Im Land der Vereinsvitrine

von
Facebook zum Anfassen - die Vereinsvitrine. (Fotos: Timo Stein)
Facebook zum Anfassen - die Vereinsvitrine. (Fotos: Timo Stein)

Ein Verein ist erst dann ein richtiger Verein, wenn er seine eigene Vitrine hat. Kleine Kulturgeschichte des Vereinsschaukastens.

Nehmen wir einmal an, es gäbe Leben auf dem Mars. Und nehmen wir einmal an, so ein Marsmensch landete im Oberen Mittelrheintal. Das erste, was ihm auffiele, wäre ganz sicher diese schmissige Landschaft, die einfach so da ist, als würde sie sich in jedem verdammten Moment für eine Postkarte zurechtmachen.

Und wieder zuhause, zurück auf dem Mars, würde er seinen Landsleuten sicher davon berichten. Er würde vielleicht auch von Bennos Truck Stop in Kaub erzählen. Diesem herrlichen Bikerschuppen, der wie ein Garagenflohmarkt aus dieser quälend überladenen Rheinromantik heraussticht und eine Winzerpfanne serviert, die die Herzkranzgefäße in den Wahnsinn treibt. Und dann würde er sicher erzählen, dass man vom freundlichen Wirt mit einem „Guude“ in den Tag verabschiedet wird.

So ein Marsmensch würde ganz vielleicht auch die Geschichte des Drehorgelmannes mit dem Affen am Deutschen Eck in Koblenz erzählen. Von diesem fiesen Äffchen, das erst freundlich den Hut zieht, um in derselben Bewegung dem Geschmeichelten einen Vogel zu zeigen. Vielleicht würde er auch von den vielen Verbotsschildern am und um den Rhein berichten. Nicht baden, nicht ankern, nicht angeln, nicht betreten. Er würde erzählen, dass Mittelrheiner immer wissen, was sie nicht dürfen. Und dass ohne diese vielen Schilder ganz sicher Anarchie ausbrechen würde.

Aber müsste der Marsmensch die Menschheit hier auf einen Nenner bringen, über das eine sie alle verbindende Element berichten, er würde seinen Landsleuten verkünden: Sie kommunizieren über Glasvitrinen.

Und auch ich habe noch nie so viele Schaukästen und Vereinsvitrinen gesehen.

Sie hängen in jedem Dorf. Sie verkünden stoisch in den Tag hinein. Egal, ob da jemand ist, der etwas bekundet haben möchte. Sie erzählen bei Wind und Wetter von amtlichen Bekanntmachungen, sind Kommunikationsinstrument für Gemeinden, Vereine, Kirchen und Behörden.

Es gibt sie aus Holz, Glas, Aluminium, mit Schwenk- oder Schiebetür samt ausgeklügeltem Gleitmechanismus, aufgemotzt mit Beleuchtung, Einscheibensicherheitsglas und entsprechendem Sicherheitsschloss, freistehend einbetoniert oder klassisch an der Wand hängend. Sie existieren mit abgerundeten Kanten, geschwungen oder eckig. Drinnen, hinter der Scheibe, wird genagelt, gepinnt, geklebt oder magnetisch geordnet. Vereinzelt liegen dann die bunten Reißzwecken wie tote Fliegen hinter der sonnengebleichten Scheibe am Boden.

Ich würde gerne mehr zur Geschichte des Schaukastens erzählen, aber gesicherte Auskunft, wann er zum ersten Male auftaucht, gibt es nicht. Es gibt keine Literatur zum Thema. Und ruft man die Hersteller an, zucken die nur am anderen Ende des Telefons mit den Schultern. Sicher ist: Die Vereinsvitrine ist die traurige kleine Schwester des Schaufensters. Das entstand in Paris um das Jahr 1780.

Und noch heute gilt nicht nur am Mittelrhein dieses eine Gesetz: Ein Verein ist erst dann ein richtiger Verein, wenn er seine eigene Vitrine hat.

So erzählen diese ausgeblichenen Visitenkarten ihre ganz eigenen Dorfgeschichten. Sie hängen völlig zeitlos. Stellen zur Schau, ohne wirklich etwas zur Schau zu stellen. Es sind Dorfspiegel, Schaufenster der Provinz, in die in Zeiten von Facebook im Grunde keiner mehr so richtig schaut. Analoge Anker, die der Digitalisierung den Mittelfinger zeigen.

Wer sie füllt, bleibt ein ewiges Geheimnis. Ich zumindest habe noch nie jemanden gesehen, der sie ausstattet. Als käme so ein Schaukasten bereits mit der entsprechenden Information auf die Welt. Ja, vielleicht waren sie schon immer da. Es kann gar nicht anders sein.

Unten im Tal bin auch so manches Mal in einem Schaukasten. Hinter der Scheibe. Und warte darauf, abgehängt zu werden. Dann fühle ich mich, wie diese Wesen vom Mars, die alt auf die Welt kommen, wie es John Wyndham in seinem Roman „Die Reise zum Mars“ beschrieben hat. Nichts anderes sind diese im Grunde völlig dysfunktionalen Vitrinen in einer durchdigitalisierten Zeit heute. Es sind Fenster für die vielen, die alt zur Welt kommen. Sie liefern lupenreine Einbahnstraßenkommunikation.

Und dann denke ich, ach was, lasst mich noch ein bisschen hängen.

Aber das wirklich Traurige ist, es gibt gar kein Leben auf dem Mars. Und somit auch keine Marsmenschen, die von den vielen Vereinsvitrinen auf der Erde erzählen könnten. Schade eigentlich.

 

2 Kommentare

  • Shan Dark says:

    Ich werde nie wie an einer Vereinsvitrine Vorbeigehen können ohne an diesen Beitrag zu denken. Deswegen mag ich dich als Burgenblogger so – wegen dieser Detailbeobachtungen und Interpretationen, die das Besondere als etwas Besonderes und dennoch ehrlich beschreiben.

  • Mona Jung says:

    Das Geheimnis wird gelüftet. Ich gesteh, seit kurzem bin ich dafür zuständig die neusten Infos in die Vereinsvitrine zu hängen. Jedes mal wenn ich vor dem Kasten stehe, denke ich über die Sinnhaftigkeit meines Tuns nach, bin aber noch zu keinem Ergebnis gekommen.
    Ich habe auch schon versucht mit anderen darüber zu sprechen, aber ernte nur Sprachlosigkeit. Sehr erfreulich, dass die Verinsvitrine hier thematisiert wird.
    Wenn ich tief in mich hinein horsche, stelle ich fest, dass ich dieses altertümliche Dorfinformationssystem nicht losllassen möchte,
    „Analoge Anker, die der Digitalisierung den Mittelfinger zeigen.“ Vllt ist das der Grund!
    Danke für den Beitrag!

Kommentar verfassen