Ich komme in Frieden

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Zu Besuch in den Kneipen Niederheimbachs
Runter von der Burg - und ab in die Kneipe. Foto: Timo Stein

Sämtliche Zeitungen schreiben über deutsche Leitkultur. Ich habe keine Ahnung, was das sein soll – und suche mir Hilfe. Ein Dorfbesuch.

Die erste offizielle Amtshandlung eines Burgenbloggers führt ihn, wie sollte es anders sein, in die Kneipe. Natürlich nicht ganz ohne Hintergedanken. Die Zeitungen sind gerade voll mit der von Innenminister Thomas de Maizière angestrebten Wiederbelebung eines längst totgeglaubten fauligen Gauls: der Leitkultur.

Weil ich mir so gar nichts darunter vorstellen kann, habe ich dem Innenminister Anfang der Woche eine E-Mail geschrieben, ihn auf die Burg eingeladen, um einmal darüber zu reden, was das eigentlich sein soll: so eine gesunde deutsche Leitkultur. Geantwortet hat er (noch) nicht. Wir warten ab. Bis dahin muss ich es selbst herausfinden. Vielleicht können mir die Leute aus dem Dorf am Fuße der Burg helfen.

Denn, was macht man, wenn man über Politik reden will? Man geht an den politischsten Ort schlechthin: an die Theke.

Gut 800 Menschen leben in Niederheimbach. Drei davon treffe ich in der Bootsklause.

Nicole Ternes steht hinter dem goldschimmernden Hahn. Ein Teddybär salutiert über dem Tresen. Polyurethan-Engel gucken traurig. Bunte Schmetterlinge kleben glitzernd an der Decke.

Die 27-jährige gebürtige Bingerin wird die Klause von ihrer Mutter übernehmen. Gerade wurde die Küche neu gemacht. In ein paar Tagen dann gibt es eine Art Neueröffnung. Nicole wird kochen. Deutsche Küche. Natürlich.

Jetzt muss sie aber erstmal das Abendessen für ihren Sohn Ben-Luca vorbereiten. Es gibt Putensteak mit Nudelsalat. Gegessen wird an einem Tisch im Gastraum. Ben-Luca will nicht verraten, ob er seine Hausaufgaben gemacht hat. Arkadis kommt dazu. Der 33-jährige gebürtige Pole ist Dachdecker. Nach der Arbeit hilft er Nicole in der Wirtschaft. Seit zwei Jahren sind sie ein Paar.

Nicole und Arkadis in der Bootsklause.

Die Klause hat Nicoles Mutter eingerichtet. Das oberste Prinzip: Gemütlichkeit. Danach scheint sich alles zu richten. Gardinen mit Spitze zieren mit einer auffälligen Sockelmusterung die Fenster, kleine Decken verteilen sich auf den Tischen, frische Rosen stehen in einer Vase, zwei Spielautomaten schicken bunte Lichter in den Raum. An zwei kleinen Geräten in der Ecke kann sich der Gast Feuerzeuge oder Armbanduhren ziehen. Vor der Klause ankern lustige Gartenzwerge, putzige Topfpflanzen, weiße dreiköpfige Lampen in Straßenlaternenoptik, die Grenze zieht ein geschwungener Gartenzaun.

Ich schaue mich um, wittere meine Chance und frage nach der deutschen Leitkultur.

Nicole und Arkadis zucken nur mit der Schulter. Das Brummen der Kühlung füllt das Schweigen. Dann schickt Nicole Ben-Luca ins Bett. Schließlich muss er morgen wieder in die Schule.

Nein. Solche Debatten interessieren sie nicht. „Davon kriegen wir hier nichts mit“, sagt Nicole.  „Wir haben hier zwei Flüchtlingsfamilien. Und das wars. Uns ist es egal, woher die Leute kommen.“

„Wir haben hier ganz andere Probleme“, sagt Arkadis. Nicole nickt und zündet sich eine Zigarette an. „Schauen Sie sich doch um. Hier gibt es nichts mehr.“ Als Nicole vor 15 Jahren nach Niederheimbach zog, holte sie die Brötchen noch bei einem Bäcker um die Ecke, kaufte im Tante-Emma-Laden ein, oder wartete einmal in der Woche auf das Metzgerauto.

Zur Schule im Nachbarort fährt Nicole den kleinen Ben-Luca mit dem Auto. „Für die Kinder in Niederheimbach fährt kein Schulbus“, sagt sie. Für Eltern, die berufstätig sind, sei das eine Katastrophe. Der Kaffeevollautomat heult auf, als wolle er zustimmen.

Als Arkadis ins Mittelrheintal kam, erinnert er sich, war die größte Herausforderung für ihn der Bahnlärm. „Die fahren dir direkt durch den Kopf“, sagt er und lacht. Mittlerweile haben sie dreifach verglaste Fenster. Man gewöhnt sich dran. Was sollen sie auch machen.

Ich bedanke mich für die himmelschreiende Gastfreundschaft der jungen, sympathischen Familie und ziehe weiter.

Leitkultur. Zweiter Versuch.

Im PapperlaPub geht es um Parkplätze. Davon gebe es viel zu wenige. Alle hätten sie Garagen, aber die Autos stellen sie dann trotzdem auf die Straße. Die Männer am Tresen schimpfen. Mein Nachbar hat vier Autos, erzählt einer und schüttelt den Kopf. Die Wirtin macht den Umkehrschluss: „Das Problem sind nicht die Parkplätze, sondern die Autos.“

Der Pub hat ein rustikales Ambiente. Viel Holz, wortmächtige Schilder. Auf einem steht: Freibier, gibt’s morgen.

Die Konstellation an der Bar ist schnell erzählt: Um die Wirtin kreisen ein Niederheimbacher, ein Bacharacher und ein Schweigender. Ich setze mich dazu und bestelle eine kleine Cola.

So, jetzt aber, Leitkultur, denke ich und bereite mich auf eine hitzige Diskussion vor.

Die Themen aber sind andere: Wer, warum, wann und wie viel getrunken hat. Eine hat sich eingenässt. Ein anderer ist grundsätzlich voll schon vorm Vorglühen.

Wirtin: „Die Welt ist ein Irrenhaus und Heimbach die Zentrale.“ Sie ist offensichtlich für die Pointen zuständig.

Die Playlist hat hier den geringsten Humor. Wolfgang Petry: „Sieben Tage, sieben Nächte“.

Ich beschließe, meine Identität preiszugeben.

„Entschuldigung, also ich wohne da oben auf der Burg.“, sage ich und zeige mit dem Finger in eine Richtung, in der die Burg mit Sicherheit nicht steht. „Ich bin die schreibende Weinkönigin. Und komme in Frieden!“

Und da war es wieder. Dieses herrliche Schulterzucken.

Dann frage ich nach der Leitkultur. Und das Zucken geht in die Verlängerung.

Politik kein Thema? Doch, aber man rege sich eher über die lokalen Parteien auf. Es fallen Namen, die an dieser Stelle nicht genannt werden, um den Dorffrieden nicht unnötig zu gefährden.

Die Themen aber sind andere:

Wirtin: „Die Dorfkneipen sterben alle aus.“

Der Niederheimbacher erzählt, dass es bis Mitte der 80er Jahre 17 bis 20 Wirtschaften im Ort gegeben habe. Die Wirtin nickt und erinnert sich sogar an ein Sonnenstudio, eine Videothek und einen Dönerladen, der Pizza machte.

Wirtin: „Früher war alles annerscht. Früher war alles früher.“

Bacharacher: „Wenn wir kein Kulturerbe wären, wären wir schon längst abgesoffen.“

Und schiebt hinterher: „Die jungen Leute gehen alle weg, weil sie hier keine Perspektive haben…“

Wirtin: „…und keine Parkplätze.“

Wir lachen. Auch der Stille bricht mit dem Schweigeorden.

Das Parkplatzthema ist urplötzlich wieder da.

Der Bacharacher fängt an, aus der Straßenverkehrsordnung zu zitieren: „… ‚dass Besitzer von Garagen verpflichtet sind, darin auch zu parken.‘ Machen sie aber nicht. Die haben alles in den Garagen, nur nicht ihr Auto. DAS räääscht misch uff!“, schimpft er, „die sind so verwöhnt, die müssen mit den Autos noch direkt in die Geschäfte fahren.“

Der Puls ist schnell wieder auf normalnull. Dann bekomme ich noch einen Tipp, wie ich in Bacharach die Ticketkontrollen umparke, und wo es das beste Hüftsteak gibt. Und dann geht’s hinauf zur Burg. Dort angekommen, freue ich mich besonders über meinen exklusiven Parkplatz. Ich setze die Stirnlampe auf und blinke zurück in meinen Südturm. Was Leitkultur ist, weiß ich immer noch nicht. Aber das ist irgendwie auch egal, denke ich, soll sich Berlin darum kümmern. Und zucke.