Ein erster Abschied

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Ob es nicht einsam ist so ganz allein auf der Burg? Diese Frage wurde mir in den vergangenen Monaten öfter mal gestellt. „Nein, es ist wunderbar“, antwortete ich. Und doch gab es sie natürlich, die wenigen Momente der Melancholie. Die Ruhe hoch oben auf der Burg, ich habe sie genossen. Dem Waldkauz oder den röhrenden Hirschen im Soonwald habe ich nachts gelauscht. Manchmal zog auch eine Rotte Wildschweine grunzend durch den Wald unterhalb der Burg. Tagsüber kamen die Touristen, die Turmfalken schrien, Eidechsen und Schlangen kreuzten meinen Weg. Und auch die Gespräche mit Klaus, Klaus, Leo und Jens, den vier Mitarbeitern auf der Burg, habe ich immer genossen. Wirklich allein war ich also nie.

Einer, der immer da war, war Vater Rhein. Mit dem Glitzern der Morgensonne weckte er mich, mit den sanften Wellen am Abend wog er mich in den Schlaf. Allein auf zwei Krachmacher hätte ich gut verzichten können: die Bahn und den benachbarten Steinbruch. Damit werden sich wohl auch die kommenden Burgenblogger rumschlagen müssen. Und auch sie werden sich daran gewöhnen.

Ich habe mich wohlgefühlt auf der Burg. Ja, mehr noch, ich hab mich zu Hause gefühlt. Und auch wenn es nach einigen Wochen schon irgendwie vertraut war, den schlaglochgezeichneten Weg zur Sooneck hinaufzufahren, so habe ich es bis zum Schluss als ein Privileg empfunden, dort leben zu dürfen. Dass mir das mal fehlen würde, wurde mir schnell klar.

Es ist ein Lebensabschnitt, der nur schwer zu toppen ist. Der Weg zurück in ein Leben ohne Burg, er wird kein leichter werden. Gehen werde ich ihn dennoch. Muss ich ja. Resozialisierung. Irgendwie. Na ja, noch nicht ganz. Jetzt heißt es erst einmal umziehen. Tausche Burg gegen Festung. Für nicht ganz zwei Monate darf ich mich nun Koblenzer nennen. Und Festungsbewohner. Damit hätte ich auch nie gerechnet. Jetzt ist ein anderer Teil vom Tal an der Reihe. Denn, das muss ich gestehen, Orte wie Boppard, Lahnstein, Kamp-Bornhofen oder Braubach sind bisher ein bisschen zu kurz gekommen. Ich gelobe Besserung. Wenn es auch sicher etwas anderes ist, diesen Teil des Mittelrheintals nun im Herbst und im Winter zu erkunden. Ist nun aber so. Ich mache das Beste draus. Irgendwie freue ich mich auch auf die trübe und kalte Jahreszeit.

Den Nebel, die kürzeren Tage, die Ruhe im Tal fernab der Touristenströme. Nochmal neue Menschen kennenlernen. Andere Lichtstimmungen mit der Kamera einfangen, Geschichten schreiben. Einige Themen habe ich mir ganz bewusst für diese Jahreszeit aufgespart. Die, die nicht abhängig von Witterung und sommerlichen Temperaturen sind. „Im Winter passiert hier nicht mehr viel“, hab ich öfter mal zu hören bekommen. Mag sein, langweilig wird mir sicher dennoch nicht werden. Ich werde auch weiterhin durch die Steilhänge und Seitentäler, die Höhen und die Uferbereiche streunen. Immer bereit für Begegnungen. Sei es menschlicher oder tierischer Art. Beides hat mich bisher unheimlich bereichert. Menschen, die im Tal was bewegen, die nicht in die hier viel beschworene Lethargie verfallen sind. Machertypen. Und natürlich auch Macherinnen. Für mein Empfinden könnte es noch viele mehr von ihnen geben.

Vielleicht fühlt sich der eine oder die andere ja jetzt berufen. Zu zeigen, dass man im Tal was bewegen kann, das war von Beginn an eines meiner erklärten Ziele. Und zu zeigen, dass es auch junge Menschen gibt, die für ihre Heimat, ihre Region brennen. Einige von ihnen habe ich getroffen. Und ihre Geschichten erzählt. In der stillen Hoffnung, dass auch anderen dies Mut zuspricht, mit anzupacken.

Nur gemeinsam sind wir stark. Das ist eine Floskel, ich weiß. Aber es ist auch die Wahrheit. Die Zeit des Kirchturmdenkens ist lange vorüber. Jetzt ist die Zeit, gemeinsam Dinge anzugehen. Über die Ortsgrenzen hinweg. Und über die Rheinseiten hinaus sowieso. Das Mittelrheintal muss sich als ein Tal, als ein Ganzes verstehen, habe ich immer wieder gehört. Dem kann ich nur zustimmen. Dafür braucht es nicht zwingend nur eine Buga, der Heilige Gral, auf dem nun viele Hoffnungen ruhen. Dafür braucht es Menschen, die Lust haben, ihre Region aktiv mitzugestalten.

Ich weiß, dass das alles nicht neu ist. Dass auch meine Vorgänger schon zu ähnlichen Erkenntnissen gelangt sind. Und wahrscheinlich war vieles von dem auch bereits ohne Burgenblogger längst klar. Und trotzdem spreche auch ich es an. Denn Baustellen gibt es noch viele. Und es wird niemand anderes kommen, sich derer anzunehmen. Das können nur die Menschen im Tal. Auf geht’s, pack ma’s, sagt der Bayer. Mia san Mittelrhein, sage ich. Und ich bin glücklich, ein Teil davon zu sein.

 

Und hier die Fotos zum Durchklicken. Unterwegs war ich in Bacharach, Oberwesel und Rhens.

 

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