Der ohne Establishment

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Unter Wählern. Der parteilose Peter Babnik bei einer Podiumsdiskussion der Direktkandidaten des Wahlkreises 199. Foto: Andreas Jöckel.
Unter Wählern. Der parteilose Peter Babnik bei einer Podiumsdiskussion der Direktkandidaten des Wahlkreises 199. Foto: Andreas Jöckel.

Kaum jemand kennt Peter Babnik. Dabei will er in gut fünf Wochen bei der Bundestagswahl 70.000 Stimmen holen. Das hat er sich so ausgerechnet. Über einen, der aussichtslos in einen Wahlkampf zieht. Wahlkampf ganz unten.

Freitagnachmittag im August. Der Himmel trägt grau. Es regnet. Vor dem Forum Confluentes in der Koblenzer Innenstadt dröhnt der Protestsong „Spring time for Nazis“ aus den Boxen. Im Forum treffen sich Spitzenfunktionäre der AfD. Ca. 70 Gegendemonstranten stehen draußen im Regen mit Schirmen vor der provisorischen Bühne.

Auch Peter Babnik steht im Regen. Ohne Schirm. Seit gut vier Stunden verteilt er seine Visitenkarten zwischen Bühne, Forum und Einkaufszentrum.

Peter Babnik will in den Bundestag. Zehn Kandidaten treten für den Wahlkreis 199 an. Der 49-jährige Babnik ist einer von ihnen. Knapp sechs Wochen bleiben ihm für seinen aussichtslosen Kampf. Er hat keine Partei im Rücken. Kaum Unterstützung. Nur ein bisschen Erspartes, seine Visitenkarte und ein kleines grünes Notizbuch, in das er seine Wahlkampftermine notiert.

Babnik trägt ein blaues Shirt mit der Aufschrift „March for science“. Ein EU-Aufkleber mit Herz klebt auf seiner Brust. Wie Balu der Bär tapst er durch den Regen. Beim Erstkontakt mit potentiellen Wählern bleibt ihm nicht viel Zeit, um seine Botschaft an den Mann oder die Frau zu bringen. Die meisten nehmen seine Visitenkarte wortlos und wehrlos entgegen. Andere winken ab. „Ich bin keine Partei“, sagt er dann und hofft, so durchzudringen. Einmal schleicht er sich an einen Polizeibulli ran. Und steckt seine Karte durchs Beifahrerfenster. Die können nicht weg.

Wir setzen uns in ein Café in das nahegelegene Einkaufszentrum. Auf den Tischen stehen Plastikblumen. Die Beleuchtung hat zu viele Blauanteile. Schuhabsätze hallen, Stimmen dröhnen durchs Atrium. Babnik schiebt sein nasses Haar zur Seite. Und erklärt mir seine Mission.

Sein Plan: Er holt die meisten Erststimmen im Wahlkreis 199 und die Kandidaten von CDU und SPD ziehen über die Zweitstimme, also die Liste ein. „Dann hätten wir drei Kandidaten aus Koblenz im Bundestag. Drei Trümpfe für Koblenz. Und ich kann so etwas wie der Konsenskandidat sein“.

Der gebürtige Kieler lebt seit 17 Jahren in Koblenz und arbeitet als Musiklehrer an einer Musikschule. 2015 macht er ein Magister in Musikwissenschaft, engagiert sich während seiner Studienzeit in der Hochschulpolitik für die Campusgrünen. Mitglied bei den Grünen wird er nicht. 2015 tritt er der Partei der Humanisten bei, betont aber: „Ich habe dort keine Funktion und null Unterstützung“. Er tritt parteilos an. Das ist ihm wichtig.

Weil er sich in keiner Partei so richtig wiederfindet, will er jetzt selbst ran. Anfang des Jahres durchstöbert er das Wahlgesetz und stößt auf die Möglichkeit, als parteiloser Kandidat anzutreten. Benötigt werden 200 Unterstützerunterschriften von Wahlberechtigten aus dem Wahlkreis 199. Babnik schreibt ans Wahlamt und bekommt einen Stapel Papier zugeschickt. Im Februar fängt er an. Bis Mitte Juli hat er 207 Stimmen zusammen. Er muss um jede einzelne Stimme kämpfen.

„Es ist das erste Mal, dass ein Einzelbewerber für den Wahlkreis 199 antritt“, sagt Dirk Urmersbach von der Stadtverwaltung Koblenz. Er ist es, der Babniks Stimmen entgegengenommen und sie auf formelle Richtigkeit überprüft hat. In Rheinland-Pfalz ist Babnik allerdings kein Einzelfall. Zurzeit seien es zehn, sagt Hans Ulrich Weidenfeller, Mitarbeiter im Büro des Landeswahlleiters. Allerdings hat es noch nie ein Einzelbewerber geschafft, ein Direktmandat zu holen. Das gilt bis auf eine Ausnahme auch bundesweit. 1949 war das letzte und bisher einzige Mal, da ein parteiloser Bewerber erfolgreich war. Das Wahlsystem war damals jedoch ein anderes.

Babnik hat ausgerechnet, dass er 70.000 Erststimmen braucht, um zu gewinnen. „Das ist mein Ziel. Ich bin bereit, zu gewinnen. Erststimme ist Peterstimme“. Gut 67.000 Erststimmen holte Michael Fuchs (CDU), der nicht mehr antreten wird, bei der letzten Bundestagswahl 2013 für den Wahlkreis 199 und sicherte sich das Direktmandat. Babnik schaut in seinen grünen Kalender und rechnet durch. 20 Sitzungswochen sind es im Jahr, er hat schon geguckt, wann die Züge fahren. Auch nach einer Unterkunft in Berlin hat er schon Ausschau gehalten. „Die konstituierende Sitzung ist dann im Oktober“, malt er sich aus, die Augenlider immer auf Halbmast. „Da will ich dabei sein. Ich will in den Bildungsausschuss.“

Babnik weiß, dass nicht wenige seine Aktion mit einer gehörigen Portion Skepsis verfolgen. „Wenn ich jetzt aufgebe, dann habe ich in der Politik wirklich nichts verloren.“ Action speaks louder than words, ist sein Leitspruch. Beim Veggie Day holt er sich Sonnenbrand auf den Unterarmen. An Wochenenden läuft er die Stadt ab, zieht durch die Kneipen und wirft abends seine Visitenkarten in die Briefkästen. „Es gibt Tage, da rennen die Menschen an mir vorbei“, sagt er. Haustürwahlkampf? „Muss ich gucken.“

Babnik kämpft unterm Radar. Er hat keine Wahlstände. Keine Plakate. Kein echtes Wahlkampfteam. Nur seinen kleinen grünen Terminkalender, seine Karte und Website. In Gratisbeilagenmagazinen wie dem „Karthäuser“, dem „Schängel“, oder dem „Blick“ gibt er kleine Anzeigen auf. Visitenkartengroß wirbt er darin mit #BabnikForBundestag. Auf YouTube ist er mit seinem Wahlkreissong „199“ zu hören. Mit sanfter Stimme zählt er dann die Städte seines Wahlkreises auf, unterlegt mit Beat und Gitarrenriff wie aus dem Magic-Music-Maker-Wunderland.

Sein Programm besteht aus acht Sätzen. Die klingen dann so: „Die Zukunft ist Femininum.“ „Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Frauen!“ „Jeder Mensch darf so sein, wie sie oder er ist.“ Seine Vision: „Das Wirtschaftssystem ist von Menschen gemacht. Und kann von Menschen geändert werden.“

Furchtbar konkret ist das alles nicht. „Ich begreife mich eher als lernendes System.“ Beim Thema Bahnlärm am Mittelrhein aber hat er eine Idee: 3D-Drucker gegen Bahnlärm. Wird mehr gedruckt, dann wird weniger transportiert.

Durchsage. Das Einkaufszentrum schließt. Das große Licht geht aus. Babnik guckt in seinen grünen Kalender, schiebt die Brille mit dem Ringfinger den Nasenrücken hoch. Zum CSD will er noch, zum Auftritt Angela Merkels am Deutschen Eck, zu Weinfesten und Feuerwehr. Dann will er auf ein Podium. Die wissen aber noch von nichts. Er hat von einer Veranstaltung mit allen Direktkandidaten gehört. Und ein Plakat gesehen. Sein Name steht nicht drauf. „Ich melde mich da mal.“

Der Putzwagen hustet über PVC. Die Bildschirme sind schwarz, die Rolltreppen fahren nicht mehr. Die Notbeleuchtung wirft einen Schatten in Babniks Gesicht. Im Forum gegenüber tagt immer noch die AfD. Peter Babnik hofft, dass das Phänomen AfD, so wie einst die Republikaner, wieder verschwindet. Wir sind neugierig und gehen rüber. „Dass passt ja“, sagt Peter mit einer gesunden Portion Ironie, „auch ich bin nicht Establishment“.

Am Eingang stehen die Gegendemonstranten vor einem Absperrgitter. Die Security lässt uns durch. Vielleicht liegt es an Babniks blauem Shirt. Er lacht und flüstert mir zu: „Das ist aber kein AfD-Blau“. Die Schiebetür zum Forum öffnet sich und unter Pfiffen der Demonstranten betreten wir den Saal. Beatrix von Storch, das katholische Sturmgewehr der AfD, steht gerade am Mikro. Ihre Botschaft: Merkel ist an allem schuld. Die Flüchtlinge sowieso. Wir machen ein paar Bilder vor AfD-Gruselkulisse. Babnik schiebt sich grinsend vor Beatrix. Die Abendlandapokalyptiker im Anzug gucken böse. 

Das nächste Mal treffe ich Peter Babnik bei einer Veranstaltung in einem Koblenzer Vorort. Die Direktkandidaten wollen sich dem Wähler stellen. Angela Merkel hat gerade zehn Kilometer weiter am Deutschen Eck vor 3000 Leuten Wahlkampf gemacht. Während sie bereits wieder auf dem Weg zurück in ihr Berliner Raumschiff ist, sitzt Peter Babnik im Gemeindesaal in Niederlahnstein. Im Publikum. Auf dem Podium sitzen andere. Die sechs Spitzenkandidaten für den Wahlkreis 199 von CDU, SPD, Die Linke, Die Grünen, FDP und AfD. „Wir glauben, die relevanten Kandidaten sind hier auf dem Podium“, sagt der Moderator der Veranstaltung und erklärt die Zusammenstellung. Babnik sitzt geduldig beim Wähler. Reden darf er nicht. Ihm bleibt nur die Möglichkeit, eine Frage zu stellen. Dort unten. Im Publikum.

6 Kommentare

  • th.k says:

    Mal ehrlich, ich halte diesen Artikel, so sehr ich die anderen vorher gut fand, etwas sehr kritiklos und oberflächlich. Da ist jemand der hat ehrlich gesagt kein wirkliches Programm, hat gefühlte 20 Jahre irgendwas studiert und mal abgesehen von Musikstunden noch keine wirkliche Erfahrung auf dem Arbeitsmarkt, geschweige denn einen umfassenden Beitrag zu unserem Rentensystem geleistet. So überzeugend kommt er noch nicht mal als Musiklehrer rüber, wenn ich mir das Youttubevideo anschaue. Und der soll jetzt meine Interessen vertreten? Das kann man doch nicht ernsthaft so meinen und stehen lassen. Die Welt ist voll von realitätfernen Leuten, die ich durchaus schätze, aber im Bundestag hätte ich gern einfach mehr Handwerker, Leute aus dem Mittelstand, Kleinunternehmer ohne Lobbyisten-Satelliten, die wissen wie Deutschland funktionieren sollte.

    • Zu meiner Verteidigung möchte ich vortragen: ich bin neben meiner Musiklehrer Tätigkeit auch noch zusätzlich selbstständig. Neben musikmuggen, Hochzeiten, etc. habe ich noch eine online Musikschule am Start und durfte z. B. als startup ( nach Kursen an der Uni Koblenz (Gründer Hochschule!)) zum wirtschaftsempfang nach Mainz mit Herrn Dr. Wissing oder zu IHKveranstaltungen hier in Koblenz und Mainz zum Thema Außenhandel. Auch habe ich Kontakte nach England ( z. B. durch unser Alumni Netzwerk der Universität of Hill). Wegen des Handwerks kann ich darauf hinweisen, dass Klavierspielen ein Handwerk ist, da mit den Händen gewerkt wird. Die positiven Effekte von gleichzeitigen, komplexen Finger- bzw Handbewegungen auf das Gehirn des klavierspielenden sollten bekannt sein. Mit der Bitte um wert-erkennende Kommunikation grüßt stets dialogbereit Peter http://www.peterbabnik.de

    • Timo Stein says:

      Ist der Text tatsächlich so „kritiklos“, weil er auf explizite Wertungen verzichtet? Sie haben ihn gelesen und sich auf dieser Grundlage eine eigene Meinung gebildet und formuliert.
      Grüße! ts

  • Reinhold Mund says:

    Ist das jetzt Peterchens Mondfahrt? Solist ohne Band?

  • Matthias says:

    Ein grundsympathischer Kandidat jenseits der kapitalistischen Einheitspartei. Wenn ich dürfte, würde ich ihn wählen.

  • Ja, ich denke der Artikel trifft gut die Situation. Spontan fällt mir eine Zeile von einem Lied ein, das mal zu einen Hochschulwahl am Campus Koblenz entstand: “ … von unten kommn DIE BUNTEN“.
    https://youtu.be/-09pUI2JAFo

    Der Versuch bei der letzten Stadtratswahl in Koblenz eine Gruppierung „DIE BUNTEN“ auf die Beine zustellen, führte zu der freundlichen Bekanntschaft mit den Koblenzer Piraten, die bei der versuchten Aufstellungsversammlung zahlreich anwesend waren.

    Die nächsten 5 Wochen ist „grassroots campaigning“ angesagt, d. h. jeder Menschen darf auf
    http://www.peterbabnik.de hinweisen, sich über die BTW (unter freundlicher Berücksichtigung von http://www.peterbabnik.de, wird ständig aktualisiert) unterhalten und andere Menschen ansprechen. Das Teilen in social media und Internet ist ausdrücklich erwünscht!
    Es geht darum, dass Menschen überhaupt wissen, dass ich antrete und vor der Wahl meine Website wahrgenommen haben.

    Vielen Dank für eure Hilfen!

    Stets dialogbereit grüßt

    Peter Babnik
    (der) 1. unabhängige (OHNE Partei) Bundestagsdirektkandidat FÜR Koblenz UND Umgebung

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