Ein Landarzt in Oberwesel

von

Die Schließung zweier Klinken am Mittelrheintal steht im Raum, der Ärztemangel auf dem Land ist kein neues Thema. Und trotzdem ändert sich wenig an der Situation – im Gegenteil, man hat das Gefühl, es wird immer prekärer. Daher wollte ich mit einem Arzt sprechen, einem, der sich bewusst dafür entschieden hat, aufs Land zu gehen.

Axel Strähnz praktiziert seit 2004 in Oberwesel. Zunächst arbeitete er als Assistenzarzt in der chirurgischen Ambulanz der Loreley-Klinik, seit 2006 in der allgemeinmedizinischen Praxis mit chirurgischem Schwerpunkt. Axel Strähnz nimmt sich Zeit, nicht nur für seine Patienten, sondern auch für mich an dem diesigen Novembernachmittag. Die letzten Blätter fallen so langsam von den Bäumen, der Himmel ist grau und gerade scheint mal wieder eine Erkältungswelle die nächste zu jagen. Der richtige Zeitpunkt für einen Arztbesuch, denke ich.

Seine Praxis liegt in der Nähe des Oberweseler Rathauses, der Marktplatz ist nicht weit weg und bis zum Rhein sind es nur ein paar Minuten.
Ihm sei ein Gegenübertreten auf Augenhöhe wichtig, sagt Axel lächelnd. Götter in Weiß, nein, so sehe er Ärzte nicht und das sei für ihn auch der falsche Ansatz. „Ich kann nur mit dem Patienten zusammenarbeiten, nicht über ihn hinweg. Gemeinsam mit dem Patienten können wir etwas für seine Genesung tun.“ Und nur so macht für Axel eine Behandlung Sinn. Das sei auch einer der Gründe, warum er Medizin studiert habe, er wolle mit dem Menschen arbeiten.

Krankenhäuser und Wirtschaftsunternehmen

Krankenhäuser werden immer mehr zu Wirtschaftsunternehmen. Neu sei das allerdings nicht, nur werde es immer schlimmer, sagt Axel. Als er nach dem Studium seine Facharztausbildung im Krankenhaus begann, ging es auch schon vorwiegend um die Zahlen am Ende eines Quartals. Bei welcher Behandlung kann man den Gewinn maximieren, wie beispielsweise bei einem neuen Kniegelenk? Wo kann man Geld einsparen? Das waren Fragen, die sich die jungen Mediziner stellen mussten. Dass das wenig mit einem humanistischen Ideal und der Behandlung der Menschen zu tun hat, ist offensichtlich.
„Gerade für junge Ärzte ist es schwierig, sich vom profitorientierten Duktus der Kliniken zu befreien, sich loszulösen, dem wahren Kern der Medizin treu zu bleiben“, sagt Axel.
„Sicherlich bekommt man als Assistenzarzt beziehungsweise Assistenzärztin auch viel Druck von den jeweiligen Vorgesetzten – zumindest stelle ich mir das so vor“, füge ich an.
„Ja, manchmal kamen mir die Gespräche eher wie bei einer Unternehmensberatung vor. Es ging nur um Zahlen, Geld und Profit.“
„Da verschiebt sich natürlich der Fokus. Es soll ja um den Menschen gehen, dem soll geholfen werden. Nicht um den Jahresabschluss, oder?“, frage ich nach.
„Ja, genau. Das waren auch einige der Gründe, warum ich mich dafür entschlossen habe als Hausarzt und Landarzt zu arbeiten.“

Eine bewusste Entscheidung

Axel Strähnz ist nicht so der gestriegelte Typ, seine braunen Haare sind kinnlang und statt weißem Kittel trägt er an diesem Tag einen dunklen Strickpullover und Jeans.
„Landarzt zu werden heißt, sich bewusst dafür zu entscheiden“, sagt Axel.
„Wie meinen Sie das?“
„Nach dem Studium, das in der Regel in einer Stadt verläuft, bleiben die Ärzte auch in der Regel dieser. In einer Stadt ist das kulturelle Angebot viel dichter, vielleicht arbeitet der oder die Partnerin auch dort. Man hat eine ganz andere Infrastruktur. Aufs Land zu ziehen und hier Praxis zu führen, ist eine bewusste Entscheidung. Das macht man nicht einfach so.“
„Gibt es denn Unterschiede zwischen Land- und Stadtärzten?“
„Ja, definitiv“, sagt Axel. Als Landarzt habe man in der Regel eine viel engere Bindung zu seinen Patienten. Den typischen Durchlaufpatienten, wie es ihn in der Stadt gebe, habe man kaum. Man kenne in der Regel die halbe Familie und alle dazugehörenden Geschichten. Man werde Teil des Lebens des Patienten. Und dadurch entwickle man auch eine gute Intuition, welche Erkrankung die jeweilige Person haben könnte.
„Das ist Barfuß-Medizin“, grinst Axel.
„Wie meinen Sie das?“
„Ich habe nicht viel mehr als mein Stethoskop dabei, der Rest ist medizinisches Wissen, ein gutes Bauchgefühl und die Kenntnis vom jeweiligen Menschen.“ Für mich macht Axels Sichtweise Sinn, fühlt sich richtig an, eben am humanistischen Grundgedanken der Medizin angelehnt – wider der Profitorientierung und der Gewinnmaximierung.
„Manchmal wollen die Leute auch einfach nur reden“, fährt Axel fort, als Landarzt sei er auch eine Vertrauensperson und daher sei ein Gesprächsgesuch genauso wichtig, „dann hört man einfach mal zu, ob das nun der Streit mit dem Nachbarn ist oder die Tante, die mal wieder nervt. Auch das ist ein Teil meines Berufs.“
„So ein Gespräch kann ja auch Balsam für die Seele sein“, sage ich.
„Eben. Und es gibt Menschen für die bin ich die einzige Person, die sie innerhalb der letzten zwei Wochen gesehen haben.“
Axel Strähnz erzählt mir von einer 94-jährigen Dame, deren einzige Verwandte in Köln lebte. Diese habe ihr dann irgendwann Brot zugeschickt, da die Frau selbst nicht mehr in der Lage gewesen sei, sich welches zu kaufen. Axel war in der Zeit der Einzige, der die 94-jährige Frau regelmäßig besuchte. Mit 96-Jahren sei die Frau dann noch nach Köln gezogen, denn das Alleinleben funktionierte nicht mehr.
„Schon traurig, wenn da keiner mehr ist, die Kinder weit weg wohnen“, sage ich, „obwohl ich glaube, dass das in der Stadt häufiger vorkommt.“
„Ja, auf dem Land gibt es noch eine soziale Kontrolle. Da fällt sofort auf, wenn etwas beim Nachbarn nicht stimmt. In einem Mehrparteienhaus kennt man ja oft nicht mal die anderen Bewohner.“
In der Vorweihnachtszeit brauche er sich keinen Christstollen oder anderes Weihnachtsgebäck zu kaufen, auf Hausbesuchen werde er jedes Mal gut versorgt.
„Heute habe ich selbst gestrickte Socke bekommen“, sagt er stolz, „so etwas passiert einem nur als Landarzt.“
„Das ist toll. Sie werden quasi zum Familienmitglied.“
„Ja, das kann man schon so sagen.“

Hausbesuche seien auf dem Land natürlich auch etwas ganz anderes als in der Stadt.
„Überspitzt gesagt, läuft der Stadtarzt einmal um den Block und hat seine Hausbesuche, während Sie ein paar Stunden unterwegs sind, oder?“
„Ja, so kann man das schon sehen. Ich fahre von Oberwesel aus einen ziemlich großen Umkreis ab, nicht nur am Rhein entlang und die Rheinhöhendörfer, sondern auch in den Hunsrück.“
„Und gibt es da Unterschiede zwischen den Menschen, also der Mentalität? Auf dem Hunsrück hat ja jedes Dorf seinen eignen Dialekt.“
„Definitiv. Aber mir gefällt das ganz besonders. Ich mag die verschiedenen Dialekte und die Eigenarten“, lacht Axel. Er selbst kommt vom Niederrhein, an den Dialekt in der Region musste er sich erst einmal gewöhnen.
Die ältere Generation der Rheinbewohner fahren beispielsweise lieber ins weit entferntere Mainz ins Krankenhaus als auf den Hunsrück ins Simmerner Klinikum. Das sei eben so. Zu Beginn habe er auch eine Sprechstundenhilfe dabeigehabt, die ihm die jeweilige Mundart im Hunsrück übersetzt habe.
„Geben Sie mal „Brausatt“ ins Navi ein und finden den Ort.“
„Brausatt?“, sehe ich Axel irritiert an.
„Ja, genau.“
„Brausatt ist Braunshorn – der Ort liegt bei Emmelshausen.“
„Na, das findet kein Navi“, sage ich.
„Eben.“
„Und wissen Sie, was „man holt sich die Freck“ heißt?“, lacht Axel.
„Das man krank ist, sich die Grippe geholt hat?!“, sage ich.
„Genau. Bei uns am Niederrhein bedeutet „Freck“ allerdings der Tod.“
„Mhm, das ist dann schon etwas anderes.“
„Aber mittlerweile bin ich gut angekommen. Ich mag die Menschen hier, sie sind auf dem Boden geblieben, nahbar und sehr liebenswert.“

Heimat ist ein Gefühl

Axel Strähnz ist ein wahrer Rheinländer: Aufgewachsen ist er am Niederrhein, sein Studium absolvierte er in Bonn und nun hat er seine eigene Praxis in Oberwesel.
„Dem Rhein bin ich immer treu geblieben. Bis auf eine kurze Studienzeit in Aachen.“
„Also sind Sie durch und durch mit dem Fluss verbunden. Gibt es einen Lieblingsort für Sie am Rhein?“
„Schwierig, nein, einen Lieblingsort habe ich nicht. Der Niederrhein ist für mich verbunden mit dem Gefühl „Zuhause“. Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl, ist ja ein Zitat von Herbert Grönemeyer.“
„Das stimmt. Man fühlt Heimat, es muss kein Ort sein“, sage ich und überlege, was sich für mich nach Heimat anfühlt. Der Rhein ist es ganz sicher, die Berge drumherum und ein paar Menschen in meinem Leben.
„Und am Mittelrhein?“, sehe ich Axel an.
„Es gibt da einen Aussichtspunkt bei Urbar.“
„Maria Ruh?“
„Ja, genau. Da setze ich mich gerne mal zwischen zwei Hausbesuchen hin, blicke auf den Rhein, beobachte die Schiffe, wie sie vorbeifahren und kann meine Gedanken ziehen lassen.“
„Das klingt toll. Das ist auch einer meiner Lieblingsorte. Im Sommer, wenn drüben auf der Loreley-Bühne Konzerte sind, kann man sich bei Maria Ruh mit einem Bier hinsetzen, der Musik lauschen und den glitzernden Rhein beobachten. Das ist schon wahnsinnig schön.“
„Das stelle ich mir auch toll vor“, sagt Axel.
„Das zur Ruhe kommen und die Gedanken ziehen lassen ist wahrscheinlich gar nicht so einfach in ihrem Beruf?“
„Nein, das stimmt. Aber es ist wichtig. Gerade, weil meine Tage zum Teil sehr lang sind.“
„Was heißt sehr lang? Wann fangen Sie an? Wann gehen Sie nach Hause?“
„Mein Tag beginnt in der Regel um 8 Uhr morgens und endet an einem Dienstag gegen 20.30 Uhr abends“, er lächelt nachdenklich, „doch wenn ich dann die Wertschätzung meiner Patienten erlebe, dann weiß ich wieder, warum ich das mache.“
„Das glaube ich.“

In seiner Praxis hängen einige Fotografien mit Motiven aus dem anglo-amerikanischen Raum und aus England. Da ist ein Bild mit den typischen roten Doppeldecker-Bussen, ein Foto der Londoner Subway und ein anderes zeigt mir den Regen in New York mit den typischen gelben Taxis.
„Haben Sie aus einem bestimmten Grund die Bilder in ihrer Praxis hängen?“
„Einmal natürlich, weil sie mir gefallen. Die typischen Ärztepraxisbilder von Miró gefallen mir persönlich nicht.“
„Zu den Praxisklassikern gehören noch Renoir und Monet…“
„Genau. Außerdem wäre ich beinahe in London gelandet. Meine Schwester lebte eine Zeit lang in England und deshalb war ich regelmäßig dort. Die USA habe ich auch immer gerne bereist.“
„Die Landschaft in Nordamerika ist schon einmalig, der Grand Canyon, die Nationalparks…“
„Ja, definitiv. Aktuell kommt für mich jedoch kein Besuch mehr in Frage, nicht unter der Regierung Trumps.“
„Das kann ich verstehen.“
„Und wenn ich so darüber nachdenke: Wir fliegen um die halbe Welt, um den Grand Canyon zu sehen und dabei ist das hier, also das Mittelrheintal, mindestens genauso atemberaubend.“
„Absolut. Das lässt einen auch nicht mehr los.“

Mit diesen Worten verabschiede ich mich von Axel Strähnz und fahre wieder durch das Mittelrheintal.

Kommentar verfassen