Durch die Biotope Ehrenthals

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Um 9.30 Uhr bin ich mit Wolfgang Schmidt in Ehrenthal verabredet. Wir wollen ein Stück Rheinsteig wandern und einen Zubringerweg zu dem bekannten Wanderweg entlang spazieren. Es ist der letzte warme Herbsttag, Sonnenschein und blauer Himmel. Morgen soll es schlechter werden – das heißt, den heutigen Tag nutzen!

Wir gehen unter der Bahnunterführung entlang und dann nach rechts in Richtung Wellmich, immer parallel zu den Schienen. Mit dabei ist seine Hündin Shaya, die sich auch auf die Wanderung zu freuen scheint. Gerade fährt kein Zug auf der Strecke entlang. Es ist still und man hört nur hin und wieder ein vorbeifahrendes Auto.
„Diesen Rundweg gehen wir mit fast jedem Besuch“, sagt Wolfgang. Neben den Schienen wird auf einer kleinen Fläche Wein angebaut, Das mache die Deutsche Bahn, meint Wolfgang zu mir. Früher sei er die Strecke oft gemeinsam mit seiner Frau Eli und seiner Tochter Naomi gegangen. Naomi hatten sie damals noch in einem Tragerucksack mit dabei. „Eine Zweijährige kann schließlich nicht so weite Wege gehen.“

Etwa auf der Höhe der Pfarrkirche St. Sebastian biegen wir links ab und laufen den Taunus hoch. Zwischen Schiefer-Abraumhalden und terrassenförmigen Obstplantagen geht es nun Richtung Rheinsteig. Die Bäume sehen aus wie im Märchen: Lange Äste hängen von oben runter, es sind Laubvorhänge, durch die wir gehen.
Die 320 Kilometer lange Fernwanderroute Rheinsteig beginnt am Bonner Marktplatz, wird kurz nach Bonn rechtsrheinisch und führt durchs Siebengebirge, läuft vorbei am Neuwieder Becken, durch das Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal und endet schließlich im Schloss Biebrich bei Wiesbaden.

Die Schiefermauern unterhalb der Obstplantagen seien essenziell für die Smaragdeidechsen, erklärt mir Wolfgang. Die Tiere kamen erst, nachdem die Kulturlandschaft für den Obst- und Weinbau geschaffen worden war. Smaragdeidechsen heizen sich auf den Schiefersteinen auf und ziehen sich zwischen die einzelnen Löcher zurück. Sie sind keine natürlich vorkommende Art, irgendwann haben sie sich im Mittelrheintal angesiedelt. Weil sie die Schiefermauern brauchen, sei es so wichtig, dass man diesen Teil der Kulturlandschaft erhalte, so Wolfgang. „Wenn alles zuwächst, verschwinden die Smaragdeidechsen irgendwann auch.“

Bevor Wolfgang und ich weiter den Rheinsteig am Mittelrheintal entlanggehen, schauen wir uns einen Grubeneingang der Grube „Gute Hoffnung“ an. Kurz vor dem Eingang steht eine alte Güterlore mit der Aufschrift „1745 – 1991 C. Gute Hoffnung“.
„Das Leben der Bergarbeiter war damals nicht toll“, sagt Wolfgang, „heute beschweren sich die Menschen ständig, dass alles so schlecht sei. Dabei waren die Lebensumstände vor fünfzig Jahren viel härter.“ Auf einer Infotafel wird das Leben der Untertage arbeitenden Kumpel angerissen: Die Bergmänner arbeiteten im Akkord, entlohnt wurden sie nur nach der geförderten Erzmenge. Oft waren es Zwölf-Stunden-Schichten und danach war keineswegs „Feierabend“, sondern es ging nach Hause in die Landwirtschaft.
„Ein langes Leben hatten die nicht“, sagt Wolfgang. Wirbelsäulen- und Atemwegsschäden, eine Staublunge oder „Versteinerte Lunge“, verursacht durch die Steinsprengungen, gehörten zum Alltag.
Der Eingang zur Grube ist zugemauert. In der Mauer befinden sich drei runde Öffnungen: „Die obere Öffnung ist für Fledermäuse und die unteren beiden sind für Salamander und andere Tiere“, zeigt Wolfgang darauf, „halt mal dein Gesicht davor, dann spürst du einen richtigen Windsog.“ Und ja, es ist genau so, wie es Wolfgang beschreibt: Ich fühle einen kühlen Wind aus der Grube heraus.

Schiefer ist auch in den Waldboden eingelassen. „Das sind Wege, die die Bergleute damals gebaut haben“, kommentiert Wolfgang. „Die mussten den Weg sichern. Ein Beinbruch konnte die Existenz einer Familie bedrohen.“
„Da war die Hungersnot dann nicht mehr weit.“

Wir machen an einem Felsvorsprung halt. Ein paar Schleierwolken bedecken die morgendliche Sonne. Mein Blick wandert über den Rhein, ich kann weit in den Hunsrück hineinsehen. Für einen Moment verweilen wir und genießen den Ausblick. Hinter uns befindet sich eine Mulde, viel mehr eine Aushebung.
„Das ist ein Schützengraben aus dem Zweiten Weltkrieg. Hier lagen die deutschen Soldaten, während auf der anderen Seite die Amerikaner waren“, sagt Wolfgang.
„Als ich diese Aushebung entdeckte, habe ich mich gewundert, nachgeforscht und es war schnell klar, um was es sich handelt. In der Erde habe ich sogar noch Munition gefunden.“ Wie gut es ist, wenn man die Natur und die Orte in ihr lesen kann, denke ich. Gehen wir doch so oft blindlings durch sie hindurch. Wolfgang kann das – er versteht und liest das, was ihn in der Natur umgibt.

Wir kommen in das zweite Biotop. Uns empfängt eine Walnussplantage, in der Kühe weiden.
„Die geben die Milch für den Mittelrhein Bergkäse“, sage ich lachend.
„Ja, richtig glückliche Kühe“, sagt Wolfgang.
Nach der Walnussplantage gelangen wir in einen Fichtenwald. Tack-Tack-Tack. Ich höre einen den Buntspecht klopfen. Tack-Tack-Tack. Dazwischen mischen sich noch weitere Vögel, die Wolfgang sofort zu deuten weiß.

Krüppelwald und moosbewachsene Steine. Es ist das nächste Biotop. Kurz habe ich das Gefühl mich in einem anderen Land zu befinden. Wie vielfältig doch die Region und die Landschaft am Mittelrheintal ist. Hier stehen Bäume, die kümmerlich und klein verwachsen sind. Manche sehen aus wie düstere Märchenfiguren, ganz passend zu Halloween.
„Der Baum da vorne sieht aus wie eine Hexe“, sagt Wolfgang.
„Ja, und der wie ein grimmiges Gesicht“, sage ich. Man muss seinen Blick nur schweifen lassen und die Gesichter und Figuren scheinen immer weiter zu wachsen. Uns kommt eine Gruppe von Wanderern entgegen. Shaya beobachtet sie interessiert, zieht uns dann aber weiter Richtung Pulsbachklamm.

„Siehst du den Vogel am Himmel“, fragt Wolfgang mich, während wir eine Pause auf einer Bank machen und er eine Zigarette raucht.
„Ja.“
„Was meinst du, was das für ein Vogel ist?“
„Puh, keine Ahnung, vielleicht ein Bussard“, sage ich, da ich vermute, dass es ein Raubvogel ist. Und viele Raubvögel außer Falken und eben Bussarde würde ich ohnehin nicht erkennen.
„Fast. Es ist ein Schwarzer Milian. Den erkennst du am schmalen Schwanz und der eleganten Flugweise.“ Wolfgang erklärt mir, dass dieser im Gegensatz zum Roten Milan auf das Wasser angewiesen sei. Er fresse zum Teil Aas, tote Fische eben. Wolfgang hat dieses riesige Wissen über die hiesige Fauna und es macht einfach Spaß mit ihm den Wald zu erkunden und mehr zu erfahren.

Der Weg zurück nach Ehrenthal respektive dem Rhein führt uns dann erstmal durch die Pulsbachklamm, einem weiteren Zubringerweg des Rheinsteigs. Hier plätschert der Pulsbach vor sich hin, es gibt kleine Becken und Wasserfälle zu sehen. Die Luft ist erdig und feucht.
„Wenn wir Glück haben, sehen wir in einem dieser Becken Larven eines Feuersalamanders.“ Immer wieder schauen Wolfgang und ich uns die Ruhezonen des Pulsbaches an. Glück haben wir diesmal nicht. Nach und nach wird es dann wärmer, der Farn an den Seiten weniger, das Blätterdach dünner und der Rhein wird sichtbar.

Unser letztes Stück führt uns wieder am Rhein entlang. Schwarzpappeln und Weiden wachsen hier. Eine der Schwarzpappeln hat einen vier oder fünf Meter großen Durchmesser.
„Fast wie die Sherman Trees im Sequoia Nationalpark in Amerika“, sage ich.
„Ja und in dieser Schwarzpappel ist ein auch ein Hornissennest.“ Den sehen wir einen Moment beim Raus- und Reinfliegen zu, während Shaya sich den größtmöglichen Stock als Mitbringsel sucht.

Gegenüber von Ehrenthal befindet sich die kleine Rheininsel Ehrenthaler Werth.
„Eli ist als Kind oft mit ihrem Vater dort rübergefahren im Sommer.“
„Ein Stück Urlaub direkt vor der Haustür“, sage ich.
Die Insel war zwar schon immer im Privatbesitz, gehöre jetzt jedoch jemandem, der das Besuchen nicht unbedingt fördere.
„Aber das ist auch ganz gut so. Am Ende steht da ein Kiosk und es ist alles zugemüllt“, kommentiert er.
„Ja, leider“, sage ich.

Die zweieinhalbstündige Wanderung war wie Urlaub, hat sich gelohnt, denke ich. Ich habe unsere Natur ein Stück weit besser kennen gelernt. Konnte den Blick schweifen lassen, ihn am Horizont ruhen lassen.
„Menschen, die zwei Wochen in einem Ferienressort oder einen Center-Park fahren, verstehe ich nicht“, sagt Wolfgang, „das ist Urlaub im Gefängnis.“
„Für mich auch“, muss ich lachen. Und bin dankbar über unsere heutige Wanderung und sein breites Wissen über das, was uns umgibt.

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