Hab’ ich schon Danke gesagt?

von
Burg Sooneck am Mittelrhein
Die letzten Tage auf der Burg.

Das Projekt geht zu Ende. Ich tausche die Burg wieder gegen Berlin. Aber so ganz geht man ja bekanntlich nie.

Es gibt Dinge im Laufe des Erwachsenwerdens, die man entweder beherrscht oder bei denen man den Zeitpunkt verpasst hat, sie zu beherrschen. Dann beherrschen sie dich. Bei mir ist es das Tanken. Ich kann es nicht. Also, natürlich kann ich tanken, aber eben nicht so richtig, so vorbildlich. Ich besitze nicht die Fähigkeit, den Zapfhahn beim Tankvorgang mit einem kühnen Kniff so einzustellen, dass der Vorgang automatisch läuft.

Ich habe den Zeitpunkt in jungen Jahren verpasst, genauer hinzusehen und mich mit diesem Tanknüpsi vertraut zu machen. Wenn ich jetzt im fortgeschritten Alter anfangen würde, daran herumzuschrauben, dann würde ich vermutlich auf einen Schlag mein souveränes Tankroutineface verlieren. Und das will ich mir beim besten Willen nicht erlauben. So stehe ich also an der Tankstelle, den Zapfhahn festumklammert und tue so, als ob ich aus guten Gründen Kontakt halte und zapfe. Als ob ich da gerade etwas abschätzen würde. Ich stehe dann, gucke tollkühn, halte und warte auf das Klacken der Zapfanlage.

Und doch erinnert mich jeder Tankvorgang daran, dass ich auf dem Weg in die Volljährigkeit ein paar entscheidende Schritte versäumt habe. Dann hilft nur noch Fassade und Simulation. Ja, tanken kann extrem demütigend sein.

Und jede Tankstellenfahrt ruft in Erinnerung, dass ich eigentlich immer noch 25 bin. Nur mit zehn Jahren Erfahrung.

Doch so ein Auto will betankt werden. Und Mobilität ist das Täglich Brot eines Burgenbloggers. So hatte ich natürlich sehr viel Zeit, beim Tanken zu beobachten. Und ich sah viele Tankende, die auch halten, drücken und lieblich in die Gegend schauen. Ich sah, ich war nicht allein. Ihr könnt es auch nicht. Auch am Mittelrhein gibt es unfreiwillige Tankrebellen. Ein wirklich schönes Gefühl.

Das Burgenbloggerauto werde ich wieder abgeben. Mit ihm dieses Gefühl, dann doch irgendwie für eine Zeit lang mitten im Leben zu stehen. Natürlich immer einen Schritt neben mir. Und doch war ich vermutlich nie so nah dran.

Das Logo ist schon abgefönt. Das Auto steht nun ganz gewöhnlich vor meiner Burg. Irgendwie nackt und normal. Aus dem Burgenbloggermobil wurde wieder ein Fünftürer, aus dem Burgenblogger wieder ein Typ minus Burg plus Stift und Papier.

Ich genieße meine letzten Fahrten durchs Tal. Natürlich fährt und fuhr auch immer die Musik mit. Eine Autofahrt ohne Musik? Undenkbar. Sie floss auch ins Schreiben ein. Und so hat sich im Laufe der Monate hier eine ganz bestimmte Mittelrheinplaylist herauskristallisiert. Die perfekte Musik für eine perfekte Kulisse. („OK Computer” von Radiohead,  „Songs for the Deaf” von Queens of the Stone Age, „Amore” von Wanda, „Stark wie Zwei” von Udo Lindenberg, „Skeleton Tree “ von Nick Cave, „Pretty Hate Machine“ von Nine Inch Nails, „Use Your Illusion II“ von Guns N Roses, „The Dark Side of the Moon” von Pink Floyd oder „Ma Fleur” von The Cinematic Orchestra.)

Aber nicht nur die Musik, immer auch fuhren die vielen Menschen und Erlebnisse mit. Die Menschen im Tal sind die Protagonisten des Burgenbloggerprojektes. Ohne sie würde das alles nicht funktionieren.

Mein Freund Uwe aus dem Dorf zum Beispiel. Er hat hier am Mittelrhein sein Zuhause gefunden, schreibt Gedichte über seinen Chihuahua und sammelt Ehrenämter wie andere Konfektionsgrößen. Uwe und seine Frau Daiana haben mich zu den Schafen mitgenommen, die aussehen wie Ziegen und am Weinberg für Ordnung sorgen.

Ich erinnere mich genau. Es war an einem Sonntag. Ich war ganz frisch im Tal. Uwe hatte Bandscheibe. Die schweren Kanister schleppt er trotzdem. „Hilft ja alles nichts, die Tiere müssen versorgt werden.“ Ich stieg ins Auto, nahm auf der Rückbank Platz und fuhr mit Daiana und Uwe in den Hang. Der Sommer war noch weit weg, es regnete, der Mittelrhein begann erst ganz gemächlich, sein Potenzial auszuschöpfen. Ich blickte aus dem Fenster, ließ die Weinstöcke an mir vorbeiziehen und fragte Uwe irgendwann, was er denn so im Leben gemacht habe. Der schaute mich im Rückspiegel an und antwortete trocken: „Ich war im Knast. 42 Jahre“. Daiana lachte und lieferte das entscheidende Detail: „Mit Schlüssel.“

Irgendwann kurbelte Daiana dann die Scheibe runter und rief: „FEEEEELIX, FLOOOOCKE! KOMM, LECKER, LECKER!“

„Flocke, die eigentlich Brauni heißt“, verbesserte Uwe. Daiana korrigierte: „FEEEELIX, BRAAAAUUUUUNI! KOMM, LECKA, LECKAAA!“

Dajana fuhr weiter Schritttempo. Wir schauten aus dem Auto in den verregneten Tag und lauschten in den Hang. Von Felix, Flocke oder Brauni fehlte jede Spur.

Sie: „Da, ich hab’ sie schon gehört.“

Er: „Sie dich auch.“

Felix, Brauni und Co. wackelten in Reih und Glied heran. Erst die Ziegen. In kurzem Abstand dahinter die Schafe. Hübsch getrennt. Ich fragte Uwe, ob die Ziegen immer zuerst kommen. Uwe nickte.

Wir verteilten Wasser und Brot. Daiana stellte eine Diagnose: „Felix hat Durchmarsch!“ Uwe zeigte auf ein anderes Tier: „Ja, die hier hat auch feucht.“

Ich bekam eine erste Idee davon, wie das Leben hier funktioniert. Wie es sich organsiert. Warum die Schafe den Ziegen den Vortritt lassen, und dass es vor allem diesen Uwes und Daianas im Tal zu verdanken ist, dass dann doch irgendwie alles läuft. Trotz Leerstand und Landflucht.

Zu meinen ersten Eindrücken gehörte auch dieses Ding im Wasser. Es liegt keine 15 Meter vom Ufer in Niederheimbach im Rhein. Bis heute bin ich mir nicht sicher, was da genau im Wasser liegt. Vermutlich ist es eine Zeitmaschine. Offiziell soll es Strom erzeugen. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass nicht dieses Ding angetrieben wird, sondern dass es den Rhein antreibt. Wundern würde es mich nicht.

Im Stillen ist dieses Wasserdings für mich Mittelrhein. Es liegt einfach da, und keiner weiß so recht, warum. Der Rhein hält es in Bewegung. Und wenn erst einmal etwas da ist, bleibt es solange, bis es der Rhein verschluckt oder wieder von alleine geht. Dieses Etwas zumindest macht nicht den Eindruck, als wolle es irgendwann wieder verschwinden.

Es folgten andere Orte, andere Eindrücke. Der Bürgermeister, der eine Ampel im Vorzimmer hat, der nimmermüde Gärtner mit seinem elektronischen Glockenspiel, der auf einem Hügel eine Art Pantheon gebaut hat. Oder der „Kegelabend“ ein Dorf weiter. Eine Runde wie ein Statement gegen die eigentümliche Kegelvereinskultur der 70er-Jahre am Mittelrhein. Eine Runde, die sich aus gemeinsamen Schultagen kennt, die nicht kegelt, sondern philosophiert, lacht, trinkt und Geld für lokale Projekte sammelt. Dann sitz der Spitzenkoch neben dem alten Kommissar, der Winzer neben dem Pfarrer, der Eismann neben der Künstlerin. Und an einem großen Tisch erzählt man sich Geschichten aus den glorreichen Mittelrheinzeiten, als noch Bus weise Däninnen „angeliefert“ wurden. Ich erinnere mich, wie ich in so einer Runde einmal meine Hand über das Weinglas hielt, sagte, ich müsse noch fahren, dabei eine ziemlich bescheuerte Lenkradbewegung machte und der katholische Pfarrer süffisant kommentierte: „Bist du noch nicht geeicht?“

Ja, sie alle fuhren immer mit. Nicht nur durchs Tal. Auch mit zurück nach Berlin. Ihnen gilt mein Dank. Diesem ganzen herrlich verrückten Haufen hier. Und natürlich den Projektinitiatoren (die Entwicklungsagentur, die Generaldirektion kulturelles Erbe und die Rhein-Zeitung), die schuld daran sind, dass für ein halbes Jahr einer auf diese Burg gesperrt wird und sowas dann dabei herauskommt.

Jetzt geht es zurück in die Stadt. Jetzt heißt es, die Burg wieder gegen Berlin tauschen. Sooneck gegen Altbauwohnung. Rhein gegen Spree. Erdbeerbowle gegen Craft Beer. Souvenirläden gegen Spätis. Immer wieder wurde ich gefragt, ob es nicht schrecklich einsam auf so einer Burg sei. Offen gesagt, habe ich die Frage nie verstanden. Natürlich ist es das auch. Aber dort oben gehört sie ja auch hin. Es ist eine andere Einsamkeit. Eine gesunde. Das Leben in einer Altbauwohnung in der Stadt kann viel einsamer sein.

Die Batterien der Stirnlampe werden schwächer. Die Marsbücher sind ausgelesen. Ein kalter Wind bläst durch ein Tal, das täglich seine Farben ändert. Mir bleibt nur noch, Danke zu sagen. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, in so kurzer Zeit schon einmal so viel gelernt zu haben. Burg und Tal haben mit mir etwas gemacht.

Nur Tanken kann ich noch immer nicht.

21 Kommentare

  • Nicole says:

    Vielen Dank für die schönen Mittelrhein-Geschichten!

  • Iris Arens says:

    Lieber Timo,

    Sie haben sich dem Projekt „Burgenblogger“ mit viel Empathie und Neugier gewidmet und es aus meiner Sicht erstmals mit Leben erfüllt. Ihre Texte werden mir fehlen. Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Liebe und Gute!

  • Lisa Berger says:

    Schade dass die Zeit so schnell vergangen ist… 😕 Durch dich haben auch wir unsere Heimat noch besser kennen gelernt. Danke für deine schönen Geschichten. Könnt ihr ein Buch daraus machen?

  • Timo Stein says:

    Wow, danke für die vielen Grüße, Worte und Wünsche. Ich komme wieder!

  • Tschüssi, nimm ein paar Fläschchen vom guten Wein mit, dann kannst du an stillen Berliner Abenden auf den Flügeln der Fledermäuse zurück zur Burg fliegen und dich mit dem durchs Herbstlaub trippelnden Käseigel treffen.

  • Uhrmacher, Gabriele says:

    Lieber Herr Stein, Sie waren mir der liebste von den bisher drei Burgenbloggern, die für ein halbes Jahr ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt an den Mittelrhein verlegt haben. Wenn ich Ihre Texte gelesen habe, hatte ich oft das Gefühl, dass die Burg Sooneck, Niederheimbach, der Rhein sowie insbesondere die Menschen, die Ihnen hier begegnet sind und auf die Sie sich eingelassen haben, zu einem Stück Heimat auf Zeit für Sie geworden sind. Bitte grüßen Sie Berlin herzlich von mir – ich werde hoffentlich ‚mal wieder dort sein – und machen Sie bitte Werbung für m e i n e Heimat! Ich wünsche Ihnen alles Gute und freue mich auf ein „Wiederlesen“!

  • Shan Dark says:

    Danke für diesen schönen letzten Artikel und die vielen Stories davor. So einen „Burgenblogger“ wie dich muss der nächste erstmal toppen. Das wird nicht leicht!
    Ich wünsche Dir alles Gute!

    PS: Wo kann man denn nun ab sofort von Dir lesen?

  • Barbara Ams says:

    Danke Timo Stein, für die tollen Geschichten, für den liebevollen Blick auf unsere Region und die Menschen, dafür, dass ich zum ersten Mal alle Texte des Burgenbloggers mit großem Vergnügen gelesen habe. Alles Gute und hoffentlich hast du einen Koffer hier gelassen.

  • Es hat viel Spaß gemacht, lieber Timo! Wir treffen uns vielleicht beim Ullrich in Berlin an der Kasse oder woanders. Gute Heimfahrt! Und willkommen zurück in Berlin.

  • Vera says:

    Herzlichen Dank für die wunderbaren Texte und alles Gute weiterhin. Hoffentlich liest man Dich wieder mal.

  • Uwe Giehmann says:

    Wir sind stolz darauf die kennen gelernt zu haben endlich mal einer der mit offenen Augen durch das Mittelrheintal gegangen ist und wunderbare berichte geschrieben hat. Wir wünschen dir für deinen zukünftigen Weg alles leibe und Gute . Solltest du mal wieder in der Gegend sein schau einfach mal herein auf ein Gläschen goldnen Wein . Deine Daiana und Uwe vom Heimbachtal.

  • Hallo Timo,
    wir trafen uns auf dem Zentralplatz Koblenz, als die AFD in confluentesbau war. Danke für deine Bericht damals! Nun sind mit 13% AFD Abgeordnete im Berliner Bundestag. Die Entwicklung zu dieser neuen Situation hier in Deutschland hast du im Mittelrheintal erlebt. Die „klassischen“ Medien haben ihren Teil zur Aufmerksamkeit für die AFD beigetragen. Wer nicht an der ns-wunde rührt, bekommt keine Aufmerksamkeit in den klassischen Medien. Ist leider so, da die entscheidenden Menschen halt reflexhaft auf der richtigen Seite stehen wollen bzw ihr Selbsterkenntnis Verhalten leben. Die Spannung vor der btw17 habe ich auch zuspüren bekommen, da der der z. B. nicht für Anfragen empfänglich war. Zum Glück entwickelt sich immer stärker die Medienlandschaft und irgendwann wird die arrogante und Ignorantentum Haltung der klassischen Medien dazu führen, dass auch Internetprogramme Rundfunkgebühren erhalten. Hochmut kommt vor dem Fall. Stets dialogbereit grüßt Peter (1. unabhängiger Bundestagsdirektkandidat für Koblenz und Umgebung, ist nur zur Erklärung und soll bitte nicht aufdringlich wirken)

  • frauvogel says:

    Lieber Timo,
    danke für die schönen Texte und den herrlichen Tag, den wir (Herbergsmütter) bei und mit Dir verbringen durften. Ich wünsche Dir alles Gute, fabelhafte neue Projekte und hoffe, bald wieder von Dir zu lesen.

  • Sabine says:

    Viele Dank für die schönen Texte!

  • Ach Mensch, schon rum, ich habe Sie so gern gelesen! Sie waren mir der liebste Burgenblogger überhaupt. Danke für Ihre Texte und Gedanken. Alles Gute für Berlin!

  • Wendling says:

    Hallo Timo,
    vielen Dank für deine Geschichten vom Mittelrhein.
    Für die Zukunft in Berlin wünsche ich dir Alles Gute.
    Behalte uns und unsere Gegend in Erinnerung .
    Aus dem roten Dorf am Mittelrhein grüßt ganz herzlich.
    Peter Wendling

  • Lieber Timo,

    komm gut heim nach Berlin und danke für die schönen Texte, die mich sehr bereichert haben. Eh schon Fan des Mittelrheins hat es mir immer unendlich viel Spaß gemacht, sie zu lesen. Besonders toll war es, dich live zu treffen. Danke für diesen schönen Nachmittag. Ich hoffe, wir hören und lesen weiterhin von dir.

    Ganz herzliche Grüße
    Anke

  • Wir haben durch Dich auch was bekommen und werden es behalten! Danke, Du hast viel gesehen, erkannt, beschrieben und angestossen. Hoffen wir, dass es nachwirkt. Liebe Grüße und immer ne handbreit Wasser unterm Kiel wünscht
    Jutta Thies
    Ferienwohnung Engelsgärtchen

  • rzeimentz says:

    Lieber Timo Stein,
    es war eine große Freude, die Burgenblogger-Saison mit Ihnen zu erleben. Für die klugen, nachdenklichen, manchmal zwinkernden Texte (Ok, dieses Wortbild stimmt nicht) sage ich „Danke“ und auch für die gute Zusammenarbeit
    .
    Wir haben über ein neues Projekt gesprochen und vielleicht wird es ein 2. Erfolg.

    Danke bis hierhin und an den Berlin sage ich ein fröhliches „Tschüssi“ als Eingewöhnung an neuen Zeiten mit Ullrich-Kassierin und BVG-Fahrerin….
    Alles Gute!

  • corsa772 says:

    In Berlin brauchst du auch kein Auto. Da darfst du über die BVG schimpfen. Vielen Dank und lass dich mal wieder blicken.

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