„Als Fremder kann man auch mal den Finger in die Wunde legen, ohne dass es wehtut.“ – Wie Gerd Kesten nach Kestert kam und Vorsitzender des Heimatvereins wurde

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Gerd Kesten, der Kirschenpapst von Kestert.

Manchmal braucht es nur einen kleinen Schubser, um etwas Großes ins Rollen zu bringen. Gerd Kesten ist ein ehemaliger Oberstaatsanwalt aus Schleswig-Holstein. Seit drei Jahren lebt er am Mittelrhein in Kestert (die Namensähnlichkeit ist purer Zufall). Im Interview erzählt der “Zugezogene”, wie er in kurzer Zeit Gründer und Vorsitzender des Kesterter Heimatvereins wurde, und welche Rolle eine Kirsche dabei spielt.

In Kontakt kam ich mit Gerd Kesten, weil ich von den Bemühungen des Zweckverbands Welterbe um die Mittelrheinkirsche erfahren habe. Wirtschaftlich hat der Kirschanbau hier kaum noch Bedeutung. Vielmehr geht es um dessen Kulturgeschichte. Und um Biodiversität: Manche der hiesigen Kirscharten kommen nur hier vor und sind inzwischen sehr selten. Ich fand das spannend und forschte nach. In Kestert wächst eine dieser seltenen Arten, die so genannte “Kesterter Schwarze”. Um deren Erhalt hat sich Gerd Kesten verdient macht. Nach unserem ersten Gespräch merkte ich, dass es in dieser Geschichte um mehr als Kirschen geht. Darum haben wir uns ein zweites Mal für ein Interview getroffen.

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Eines der historischen Fotos von der Kirschernte in Kestert, das jetzt an der alten Markthalle hängt.

Herr Kesten, am Freitag, den 10. Juni, wird hier in Kestert die Markthalle verschönert mit historischen Bildern. Was ist das für eine Aktion?
Die Markthalle hatte früher Bedeutung, weil die Kirschbauern dort die Ernte an die Händler gaben. Ende der 60er Jahre ist sie eingestellt worden. Der Kirschanbau verlor an Bedeutung durch Importe. Seitdem fristet die Markthalle in Kestert ein Schattendasein. Sie ist aber stehen geblieben und dient der örtlichen Feuerwehr als Gerätehaus. Die drei großen Türöffnungen waren mit Gittern und Reklametafeln versehen und boten ein schauerliches Bild. Da ist uns die Idee gekommen, diese garagentorgroßen Öffnungen mit alten Fotos zu versehen. Da haben wir ungefähr ein dreiviertel Jahr dran gearbeitet. Das größte Problem war, entsprechende Aufnahmen zu bekommen.

Im Zentrum dieser Aktion steht die Kirschernte in Kestert. Können sie die historische Bedeutung davon mal kurz erklären?
Nachdem der Weinbau in dieser Region zurückging, gingen die Leute langsam dazu über, hier Kirschen anzubauen. Das war Ende des 19 Jahrhunderts. Vorübergehend haben die Kirschen Kestert einen relativen Wohlstand gebracht. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Erträge nochmal höher. Es gibt hier einen Ortsteil, der erst nach dem Krieg gebaut wurde. Es heißt, dass die Menschen durch die Kirschen so viel Geld hatten, dass sie in neue Häuser investiert haben. Ende der 60er Jahre ging das dann aber durch Importe, hauptsächlich aus Jugoslawien, stark zurück. Gleichzeitig gingen die Löhne hoch. Damit war das Thema Kirsche tot. Die Hänge hat man einfach verbuschen lassen.

Initiiert hat diese Aktion der Heimatverein aus Kestert. Der ist noch sehr jung. Erzählen sie doch mal, wie der entstanden ist.
Wir sind im Herbst 2013 nach Kestert gezogen. Anfang 2014 gab es drei Nachbarschaftstreffen. Auf denen hat ein gewisser Stefan Michels, der mit der Geschichte des Ortes sehr vertraut ist, gesagt, es wäre doch schön, wenn man hier einen Heimatverein gründet. Schon im Herbst 2014, noch bevor es ein eingetragener Verein wurde, haben wir die ersten Aktionen gemacht. Im Frühjahr des vergangenen Jahres gab es dann die Gründungsveranstaltung.

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Der letzte verbliebene „Mutterbaum“ der Kesterter Schwarzen steht oben auf der Höhe, nahe des Rheinsteigs in Oberkestert. Aus Trieben dieses Baums versucht man neue Bäume anzupflanzen.

Und Sie sind jetzt Vorsitzender dieses Vereins.
Ja. (macht eine kurze Pause) Ja. Das ist etwas, was ich nun eigentlich nicht wollte, als Ortsfremder. Aber diejenigen, die ich als die “geborenen” Vorsitzenden gesehen hätte, wollten nicht so gerne. Aber es hat sich herausgestellt, das einer, der von außen kommt, der überall fragt, weil er noch nichts weiß, der alle anspricht, keine Animositäten kennt und an alles ganz blauäugig rangeht, für diese Anfangsphase ganz gut ist.

Das ist ja ganz ähnlich wie beim Burgenblogger. Der soll auch von außen kommen und Dinge hinterfragen. Braucht man das hier? Einen der hinterfragt?
Ich glaube, als Fremder kann man auch mal den Finger in die Wunde legen, ohne dass es wehtut. Ich habe auch gefragt: Warum habt ihr hier seit 20 Jahren die Markthalle so verkommen lassen? Das hätte man doch schon längst mal machen können. Als Außenstehender kann man da ganz naiv rangehen, ohne dass es übel genommen wird.

Wie haben Sie denn nach Kestert gefunden?
Ein Großonkel meiner Frau stammt aus Kestert. Der hatte hier einen Krämerladen im Ort, ist aber kinderlos geblieben. Mein Schwiegervater hat dann das Haus und etwa 40 Kirschgrundstücke geerbt. Er hat aber nie fest hier gewohnt, wohl aber mal Kurzurlaube hier verbracht. Auch wir haben manchmal auf dem Weg in den Skiurlaub hier Station gemacht oder im Herbst kleine Weintouren unternommen.

Und dabei haben Sie sich in diesen Ort hier verguckt?
Ja. Es gab dann aber eine größere Lücke. Dann kam 2011 die Bundesgartenschau in Koblenz. Die haben wir besucht und das genutzt, auch mal wieder in Kestert Station zu machen. Das Haus hatten meine Schwiegereltern inzwischen verkauft, so dass wir in einer Ferienwohnung waren. Dabei reifte so langsam die Vorstellung: Wir könnten ja auch nach Kestert ziehen. Meine Frau und ich sind gleichzeitig in den Ruhestand gegangen. Wir wollten nicht im Norden bleiben, sondern noch mal was anderes machen.

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Eine „Kesterter Schwarze“, kurz bevor sie vollreif ist. Dann nehmen sie eine dunkelrote Färbung an, die ihr den Namen eingebracht hat.

Aber sie kannten niemanden hier in Kestert?
Entfernt schon. Und immer, wenn man erwähnte, dass der Vater meiner Frau dieses Haus hatte und seine zweite Frau hier Gemeindeschwester war, dann hat das ganz schnell Türen geöffnet. Ich finde aber auch, dass man sich bemühen muss, überall mitzumachen, wenn man in ein kleines Dorf zieht. Wir gehen also auch zum katholischen Pfarrfest, obwohl wir nicht katholisch sind. Da haben wir keine Hemmschwellen.

Jemand hat mal gesagt, die Mittelrheiner brödeln so vor sich hin. Hier in Kestert sieht man aber: Wenn man sie mal weckt, dann machen sie auch was. Wie ist ihr Eindruck von den Menschen hier?
Bei einer der ersten Veranstaltungen des Heimatvereins habe ich gesagt: Es ist wunderschön hier, aber, und ich habe nicht Dornröschenschlaf gesagt, es ist im “Brombeerdornenschlaf” versunken. Und daraus könnte man mal aufwachen. Ich habe das Gefühl, dass ganz viele hier im Ort einfach drauf gewartet haben, dass mal was passiert. Es war jedenfalls nicht schwer, Menschen für die Ortsgeschichte und Sachen, die um Kestert passieren, zu begeistern.

Am Freitag, 10. Juni ab 17 Uhr, findet anlässlich der Wiederbelebung der Markthalle ein kleines Fest in Kestert statt. Neben vielen Gästen kann man dort auch den Burgenblogger antreffen ;)

1 Kommentar

  • Mona Jung says:

    Hallo Moritz,
    ich finde du machst deine Arbeit als Burgenblogger wirklich gut. Die letzten 2 Beiträge haben mir besonders gut gefallen, zeigen sie doch welch unterschiedliche Möglichkeiten es gibt, das Potential des Tals zu nutzen. Weiter so.