauf bekommt. „Wir erleben ja bei uns im Landtag, wie die die Debatte vergiften.“ Ich frage ihn, ob Martin Schulz nach 18 Uhr noch Vorsitzender der SPD sein oder womöglich heute noch zurücktreten werde. „Wir stehen in guten und in schlechten Zeiten zusammen“, sagt der Minister. Er sei kein Freund davon, dass nach Wahlniederlagen sofort der Vorstand gewechselt würde.

„Matthias!“, ruft Lewentz plötzlich. Klapps. Handschlag. Pater Matthias schwingt sich vom Rad. Er ist einer von sieben polnischen Mönchen im Wallfahrtskloster. Seit einem halben Jahr hat er die deutsche Staatsbürgerschaft. Es ist seine erste Wahl in Deutschland. Lewentz und Pater Matthias tauschen Nummern aus. Roger Lewentz erinnert sich an die Zeit, als die polnischen Mönche nach Kamp-Bornhofen kamen. Er bekam Leserbriefe, in denen sich Menschen darüber aufgeregt haben, weil Slawen nicht ins Rheinland passen würden.

Der Personenschutz mit Limousine fährt vor. Innenminister Lewentz muss los. Ich vergesse, die entscheidende Frage zu stellen: die nach den verschwundenen Ponys. Lewentz steigt in die Limousine. Der Pater aufs Rad.

Ich mache mich auf zum Bahnhof ins zweite Wahllokal. Es sind keine fünf Minuten zu Fuß.

Auf dem Weg dorthin treffe ich Annemarie und Anneliese. Beide sind Jahrgang 1935. Seit gut 80 Jahren sind sie beste Freundinnen. Sie waren schon zusammen im Kindergarten. „Wir sind Kamper-Kinder“. Auch von ihnen will ich wissen, warum hier alle SPD wählen. „Stimmt nicht“, sagt Anneliese, „wir wählen die CDU.“ „Und unsere Freunde auch“, ergänzt Annemarie. „Früher waren die Leute hier zu 99 Prozent katholisch. Da war alles CDU. Die CDU im Ort hat das hier einfach verschlafen.“

Am Bahnhof folge ich den mit Tesafilm in die Fenster geklebten Zetteln mit der Aufschrift „Wahllokal“. Darunter der obligatorische Pfeil. An diesem Sonntag sind sie tausendfach in der ganzen Republik verklebt. Ein Wahllokalschild ohne Pfeil? Undenkbar. Die Stadt nutzt das Bahnhofsgebäude mittlerweile als Multifunktionsraum. Die Züge halten noch, aber einen Schalter gibt es nicht mehr. Zwei SPD-Männer, ein Parteiloser und der Chef der Bürgerinitiative gegen Bahnlärm haben die zweite Schicht. Wieder hat jemand Kuchen mitgebracht. Ein Kickertisch steht in der Ecke. Eine übertrieben große Bahnhofsuhr hängt darüber. Sie ist kaputt und zeigt sieben Minuten nach zwölf. Eine SPD-Uhr.

Warum die SPD hier so stark ist, frage ich. Und wo die Ponys sind. Die Antworten kenne ich schon. Die SPD macht viel im Ort, und die Ponys sind verschwunden. Die Themen in der Runde sind andere: der Güterverkehr und die Servicewüste Mittelrhein. „Hier kannst du nirgends frühstücken.“

Ein Ortsfremder steht plötzlich in der Tür. Er will ein Bahnticket kaufen.

Die Wahlhelfer klären mich auf: „Das geht schon den ganzen Tag so. Es gibt hier keinen Fahrkartenautomaten. Erst ab Lorch, ab Hessen wieder. Die Touristen stehen hier hilflos am Bahnhof.“

„Die sind hier total serviceorientiert“, scherzt ein anderer und ist wieder im Thema.

17 Uhr. In einer Stunde schließen die Wahllokale. Die Sonne schickt letzte Grüße über die linksrheinische Hügelkette. Ich setze mich in eine Weinstube mit Blick auf den Rhein. Die Kellnerin, die gerade die Sonnenschirme aufklappt, simst den Koch an. Er kommt ins Lokal und macht mir ein Schnitzel. Am Nachbartisch sitzen fünf Rentner. Natürlich ist die Wahl Thema. Und Zwiebelkuchen.

Kurz nach 18 Uhr werden bei der Feuerwehr die Stimmen ausgezählt. Um einen großen Tisch stehen die Wahlhelfer. An einem kleinen wird notiert. Für einen Blick auf die ersten Zahlen im Bund ist keine Zeit. Alle sind konzentriert. Der SPD-Haufen ist der größte. Ich schaue auf mein Smartphone. Die erste Prognose sieht die SPD bei 20 Prozent.

Wo genau die Ponys heute eigentlich sind, traue ich mich jetzt nicht mehr zu fragen.

 

Der Wahlsonntag in Kamp-Bornhofen. Eine Bildergalerie:

5 Kommentare

  • RIA Rottmann says:

    Ich habe Timo Stein als netter Gast erfahren. Danke für den schönen Bericht über meine Wahlheimat. Es stimmt. Kamp-Bornhofen ist lebenswert!
    Liebe Grüsse: die Kellnerin.

  • Mona Jung says:

    Mal ein ganz anderer Blick auf die Bundestagswahl. Besonders treffend: das Wahllokal als Herzkammer der Demokratie.
    Schade, dass wir nur noch einen Monat die tollen Texte genießen können!

  • Vielen Dank für den netten und zutreffenden Bericht. Musste mehrfach schmunzeln.
    Ich würde mich freuen, Sie öfter hier begrüßen zu dürfen. Vielleicht bekommen Sie noch weitere Infos zu Ihrer Herzensfrage nach den Ponys.
    Gruß auf die Burg
    Peter Wendling

  • Interessanter Artikel der zeigt, dass in Kamp das Miteinander zählt und in der politischen Landschaft mehr von Seiten der CDU getan werden muss. Ich als stellvertretender Vorsitzender der CDU in Kamp-Bornhofen werde mich persönlich darum kümmern.

  • … oder eo die Welt noch in Ordnung ist! Schöner Bericht!

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