„Der Ditib-Vorstand erweist Muslimen einen Bärendienst“

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Das Motto der Demo am Samstag in Köln.
Das Motto der Demo am Samstag in Köln.

In Köln gehen Muslime gegen Terror und Gewalt auf die Straße. Der größte Moscheeverband „Ditib“ ist allerdings nicht dabei. Die Initiatorin des Friedensmarsches, Lamya Kaddor, im Interview.

Frau Kaddor, Sie wollen mit Ihrem Friedensmarch am Samstag ein Zeichen gegen Gewalt und Terror setzen. Was war der Auslöser? Vielleicht auch die Wutrede des „Rock am Ring“-Veranstalters Marek Lieberberg, der nach der Terrorwarnung beim Festival sinngemäß davon gesprochen hat, dass zu wenige Muslime gegen den Terror auf die Straße gehen? 

Nein. Das war nicht der Auslöser. Es waren die letzten Terroranschläge in London und Manchester, die mich persönlich erschüttert haben. Ich bin selbst Mutter von zwei Kindern. Und der Umstand, dass das wieder im Ramadan stattgefunden hat. Gerade in einer Zeit, in der Muslime alles andere machen sollten, als Hass und Gewalt zu verbreiten. Aus diesem Gefühl heraus ist die Aktion entstanden.

Haben Sie einmal mit Herrn Lieberberg gesprochen?
Ja, und wir haben ihn auch eingeladen.

Und, kommt er?
Er hat gesagt, er versucht es. Er ist allerdings gerade mit Depeche Mode in der Schweiz. Er hat aber in einem sehr netten Brief geschrieben, dass er den Aufruf auf jeden Fall unterstützt.

Sie sagen in Ihrem Aufruf: „Wir tun es nicht, weil wir uns als Muslime von diesen Gewalttätern distanzieren müssten.“ Warum dann?
Es muss im ureigenen Interesse der Muslime liegen, sich noch schärfer abzugrenzen. Unabhängig davon, ob das erwartet wird oder nicht. Ich möchte nicht, dass junge Menschen solche Terroristen als Vorbilder sehen. Wenn wir sagen, Terroristen sind keine Muslime, machen wir es ihnen eben nicht leicht. Wir müssen Terror und Gewalt im Namen des Islam gesellschaftlich noch viel stärker ächten.

Die Ditib als größter Moscheeverband wird nicht teilnehmen. Haben die sich mal bei Ihnen gemeldet?

Nein. Ich bekam nur die Pressemitteilung. Obwohl ich denen sechs Tage hinterhergerannt bin. Auf allen Kanälen. Das enttäuscht mich sehr. In der ziemlich fadenscheinigen Pressemitteilung ist unter anderem die Rede von „Effekthascherei“. Das ist schon beschämend. Damit erweist der Ditib-Vorstand den Muslimen einen Bärendienst. Gerade aus Sicht der Ditib wäre es wichtig, an der Aktion teilzunehmen. Es wäre doch die Chance, deren Reputation wieder aufzubauen. Jetzt muss sich der Vorstand fragen, wo er eigentlich steht, wo er sich verortet. Ich bin mir aber sicher: Viele Ditib-Mitglieder werden am Samstag dennoch kommen.

Ist das auch ein bisschen typisch für die konservativen Islamverbände? Aus deren Sicht sind Sie zu liberal und im Grunde gar keine richtige Muslima.
Es ist jetzt nicht die Zeit, um über liberal oder konservativ zu reden. Es geht darum, gemeinsam gegen Terror aufzustehen. Da muss all das mal hinten anstehen. Es geht darum, dass wir Muslime erkennbar als Gruppe, wie auch immer man das definiert, ein Zeichen setzen. Egal, ob gemäßigt, liberal, säkular oder was auch immer. Ich wollte mit diesem Aufruf die ganzen innerislamischen Querelen ausblenden.

Immer mehr liberale Muslime organisieren sich. Die Frauenrechtlerin Seyran Ates eröffnet in Berlin eine liberale Moschee. Ist das der neue Weg, es nicht den reaktionären, männerdominierten Verbänden zu überlassen?
Ich begrüße das. Immer und egal, wo das passiert. Die Idee und Umsetzung sind allerdings alles andere als neu. Und die Art und Weise, wie es dargestellt wurde, hat mir weniger gefallen. Es wurde so getan, als sei sie die erste Imamin. Dabei gibt es seit Längerem deutschsprachige Imaminnen, die auch geschlechtergemischte Gebete durchführen – zum Beispiel Rabeya Müller.

Die Demo „#NichtMitUns – Muslime und Freunde gegen Gewalt und Terror“ beginnt um 13 Uhr auf dem Heumarkt in der Kölner Innenstadt.

 

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