Die letzten ihrer Art – ein Leben auf dem Fluss

von

Ein holländisches Familienunternehmen auf einem Frachter

„Das ist Romantik mit Stress“, grinst Robert Wijngaarden, „auf dem Wasser zu sein ist für mich wunderbar, aber die Tage sind lang. Oft sind es 16-Stunden-Schichten. Laden, ausladen, den Fahrplan einhalten, am Mittwoch anlegen in Worms, am Freitag in Düsseldorf.“
Robert Wijngaarden gehört die Salire. Gerade legt das Frachtschiff im kleinen Hafen am Fuße der Loreley an.

Ein Mädchen guckt vorsichtig hinter dem Pavillon hervor, der dort aufgebaut ist, wo normalerweise die Autos parken. Sie ist seine Tochter und elf Jahre alt. Gemeinsam mit seiner Frau, seinem Sohn, der gerade sieben Jahre alt geworden ist, sowie den Großeltern machen sie zwei Wochen Urlaub im Mittelrheintal. Es ist das fünfte Mal, dass sie bei St. Goarshausen anlegen.

Das Deck sieht aus wie bei Pipi Langstrumpf: Im Pavillon hängen bunte Fähnchen und Lichterketten, ein Planschbecken steht darunter, aufblasbare Tiere versammeln sich darum und der Grill ist angeheizt.
Ich gehe langsam über die kleine Eisenbrücke zu ihm aufs Schiff.
„Die ist ziemlich wacklig, pass auf!“, sagt er lachend.
„Fast wie auf hoher See“, halte ich mich am einseitigen Geländer fest. Tief würde ich nicht fallen, aber eben ins Wasser.

Die Salire betreiben Robert und seine Frau gemeinsam. Es ist ein Familienunternehmen. „Eines der Letzten“, so Robert. So genau kann er nicht mehr sagen, warum er und seine Frau sich vor elf Jahren dazu entschlossen haben, den Großteil ihrer Zeit auf den Flüssen Europas unterwegs zu sein: „Die Liebe zum Wasser. Aber auch um möglichst viel Zeit gemeinsam zu verbringen.“ Die Ausbildung zum Kapitän dauerte fünf Jahre, die Realität habe die romantische Vorstellung von viel gemeinsamer Zeit schwinden lassen: „Unser Alltag ist schon sehr stressig, aber auch mit ein wenig Romantik – romantischer Stress“, sagt Robert lachend.

Die Salire (italienisch: „Aufstieg“) ist sein zweites Schiff. Fünf Tage die Woche verbringen die beiden auf dem Frachter, der Trockengüter wie Gerste oder Dünger transportiert. In Holland haben sie noch ein kleines Haus, wohin sie an den Wochenenden fahren. Dann holen sie die Kinder aus dem Internat und verbringen die Zeit gemeinsam. Seine Tochter und sein Sohn gehen auf ein Internat für Schifffahrtskinder mit insgesamt etwa 120 Schülern, sagt Robert mir. Jetzt haben die beiden sechs Wochen Ferien und die Zeit verbringt die Familie dann auf dem Frachter.

Seine Frau ist Erster Steuermann. Oder in ihrem Fall: Steuerfrau. Es gibt noch einen Matrosen und die Besatzung. Viele Frachtschiffe fahren mittlerweile nur noch mit Kapitän und Besatzung. In Holland gebe es zwar noch einige Familienunternehmen, aber die Zahlen seien rückläufig.

„Was kostet so ein Schiff?“, möchte ich von Robert wissen.
„1,5 Millionen Euro.“ Nicht gerade wenig denke ich. Eine Entscheidung, die verpflichtet, die man nicht mal schnell trifft, einen bindet. Robert ist nicht viel älter als ich und frage mich, ob ich mich mit Mitte Zwanzig so definitiv für etwas hätte entscheiden können – wahrscheinlich nicht. Ich bewundere ihn dafür, sind doch so viele in meiner Generation in ihren Entscheidungsneurosen gefangen und verlieren sich dann am Ende in diesen.
Ob seine Kinder die Salire später einmal übernehmen wollen, das wisse er natürlich nicht. Aber das liege ohnehin in der Zukunft.

Robert und seine Frau fahren auf den Binnenwasserstraßen in Deutschland, der Schweiz und in Holland: Rhein, Mosel, Main und Neckar.
„Wird man nicht irgendwann müde, immer dieselben Gewässer entlang zu fahren?“
„Vielleicht wird das irgendwann so sein“, sagt Robert, „aber ehrlich gesagt, ist der Tag oft so stressig, dass ich kaum auf die Landschaft achte. Das Schiff ist eben Arbeit. Die Gegend fließt mehr oder weniger an einem vorbei. Die Berge werden größer oder kleiner, während ich telefoniere, auf das Smartphone schaue, eben die nächsten Tage plane.“

Aus diesem Grund verbringe er dann gerne seinen Urlaub an den Orten, die ihm beim Vorbeifahren gefallen haben, um dann die Gegend genauer zu erkunden.
„Ich finde die Region, das Mittelrheintal schön. Das ist schon einmalig: die Berge und das Tal. Meine beiden Kinder genießen die Zeit hier auch. Wir sind viel draußen unterwegs, wandern und spazieren.“

Ein Grund neben der schönen Landschaft ist der Liegeplatz. Liegeplätze zu finden sei gar nicht so einfach, erzählt Robert mir. In Koblenz gebe es drei Liegeplätze, in Bingen ebenso, in Mainz keinen und danach kämen erst wieder Liegeplätze in Mannheim.
„Das ist für uns ein echtes Problem. Die Leute wissen oft gar nichts davon oder sind genervt, wenn so ein Frachter vor der Haustür anlegt. Das kann ich schon verstehen, doch halten müssen wir nun mal. In Holland gibt es viel mehr Liegeplätze, daher bleiben viele niederländische Familienunternehmen lieber dort.“ Doch nur in Holland rumfahren, das sei für ihn nichts.

Und mal auf hohe See, möchte von ihm wissen.
Mit dem Frachter könne man nicht auf dem Meer fahren, da würde man ihn in Holland sofort zurückrufen. Das liege zum einen an der Erlaubnis und zum anderen würde das Boot im Meer zerbrechen.
„Zerbrechen?“
„Unser Frachter hat nicht den Rumpf eines Hochseeschiffes. Der Rumpf eines Binnenschiffes ist flacher, ähnlich einem Halbkreis. Der Rumpf eines Hochseeschiffes ist eher wie ein Dreieck. Den braucht das Hochseeschiff, um Wind und Wellengang standzuhalten.“ So können Binnenschiffe viel Fracht bei möglichst wenig Tiefgang transportieren, Hochseeschiffe liegen dagegen mit mehr Tiefgang stabiler im Wasser.

Die Salire von Robert und seiner Familie liegt direkt neben der B42 und den Bahnschienen, doch so schlimm findet er das gar nicht.
„Ein bisschen nervig sind die Züge schon, aber das Internet stört mich viel mehr“, sagt Robert, „hast du eine Ahnung, warum ich hier unten keinen Empfang habe? Drüben auf der anderen Seite funktioniert es viel besser.“
„Ich vermute, das liegt an den Sendemasten, die auf dem Hunsrück stehen und an dem Loreleyfelsen, der ,funkt‘ wahrscheinlich dazwischen. Aber so genau, weiß ich das auch nicht.“
Vielleicht liegt es aber auch am Mythos der Loreley, füge ich gedanklich hinzu und gehe über die wackelige Brücke zurück an Land.

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