Es war einmal

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Ja, das müssen noch Zeiten gewesen sein, als die Menschen in Scharen nach Niederheimbach kamen –  von weit her zum Teil. Die goldene Ära der kleinen Gemeinde am Mittelrhein, so könnte man sagen. Als es den Märchenhain noch gab. Sogar ein Film wurde dort gedreht. In „Einmal am Rhein“ von Regisseur Helmut Weiss aus dem Jahr 1952 ging die Gaststätte des Märchenhains als „Rheinschlösschen“ in die Filmgeschichte ein. Das war einmal.

Geblieben ist davon heute nicht mehr viel. Der Putz bröckelt stark am Haus in der Rheinstraße 26. Das Gebäude soll teilweise einsturzgefährdet sein. Einige Fenster sind gekippt. Davor hängen alte, weiße Gardinen. „Sei gegrüßt, Maria“, lautet der Schriftzug an der Außenfassade. Begrüßt wurde hier aber schon lange niemand mehr. Manch einer würde sicher von einem Schandfleck fürs Ortsbild sprechen. Der einstige Stolz ist nur noch eine Ruine.

Oberhalb dieses Hauses war der eigentliche Märchenhain. Heute benötigt man fast schon eine Machete, um sich durchs Dickicht zu kämpfen. Über den zweiten Eingang an der Ernst-Heilmann-Straße lässt sich das Areal erkunden. Hinter Büschen und Bäumen taucht ein altes, rotes Geländer auf. Dann ein großes Gebäude, das zum Teil bereits eingestürzt ist. Das war mal ein Lokal mit Terrasse und Tanzfläche. Kaum vorstellbar, was hier mal los gewesen sein muss.

Der Straßenname ist kein Zufall. Ernst Heilmann, das war der Erbauer des Märchenhains. Der aus Münster stammende Wahlniederheimbacher legte 1927 den Grundstein für den Märchenpark. Im Ort erntete er dafür zunächst viel Spott. Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass so eine Attraktion in Niederheimbach funktioniert. Sie sollten sich gewaltig täuschen. Nach einer schwierigen Finanzierungsphase wurde der Märchenhain im Juli 1931 eröffnet. Ein Jahr später wurde feierlich ein Denkmal der Brüder Grimm enthüllt. Zu diesem Anlass waren sogar Nachkommen der Grimms erschienen. Der Märchenhain wurde mit jedem Jahr bekannter, und die Besucherzahlen schnellten in die Höhe.

Dafür maßgeblich mitverantwortlich ist allerdings auch das dunkle Kapitel des Märchenhains. 1935 fand die feierliche Enthüllung des von Heilmann geschaffenen Mutterdenkmals statt. Eine weiße Skulptur, die eine Mutter mit ihren fünf Kindern zeigt. Die Nationalsozialisten, in deren Ideologie die Rolle der Mutter einen hohen Stellenwert hatte, missbrauchten das Denkmal schnell für ihre politischen Zwecke. Die nationalsozialistische Gemeinschaft Kraft durch Freude (KdF), deren Aufgabe es war, die Freizeit der deutschen Bevölkerung zu gestalten, brachte noch mehr Besucher nach Niederheimbach. Heilmann selbst soll jedoch nicht mit den Nationalsozialisten sympathisiert haben. Auch hat er das Mutterdenkmal nicht in deren Auftrag gefertigt.

Nachdem über die Kriegsjahre des Zweiten Weltkriegs die Besucherzahlen merklich einbrachen, gab es in der Nachkriegszeit wieder einen Aufschwung. Im Jahre 1953 zählte der Märchenhain seinen 500 000. Besucher. Die Gäste kamen aus aller Welt: Afrikaner, Australier, Japaner, Amerikaner. 1957 wurde ein großer Saal an die Gaststätte angebaut, bis zu 3000 Gäste konnten somit bewirtet werden. Auch kamen noch weitere Märchenfiguren im Park hinzu. 1961 wurde Ernst Heilmann zum Ehrenbürger Niederheimbachs ernannt. 1969 schließlich starb er im Alter von 92 Jahren.

Den Märchenhain führte Heilmanns Sohn Gerhard Heilmann junior weiter. Sinkende Besucherzahlen, teure Instandhaltungsmaßnahmen und finanzielle Schwierigkeiten veranlassten den Sohn jedoch, den Märchenhain Anfang der 1980er-Jahre zu verkaufen. Gerüchten zufolge soll der Verkaufspreis bei 180 000 Mark gelegen haben. Der neue Besitzer hatte zahlreiche Pächter für den Märchenhain. Keiner konnte den Park wieder zu altem Erfolg führen. Als der letzte Pächter Mitte der 1990er-Jahre verschwunden war, verfiel der Märchenhain endgültig. Die Figuren wurden teilweise stark beschädigt, Gegenstände aus den Märchenhäuschen gestohlen.

Um zumindest nicht die Märchenfiguren völlig dem Zerfall preiszugeben, wurden diese von einigen Niederheimbachern nach Absprache mit dem Besitzer des Märchenhains aus dem Areal gerettet. Nach zum Teil mühevollen Restaurierungsarbeiten stehen diese seitdem auf dem Kuhweg in Niederheimbach, auch Märchenweg genannt, und auf dem Gelände der Burggärtnerei von Christian Lenz. Ihm zufolge konnten alle Figuren gerettet werden, nur der Frosch aus „Der Froschkönig“ wurde gestohlen. Zusammen mit der Restaurierung des Heiligenhäuschens leistete allein die Initiatorengruppe Kuhweg zwischen 1998 und 2002 rund 1500 ehrenamtliche Arbeitsstunden im Märchenweg.

Auf dem rund 10 000 Quadratmeter großen Areal des Märchenhains sollte schließlich ein Seniorenzentrum entstehen. Weil aus den Plänen nichts wurde, dachten die Mitglieder der ehrenamtlich arbeitenden Initiatorengruppe Kuhweg über eine alternative Nutzung des Geländes nach. Das war Ende der 1990er-Jahre. Die Vision eines Wiederaufbaus des Märchenhains scheiterte jedoch. Nicht zuletzt daran, weil der Besitzer bei Verkauf 2 Millionen Mark für das Areal verlangte. Eine solch märchenhafte Summe konnten sie nicht aufbringen. Bis heute liegt das Areal brach. Schade eigentlich, denn mit dieser exponierten Lage inklusive Rheinblick ließe sich sicher etwas anfangen.

 

Mein Dank gilt vor allem Heinz Scheibe aus Niederheimbach, ein Mitglied der Initiatorengruppe Kuhweg, dessen mehr als 30 Seiten lange Aufzeichnung der Geschichte des Märchenhains mir hierfür als Recherchegrundlage diente. Ebenso danke ich Christian Lenz und Hans Henn für die Gespräche über den Märchenhain.

 

Und hier sind die Fotos zum Durchklicken:

6 Kommentare

  • gunter schneider says:

    ja,das war einmal, schade.Es war immer ein schöner Ausflug mit den Eltern oder der Schule.Wie zb. durch,s Morgenbachtal Richtung Schweizerhaus aber vorher gab es ja noch das Wasserkarusell mit einer Drehorgel.(handbetrieb)Ja lange ist es her, aber die Erinnerungen bleiben.
    Vielen Dank nochmal für den Bericht und die Bilder.Gruss,GUNTER.

  • Claudia Kurz says:

    Danke für deinen tollen und einfühlsamen Bericht. Ausgerechnet den Frosch habe ich als Kind am meisten geliebt. Und der ist weg. Muss das Foto mal raus suchen ;-)

  • Katja Jacoby says:

    Auch ich erinnere mich noch gut an die Ausflüge zu den Märchen. Es war immer aufregend, da wir rechtsrheinisch wohnen und somit auch noch mit der Fähre gefahren wurde…. Im Märchenhain war es unheimlich, spannend, mystisch und wunderbar märchenhaft…. Eine tolle Kindheitserinnerung. Es ist schade, dass es ihn nicht mehr gibt. Aber fantastisch, die Figuren gerettet zu wissen…

  • Petra Vogel says:

    Da werden Erinnerungen wach. Danke, für den tollen Bericht und die eindrucksvollen Bildern.
    In meiner Kindheit fuhren wir mit unseren Eltern öfter ins märchenhafte Märchenhain. Die Treppen kamen mir als Kind unendlich lang vor.
    Zum späteren Zeitpunkt fanden in toller Atmosphäre Open Air Discos statt, da war der Eingang von der Ernst-Heilmann-Straße. Der heutige Besitzer des PapperlaPub’s in Niederheimbach, hatte einige Jahre die Gastwirtschaft gepachtet und tolle Events geboten… Es war einmal …. sehr traurig.

  • Stefan Herzog says:

    Was ein toller Ausflug in die Vergangenheit. Ganz dunkel erinnere ich mich als kkleiner Knirps (geboren 1950) mit Oma und ope im Märchenhein. Was hatte ich eine Angst vor dem bösen Wolf!! Die Kids von heute würden sich über die Figuren von damlas kaputlachen. Und ich erinnere mich, dass es irgendwo in der Nähe (Trechtingshausen??) ein Wasserkarusell gab.
    Guter Bericht!
    Stefan Herzog

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