Ich bin dann mal Burg

von
Burgenblogger 2017: Timo Stein

Der Journalist Timo Stein zieht für sechs Monate auf die Burg Sooneck bei Niederheimbach im Mittelrheintal. Von Lampenfieber und Fluchtgedanken. Ein Burgenblogger stellt sich vor.

Manchmal hörte man ihn Eiswürfel kauen, und ziemlich sicher würde er verkronte Biere mit seinen Zähnen öffnen können. So ein Typ war das. Riesengroß war der. Und das fahle Gesicht versteckte er hinter einem fuchsig schimmernden 356-Tage Bart. Wir saßen nun schon eine ganze Weile nebeneinander an der Bar. Trugen aber genügend Großstadtwürde in uns, der unerhörten Versuchung zu widerstehen, auch nur ein Wort miteinander zu wechseln. Das Fenster für Kneipenkonversation war gewissermaßen längst geschlossen, da weckte irgendwas für einen schrägen Moment seine Aufmerksamkeit.

Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie er seine Haltung auf dem Hocker korrigierte und seinen riesigen Leib in meine Richtung schraubte. In meiner Vorstellung quietschte ein ungeöltes Scharnier. Ich spürte seinen Blick. Dann roch ich seinen Atem. Astra Export.

Und dann wurde es investigativ.

Was ich denn sonst so mache, knurrte er.

Ich: „Also, am Montag zieh’ ich auf ne Burg.“

Er: „Aha.“

„Journalist.“, schob ich erklärend hinterher.

Er fasste sich in den Bart und brummte nüchtern: „Augen auf bei der Berufswahl.“

Der Journalist nickte. Der Eiswürfelriese knackte zurück in seine Ausgangsthekenstellung.

Warum ich das schreibe? Weil ich in diesem Moment sehr froh war über diese nüchterne Analyse. Diese lebenswirkliche Einordnung (einer lebensunwirklichen Situation). Denn mindestens so aufregend wie das Leben auf einer Burg ist wohl nur die Zeit vor der Burg. Und dieser Kerl nahm mit einer kurzen Geste, ein paar kaltgepresste Zeilen, die komplette Spannung aus der Burgnummer.

Tausche Berlin gegen Burg

Und die Spannung war und ist entsprechend groß. Ein achterbahnartiges Wechselspiel von Vorfreude und Demut. Burglampenfieber sozusagen. Der Respekt vor der Aufgabe ist mindestens so groß wie der Typ an der Bar. Respekt vor diesem großartigen Projekt, getragen von außergewöhnlich engagierten Menschen, die mir für dieses Jahr dieses Blog anvertrauen.

Aber von Anfang an: Von Mai bis Oktober beziehe ich für ein halbes Jahr das Turmzimmer in der sehr wahrscheinlich um das 11. Jahrhundert errichteten Burg Sooneck bei Niederheimbach. In der Tradition eines Stadtschreibers werde ich mich mit Stift, Papier und Smartphone aufmachen, über Mensch und Mittelrheintal zu berichten, um nach dem Besonderen im Gewöhnlichen zu suchen. Was verbindet die Menschen, was trennt sie, was macht sie besonders? Ich möchte herausfinden, was es heißt, am Mittelrhein zu leben, zu lieben, zu hadern und zu wachsen, den etwas anderen Blick auf die Region werfen. Und vor allem eines tun: zuhören.

Ein politischer Journalist zieht in dem wahrscheinlich politischsten aller Superwahljahre auf eine Burg ins Nirgendwo. Man könnte das für eine Flucht halten. Und diese These hat meine ganze Sympathie. Wahrscheinlicher ist eine andere Lesart. Wahrscheinlicher ist die Flucht vor einer Wirklichkeit in eine andere. Eine konkurrierende. Eine Art Wirklichkeitstausch. Denn was könnte es Aufregenderes geben, als im hochpolitischen Wahljahr 2017 auf eine Burg in die Provinz zu ziehen? Das politische Berlin ist eine Insel. Was liegt da näher, als die Insel Berlin gegen eine Burg zu tauschen? Dort oben, auf der Burg und dort unten, im Tal, ist die Bundespolitik weit weg. Ich erlaube mir diesen Blick von oben – gerade jetzt, im Superwahljahr. Und möchte auch herausfinden, was dieser politische Sommer und Herbst mit den Menschen vor Ort macht.

Die Initiatoren des Projektes (die Rhein-Zeitung, die Generaldirektion Kulturelles Erbe und die Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz) unterstützen mich dabei mit Geld, Geduld und der entsprechenden technischen Ausstattung. Der Burgenblogger bekommt ein eigenes Burgenbloggermobil. Das wurde mit einem riesigen Burgenbloggerschriftzug samt Logo beklebt, vermutlich, um zu verhindern, dass ich mich heimlich aus dem Staub mache.

Von Raubrittern, Blitzeinschlägen und Espressomaschinen

Seit 2015 wird von der Burg gebloggt. Meine Vorgänger Jessica Schober und Moritz Meyer haben fantastische Arbeit geleistet, tolle Geschichten erzählt, nahezu jeden Stein links und rechts des Rheins umgedreht. Die besondere Herausforderung wird es sein, eigene Steine zu finden und das Mittelrheintal jenseits von Bahnlärm und Loreley zu denken.

Größer als der Respekt ist nur noch die Neugier. Gleichwohl bin ich mir sicher, dass es eine Menge Situationen geben wird, in denen sich der Bauch zwischen Scham und Stolz nicht entscheiden kann.

Wieder denke ich an den Bartmann in der Bar in Berlin. Der würde viel besser auf so eine Burg passen. Ich überlege kurz, ob ich ihm einen Tausch anbieten soll. Aber dann müsste ich ja seinen Job machen. Und der hat vermutlich was Richtiges gelernt.

Im Grunde, beruhige ich mich, ändert sich ja auch nicht so viel. In Berlin kenne ich meine Nachbarn nicht. Auf der Burg habe ich keine.

Und die Burg kenne ich bisher nur von Bildern aus dem Internet. Der Burgverwalter spricht am Telefon von drei Schlüsseln, die ich zu verantworten habe. In meiner Vorstellung sind es gewaltige, gusseiserne Schlüssel an einem gewaltigen, gusseisernen Schlüsselbund. Und Kerzen solle ich mitbringen. Und dann lacht er. Bei Unwetter falle schon mal der Strom aus, erklärt er. Ich versuche zurückzulachen. Und dann erzählt er von der Eiche im Hof, die der Blitz gespalten hätte. Zack. Mitten durch. Und dann lege ich auf.

Ich notiere: Kerzen. Was sonst noch? Nun, ich habe mir jede Menge Bücher mit Mars-Geschichten eingepackt. Nur für den Notfall. Und dann natürlich das Einmaleins eines Typen, der auf eine Burg zieht: Zahnbürste, Laptop und Espressomaschine.

Ich bin mir sicher, dass die Mauern dieser alten Burg schon alles gehört haben: Schlachtengeheule, klapperndes Pferdegeschirr, süffige Eifersüchteleien oder das fiese Gelächter besonders fieser Raubritter, die auf arglose Kaufleute schießen.

Aber das feuchtfröhliche Gurgeln und Zischen einer zugegeben sehr in die Jahre gekommenen Ein-Mann-Siebträger-Espressomaschine? So etwas hat die doch in 1000 Jahren nicht gehört.

Ich will aber nicht zu viel verraten. Was ich versprechen kann: auf selbstgemachte Seife, Babyfotos und Sixpackselfies zu verzichten. Die gibt es einen Blog weiter.

In diesem Sinne: Ich bin dann mal Burg. Mögen die Spiele beginnen.

10 Kommentare

  • Touristin says:

    :D jetzt versteh ich, warum sich kurz vor Besichtigungsschluss die Tore nochmals für einen jungen Mann öffnen. Interessantes Projekt. Wünsche noch schöne Tage im herbstlichen Mittelrheintal!

  • Esther says:

    Hallo Timo, jetzt bin ich aber auch gespannt. Bin neu hier und jetzt schon begeistert. Besuche während Deiner Zeit auf Sooneck mal den Holzwurm by PM. Der lebt gegenüber der Sooneck in Lorch und sammelt das ganze Jahr über Treibholz vom Rhein und zaubert tolle Dekorationen

  • Manfred Schmitt says:

    Hallo Timo, schön daß es weitergeht mit der Burgenbloggerei! Herzlich willkommen!

    Wir – aus dem Neubaugebiet „Auf der Höh'“ in Niederheimbach – werden deine Berichte mit Interesse verfolgen und hoffen, daß für die Bewohner des Mittelrheintals dabei viele Impulse, Anregungen und auch Kritiken herausspringen!

    Viele Grüße und vielleicht mal auf ein Glas leckeren Rieslingwein bei uns!

    Manfred und Hiltrud Schmitt, Dornröschenblick 10.

  • Hallo Timo,
    und herzlich willkommen im „Tal“ auch von den Touristikern in Rüdesheim und Assmannshausen, mit Anschluss in den Rheingau (s. Patrik Kunkel). Wir freuen uns auf rege Kontakte und eine offenes Auge und Ohr für die neuen und immer wiederkehrenden Geschichten. Wir freuen uns auf die Berichte aus der Adlerperspektive.
    Herzliche Grüße Rolf Wölfert

  • Patrick Kunkel says:

    Lieber Timo,
    Herzlich willkommen hier bei uns am Rhein.
    Grüße kommen von mir zwar etwas weiter „oben“ vom Rhein, aus Eltville (Rheingau) – liegen noch knapp vor dem Startpunkt des Mittelrheintals bei Rüdesheim / Bingen…
    Die „Burger“ Jessica und Moritz habe ich bereits mit großem Interesse an ihren Texten begleitet.
    Konnte sie auch beide treffen – also: falls es Dir mal zu eng wird im Tal ;-)
    Werfe auch gerne mal einen Flaschen-Post in den digitalen Fluss.
    #WirsindRhein

  • Kassandra Knebel says:

    Tolle Schreibe! Liest sich super und macht Lust auf mehr.

    • Claudia Kretschmer says:

      Genau meine Gedanken beim Lesen des Textes – auch in bin gespannt auf mehr!

  • Julia says:

    Lieber Timo, das hört sich sehr gut an. Ich finde Burgherr zu sein passt sehr gut zu Dir. Kann man Dich dort besuchen? Grüße aus Berlin-Mitte, Julia

  • Willkommen! Ich bin sehr gespannt. Eins werden Sie sicher bald feststellen: politisch ist es hier auch. Trotzdem oder gerade deswegen: Viel Freude und Erfolg!

  • Mac says:

    Na dann viel Spaß und viel Erfolg vom Burgturm http://burgturm.de aus. Genieße die Zeit, grüße Herrn Collerius und Frau Saueressig aus Niederheimbach. Ein Berliner Finalist aus dem ersten Burgenblogger-Casting.

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