Der erste Abschied

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Wenn man „Wandern“ und „Zitate“ in eine Suchmaschine eingibt, bekommt man eine Menge kluger Gedanken, die alle irgendwie ein wenig das beschreiben, um was es geht, was man suchen kann oder vermeintlich finden will.
Für mich passt allerdings kein Zitat wirklich, also schließe ich die Tabs wieder und versuche das für mich Erlebte in Worte zu fassen.

Es ist der erste Abschied. Bald werde ich meine letzten Wochen als Burgenbloggerin in Koblenz verbringen. Deswegen und vielleicht auch, weil ich schon seit Längerem den Rheinburgenweg gehen wollte, bin ich gewandert. Nicht sonderlich weit – etwa 13 Kilometer, von der Burg Sooneck nach Bacharach. Begleitet hat mich dabei der Masterstudiengang Kommunikationsdesign der Hochschule Mainz. Ein ganzes Stück sind wir zusammen gelaufen, irgendwann hat sich ein Teil der Gruppe verloren. Wiedergefunden haben wir uns dann erst am Ende.

Nach der Wanderung bin ich noch einmal zur Burg Sooneck gekommen. Das Gemäuer ist nun kalt, die Sommerwärme des Schiefers ausgekühlt. Kann man zu einem Ort, an dem man nicht einmal ein halbes Jahr gewohnt hat, schon eine Sehnsucht entwickeln? Ich kann sie ausblenden, wenn ich unterwegs bin, herumfahre und mit Menschen spreche, aber sobald ich in der Nähe der Burg bin, ist sie da – die Sehnsucht gemischt mit ein wenig Heimweh. Seltsam, denke ich.
Andererseits kommt es ja auch nicht auf die Dauer unserer Beziehungen an, sondern auf die Qualität. Könnte auch so ein kluges Zitat sein, ist es wahrscheinlich auch. Was sagen schon acht Jahre aus, wenn man nicht glücklich war? Und umgekehrt kann ein halbes Jahr einen mehr mitnehmen, prägen, umwerfen, wenn es einen wirklich berührt.

„Möchtest du Tee?“, fragt Burgwärter Leo mich, während ich auf meinem Lieblingsplatz sitze und auf den Rhein blicke.
„In drei Minuten, dann komme ich zu dir hoch.“
„Trinken wir den Tee draußen?“
„Ja, klar. Auf der Bank im Eingangsbereich, oder?“
„Gerne. Bis gleich.“
Da sitze ich nun auf der Mauer und sehe einem Güterzug beim Vorbeifahren zu. Seine bunten Waggons leuchten fast schon in der immer karger werdenden Natur. Die Blätter sind mittlerweile fast alle braun gefärbt, das Efeu im Pavillon meines Lieblingsplatzes ist abgefallen und schon weg geräumt. Ein letzte blühende Rose hat es allerdings in den November geschafft.

Wandern lässt einen die Landschaft, die einen umgibt, noch einmal ganz anders wahrnehmen, entdecken und erleben. Durch das langsame Fortbewegen finde ich in dem vermeintlich bekannten Abschnitt zwischen Burg Sooneck und Bacharach noch einmal ganz neue Bilder. Der Rheinburgenweg macht einige Schlaufen und Höhenmeter und führt teilweise auf dem Hunsrück entlang. Die Kälte und die dazu passende kühle Luft sind genau richtig. Man geht zwar mehr alleine als in den warmen Monaten, aber auch das hat seine Vorteile.
Auf der Wanderung wurde es irgendwann still in mir, ich bin einfach gegangen und habe die Aussicht genossen. Die Stille übertrug sich dann auf das Papier – mein Notizheft und meinen Zeichenblock. Also habe ich einfach abgewartet, habe mich meiner eigenen Erwartungshaltung gegenübergestellt, habe Selbst- und Fremdbild verglichen, was oft gar nicht so nah beieinander liegt. Und habe mal wieder festgestellt, dass ich nicht gut darin bin, einfach irgendwas zu machen, um des puren Machens willen, sondern lieber das Abwarten und eben die Stille aushalte.

Das Bergwerk in der Kraterlandschaft neben der Burg Sooneck arbeitet auch im kühlen Herbst – ich sehe es gerade nicht, höre jedoch die Maschinen. Meine Hände sind eiskalt, aber das ist nicht weiter schlimm. Die Lkw und Bagger sehen aus wie Spielzeuge in einer Miniaturlandschaft und obwohl das Bergwerk fester Bestandteil des oberen Mittelrheins ist, finde ich es immer noch eigenartig fremd.

Ich muss zu Leo Tee trinken, meine drei Minuten sind vorbei.
„Die Bagger sind toll für die Kinder“, sieht Leo mich an, der meinem Blick gefolgt ist.
„Nicht nur für die“, sage ich.
„Jeder Mensch hat das Recht auf Glück“, sagt Leo aus dem Nichts heraus und bietet mir Kekse aus seiner Brotdose an.
„Danke“, sage ich, „nicht nur für die Kekse.“

Die letzten vier Wochen brechen an.
Wer Wünsche oder eine Idee hat, darf, kann, soll sich bitte melden – ich freue mich.
Ansonsten bleibt alles wie gewohnt.

 

 

 

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