Der Liebesrausch der Borkenkäfer

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Der Borkenkäfer bohrt Muster in die Rinde
Unter der Rinde geht die Post ab. Käferkunst am Baum.

Der Deutsche liebt seinen Wald. Der Borkenkäfer tut das auch. Der Wald hat mit beidem zu kämpfen. Ein Waldbesuch.

Noch so ein Mythos. Der Wald. Der Deutsche Wald. Die Germanen verehrten ihn, die Christen ließen Dämonen dort einziehen, machten den Wald zum Ort der Sünde, des Bösen und rodeten die holzigen Gottheiten. Die Romantiker platzierten ihre Märchen darin. Und natürlich musste auch der arme Baum als Projektionsfläche nationaler Identität herhalten. Waldschutz wurde Heimatschutz, die Nationalsozialisten vereinnahmten ihn für ihre perverse Ideologie.

Linke sahen ihn in den 80er-Jahren dann sterben. Der Wald aber tat ihnen diesen Gefallen nicht. Er, der zuvor Nazis, Heimatfilme und selbst die Schwarzwaldklinik überlebt hatte, überstand auch die ausgerufene Apokalypse. Auch der deutsche Adel – oder was von ihm noch übrig war – entdeckte die Natur und floh in den Wald. Zwei Drittel des deutschen Waldes sind heute in Privatbesitz.

Der Waldverehrung gelang der Sprung auf die Bestsellerlisten. Zuletzt 2015 mit Peter Wohllebens „Das geheime Leben der Bäume“. Auch magazintauglich ist er längst. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung wurden kürzlich Prominente nach ihrem Lieblingsbaum gefragt. Das Resultat: Sarah Wiener sitzt in einer Esche in der Uckermark und philosophiert über Vampire. Bodo Ramelow posiert vor einer Douglasien-Wurzel. Malu Dreyer erzählt von ihrer Lieblingskeschde, widersteht aber glücklicherweise dem Versuch, einen Baum zu liebkosen. Christian Ude schafft das nicht. Er tätschelt einen Baum im Englischen Garten. Und Reinhold Messner lehnt wie ein besoffener Yeti an einer Himalaya-Zeder. Wobei ich annehme, dass die extra für ihn erfunden wurde.

Dem Borkenkäfer ist der Mythos Wald egal.

Und auch Gerd Loskant kommt ohne Pathos aus. Loskant ist Chef im Großforstamt Boppard und hat ein Auge auf Käfer und Baum. Der 65-jährige weiß auch, wie man einen Burgenblogger in den Wald lockt. Man erzählt ihm vom Liebesspiel der Borkenkäfer, sattelt das Forstauto und fährt tief in den Werlauer Wald oberhalb von St. Goar. Mit an Bord sind die zwei Forstpraktikanten Miriam Naß und Robin Scherzinger. Es geht holprige Waldwege hinauf. Licht wird von Schatten über die Armaturen gejagt.

„Borkenkäfer sind im Grunde immer da. Kritisch wird es ab dem sogenannten ‚Eisernen Bestand’“, erklärt Loskant, während wir uns einer Baumgruppe nähern.

Loskant zeigt auf etwas. Ich sehe einen Baum. Loskant sieht ein Problem. Der Baum trägt eine leicht gelbliche Krone, ein erstes Symptom eines Borkenkäferbefalls im Anfangsstadium. Typisch ist auch das Bohrmehl am Bohrloch und Boden des Baumes. Beim Reifefraß der Larven wird dann die Wasserzufuhr des Baumes durchtrennt, die Krone stirbt ab, wird erst gelb, dann braun, schließlich fallen die Nadeln zu Boden. Wenn der Specht kommt, ist der Baum hinüber.

Mit dem „Eisernen Bestand“ ist die Voraussetzung für die Massenvermehrung gegeben. Am wohlsten fühlt sich der Borkenkäfer bei Trockenheit. Dann lässt der Wasserdruck im Baum nach. Mit ihm der Harzdruck. Ein gesunder Baum kann einen Borkenkäfer einfach wegharzen. Ist der Harzdruck nicht groß genug, gewinnt der Käfer, kann bohren und unter der Rinde sein Unwesen treiben.

Hat es der Käfer zwischen Baum und Rinde geschafft, sendet er Pheromone aus, die seinen Käferfreunden signalisieren, Baum ist geschlagen und zum Einzug bereit.

Dann kommen sie angeflogen. Vornehmlich die Männchen.

„Die Käferfrau spielt hier noch keine Rolle“, erklärt Loskant und holt ein großes Messer hervor. Die Käfermännchen beginnen jetzt, ihre Liebesnester zu bauen. Zentrum des Geschehens ist die sogenannte „Rammelkammer“. Erst wenn sie fertig ist, schaut Frau vorbei. Nach der Begattung hat sie dann die Arbeit. Sie bildet die „Muttergänge“ und legt ihre Eier ab.

Loskants Messer bohrt sich in die Rinde eines Baumes. Er schneidet ein flaches Stück aus der Fichte, dreht es um und präsentiert das herrliche Muster der Käfergänge. Pure Käferkunst. Ein Werk wie von Anselm Kiefer. Die Innenseite der Rinde zeigt den Muttergang, der von der Rammelkammer abgeht, zeigt Puppenwiege, Reifefraß, zarte Linien, die von weniger zarten abgehen. Die Hauptgänge zeichnen die Umrisse einer Stimmgabel. „Es ist da typische Fraßbild des Buchdruckers“, erklärt Loskant.

Loskant schaut sich um. Alles in allem sei der Schaden nicht so schlimm, resümiert er. „Erhöhter Normalstand im oberen Bereich.“ Kein Grund zur Käfersorge also. „Hier allerdings entsteht ein großes Loch“, sagt er. Für ca. 100 Fichten kommt die Hilfe zu spät.

Schon Loskants Vater liebte den Wald. Auch er war Förster. „Im Wald gibt es keine Hektik, die kommt am Schreibtisch“, erzählt er. Loskant hat über die Verwertung von Kieferschwachholz promoviert. Er schätzt besonders die Vielfalt: „Ich bin als Ökologe, Ökonom und Jurist im Wald, bediene Gemeinden und Bürger, habe mit Mensch und Baum zu tun.“

Loskant will den Wald noch näher an den Menschen bringen. Ziel sei es, den „Wald noch mehr zu öffnen“. Für Wanderer, für Schüler oder im Sinne der Naherholung. „Da sind die Jäger nicht begeistert“, sagt er und lacht.

Dann bleibt er plötzlich stehen. Und zeigt wieder auf etwas. Am Boden. Ich sehe Grün. Er sieht junge Bäume und zählt auf: „Buche, Eberesche, Kiefer, Tanne, Fichte, Douglasie. Jetzt noch eine Eiche, Miriam!“ Miriam schwärmt aus. Und meldet Eiche.

So viele unterschiedliche Arten auf einem Fleck seien ungewöhnlich. „Wenn die Eiche das Wild überlebt, wird sie wahrscheinlich den Wettkampf gegen die benachbarte Buche verlieren.“

Die Wetterlage bereitet Loskant größere Sorge als der Befall durch Käfer. „Die Orkane nehmen zu, schlagen Löcher in den Wald und machen die Bäume dann auch anfälliger für Käfer.“ Besonders die Fichte, immer noch Bauholz Nummer Eins, mag weder Wind noch Käfer. Sie ist Flachwurzler. „Wir pflanzen keine Fichten mehr in Höhenlagen. Wegen der Klimaveränderung. Es ist schlicht zu warm“, sagt Loskant. Die Preußen dürfte das nicht freuen. Sie haben die Fichte einst gebracht.

Weitaus weniger anfällig ist die Douglasie. Der um 1900 aus Nordamerika eingeführte Baum ist deutlich widerstandfähiger, übersteht Trockenphasen und Extremwettersituationen besser als der einheimische Nadelbaum. Mit knapp 10 Prozent Anteil ist Rheinland-Pfalz das douglasienreichste Bundesland.

Allerdings ist sie unter Umweltschützern ein Reizthema. Die Douglasie ist quasi der Diesel unter den Bäumen. Der einheimische, der „autochthone Baum“, wie es beim BUND heißt, hat für sie Vorfahrt. Die Douglasie nennen die Umweltschützer eine invasive gebietsfremde Art. Es ist ein wirklich eigenartiges Verständnis von Natur. Selbst nach über hundert Jahren fern der Heimat bleibt die Douglasie Dauermigrant.

„Da muss ich lachen“, sagt Loskant, schüttelt den Kopf und zählt auf, was in den Wald alles ursprünglich nicht hingehört. Dann zeigt er die Richtung, in der nicht weit entfernt Soja angebaut wird. „Gegen die Douglasie ist überhaupt nichts zu sagen. Außerdem hat sie super Holz.“

So steht am Ende eines Waldbesuches die zarte Erkenntnis, dass die Beziehung zwischen Mensch und Baum eine Besondere bleibt. So mancher Umweltschützer mag es reinrassig. Der Borkenkäfer sowieso. Und ich habe noch immer keinen Baum umarmt.

Bin mir aber sehr sicher, dass der Wald sie alle überleben wird. Den Ausländerbaum genauso wie Mensch und Käfer.

1 Kommentar

  • ursula goldau says:

    hat jmand mal zu lesen versucht was der buchdrucker so schreibt ins holz?
    vielleicht schreibt er ja so gut wie der burgenblogger oder schreibt ab oder antwortet oder stellt fragen an uns alle die wir im wald oder auch nicht im wald sind? vielleicht schreibt er über die zukunft und wir könnten es deuten?
    ich finde den beitrag des burgenbloggers mal wieder sehr sehr gut, mutig und engagiert nicht
    nur für den wald und seine borkenkäfer, die auf ihre art den baum umarmen -wenn sie nicht weggeharzt werden…

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