Geistige Umnachtung vs. Wissensdurst

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Da bin ich also. Tausche Rauhfasertapete gegen steinerne Burgmauer. Feinstaub gegen Frischluft. Und Großstadtgeflüster gegen – ja was eigentlich – Provinzstille, Mittelrheintalgesang, Weinberg-Gejodel? So genau weiß ich das nicht. Überhaupt weiß ich noch nicht, was mich hier, also im Mittelrheintal und auf der Burg Sooneck, so alles erwartet. Kann ich ja auch nicht. Denn Horoskope erzählen einem bekanntlich nur das, was man hören will, und die schrullige Dame mit der Glaskugel war gerade nicht da.

Die Blogeinträge meiner Vorgängerin und Vorgänger habe ich in den letzten Wochen bis spätabends durchwandert. Habe Christophs Sonnenuntergänge genossen, Timos Espressomaschine gehört, bin Jessicas Bucket List durchgegangen sowie Moritz Resümee.
Allerdings hat das ganze „Ich-Lese-Vorher-Noch-Wirklich-Alle!-Vorgänger-Artikel“ eher Panik geschürt als Zuversicht gesät. Und irgendwann habe ich es dann gelassen und einfach gewartet bis der Tag X kommen und ich die Burgtür betreten würde. Die Tage, Stunden, Minuten habe ich während des Wartens nicht nur gezählt, sondern viel mehr beobachtet. Habe die Zeit quasi aus der Uhr fließen gesehen, um mich immer wieder zweifelnd zu fragen, in welchem Zustand geistiger Umnachtung ich einfach „ja“ gesagt habe.

Nun ja – der Zweifel gehört dazu, am Anfang ist er immer. Ohne ihn würden wir uns nicht wundern, fragen, anhalten. Und die geistige Umnachtung ist wahrscheinlich seine Schwester. Als ich in den letzten Nächten wieder einmal wach lag, die Zeit beobachtete, wie sie dahin floss und mein Gehirn die verschiedensten Versionen des Projektes durchkaute, exerzierte, mir ganze Filmsnippets vorspielte: Da sah ich mich als holdes Burgfräulein, das Haar aus dem Fenster schwingend oder eher wie in Disneys „Die Hexe und Zauberer“ in Merlins wackeligem Turmzimmer wohnend und Töpfe jonglierend. Da habe ich mich gefragt, was das eigentlich genau bedeutet, also die „geistige Umnachtung“.

Bei Wikipedia wurde ich sofort zu „Wahnsinn“ weitergeleitet, was mir minder gefiel. Dann nahm ich mir den Duden:

Umnachtung, die
Substantiv, feminin – geistige Verwirrung, Demenz

geistig
Adjektiv
1a)… auf den menschlichen Geist, da… 1b) besonders scharfen Verstand, ausgeprägtes Denkvermögen… 2. nur gedacht, allein in der …“

Ich entschied mich für die Kombination aus 1b) und der Verwirrung: also besonders scharfer Verstand, aber gerade geistig verwirrt. Dies gefiel mir und ich ließ mein Gehirn weiter Kopfkino spielen. Und ach, dann ist natürlich der Tag X gekommen.

Tag X

Also hier bin ich. Ein wenig aufgeregt bin ich noch immer, doch gleichzeitig freue ich mich wahnsinnig (da haben wir dann doch den Wahnsinn) auf die Menschen, die ich kennenlernen werde. Ich bin neugierig, denn für mich bedeutet Mittelrheintal auch ein Stück Heimat, das ich nun mit anderen Augen sehen darf. Was natürlich eine Herausforderung ist.
Außerdem bin ich wagemutig und wissensdurstig und daher glaube ich jetzt einfach mal, dass das gut werden wird.

Mein Rucksack ist jedenfalls gepackt.

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