Liebesgrüße vom Mittelrhein

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In eigener Sache: Wie es sich anfühlt, die erste Burgenbloggerin im Mittelrheintal zu sein. Und was ich gegen mein Burgenburnout tue.

Wer Fragen stellt, muss mit Antworten leben können. Das begreife ich jetzt besser. Seit einem Monat wohne ich auf der Burg Sooneck und arbeite als Burgenblogger. In den letzten Wochen bin ich überrollt worden von den Reaktionen auf meine Arbeit. Mich erreichen Mails, Posts und Tweets auf allen Kanälen. Und spätestens seit das Siff-Interview im Landtag diskutiert wurde, ist hier richtig was los. Hier mal drei Beispiele von den Zuschriften, die ich so bekomme (zum Lesen anklicken):

Genauso habe ich mir das gewünscht. Genauso hätte ich es nie erwartet. Aber genau das macht mir manchmal zu schaffen. Jetzt habe ich das Mittelrheintal mal übers Wochenende verlassen (Frevel, ausgerechnet am Welterbetag!) und war in Hamburg beim Reporterforum (manche nennen es Arbeit, ich nenne es Flucht nach vorne).

Aus der Ferne sind mir zwei Sachen aufgefallen: Es ist wirklich erstaunlich, dass hier im Mittelrheintal in so kurzer Zeit so viele Menschen angefangen haben sich in die Debatte einzuklinken. Dieses Tal scheint danach zu dürsten eine Plattform zu finden. Und: Ich muss mir neue Wege suchen, mit den Rückmeldungen meiner Leserschaft umzugehen. Ich will meine Leser ernst nehmen, sie an meiner Lokalberichterstattung beteiligen. Ich will die vielen guten Vorschläge nicht versanden lassen. Aber ich will auch kein Burgenburnout bekommen. Deshalb habe ich beschlossen, heute mal ganz offen davon zu erzählen, wie ich gerade meinen Alltag erlebe.

Hab mir ’ne neue Handyhülle gekauft. Gegen Burgburnout.

Ein Beispiel: Ich bekomme gerade so viel Post, dass ich es kaum schaffe, die Mails zu beantworten. Manche schicken mir Briefe, ein Fanpaket mit Bratwurstsenf kam auch schon an. Einem Vertreter einer Bürgerinitiative schrieb ich zu später Stunde zurück, er nahm mich daraufhin fürsorglich beiseite und sagte: „Frau Burgenbloggerin, um diese Uhrzeit müssen Sie doch schlafen!“ Um die vielen Hundert Mails zu beantworten, habe ich dann angefangen einzelne Satzbausteine wieder zu verwenden. So schrieb ich zum Beispiel manch einem – neben einer individuellen Antwort – den Satz zurück „Ihre Zeilen habe ich mit Freude gelesen“. Ausgerechnet darauf bekam ich nun die prompte Antwort eines Windkraftgegners. Der hatte mich beherzt und ausführlich auf das Thema Windräder auf dem Hunsrück hingewiesen (steht längst auf meiner Themenliste) und antwortete nun:

„Hallo, es mir nicht klar wie Sie diese Nachricht mit Freude gelesen haben können.“

Da musste ich lachen. Er hatte ja recht, der gute Mann. Leser verdienen Liebe. Aber es bleibt ein Wettlauf zwischen Hase und Igel. Wenn ich versuche all die Zuschriften zu beantworten, komme ich nicht mehr dazu meine eigentliche Arbeit zu machen. Noch nie hat ein Job so weit in mein Restleben hineingereicht. Es gibt jetzt erste Verschleißerscheinungen: Ich habe den wichtigsten Termin der Woche verschusselt, einen Bürgermeister versetzt. Ich habe mein Handyladekabel liegen lassen. Ich komme ständig zu spät. Ich muss also Strukturen schaffen in einem Job, den vor mir keiner hatte. Deshalb habe ich jetzt Burgenblogger-Öffnungszeiten an meine Küchentür geklebt. Ich habe eine App installiert, die mir sagt, wie viele Stunden am Tag ich mein Diensthandy in der Hand halte. Und ich habe beschlossen auch mal nicht erreichbar zu sein.

Überall sehe ich das Burgenblogger B - sogar in Hamburg im Haus der Fotografie
Überall sehe ich das Burgenblogger B – sogar in Hamburg im Haus der Fotografie

Das soll nun nicht heißen, dass ich meine Leseranregungen weniger ernst nehmen will. Im Gegenteil. Es kommen ja so starke Ideen aus der Leserschaft. Geschichten wie der Brückentag, die Steeger Fellpflege und die Bahnlärmprotestler sind nur entstanden, weil Menschen im Mittelrheintal auf mich zugekommen sind. Aus journalistischer Sicht ist das hier ein Paradies. Ich frage „Was wollt ihr lesen?“ – und bekomme tonnenweise Post. Toll. Meine Leser wollen mehr über Burgen, Senioren, Flüchtlinge – oder auch mehr über die rechte Rheinseite lesen.

Ich versuche hier eine neue Form des Lokaljournalismus. Kostet Kraft, macht Spaß. Und ist momentan im Beta-Stadium.

Jetzt will ich gemeinsam mit meinen Lesern überlegen: Wo tun wir die Antworten hin? Was mache ich mit Anregungen, Ideen und Vorschlägen, die den Wirkungsbereich einer Burgenbloggerin übersteigen? Wohin mit Beschwerden über fehlende Beschilderungen, über komische Öffnungszeiten, unübersichtliche Fährenfahrpläne? Was tun mit Veranstaltungstipps für ehrenamtliche Theatergruppen, Initiativen zur Rettung der Steilhänge? Ich wünsche mir eine Plattform. Einen Ort, wo Ideen gesammelt werden können. Vielleicht eine Art Regionalwiki, wie es das in Karlsruhe gibt. Mit regionalen Admins. Mein Vorschlag: Wenn sich ein Truppe findet, machen wir ein Brainstorming auf der Burg und überlegen gemeinsam.

Denn mir ist wichtig, dass dieses Burgenblogger-Projekt nachhaltig ist. Es soll ohne mich funktionieren und nicht verpuffen. Es ist ja euer Tal. Welche Vorschläge habt ihr also, wie mit den Anregungen auf diesem Blog umgegangen werden soll? Und, das wichtigste zum Schluss: Wer hat selbst Lust sich bei einer solchen Plattform einzubringen?

Will ja nicht klagen. Ist schon ein Traumjob… Ausblick vom Siebenburgenblick oberhalb der Burg Sooneck

PS: Liebe Leute, die Beschriftung meines Dienstwagens ist vielleicht ein bisschen missverständlich. Auf der Seitentür steht ja „Erzählen Sie mir Ihre Geschichte“. Kleiner Hinweis: An roten Ampeln ist das bitte nicht wörtlich zu nehmen. Danke.

PPS: Dieser Text ist am Sonntag auf der Rückreise entstanden. Montag hat die Burg zu, die Bloggerin auch. Ich kann also all die klugen Antworten erst Dienstag lesen.

12 Kommentare

  • mit Humor geschildert, schön zu lesen, trotzdem. Vielleicht dann demnächst doch mal jodeln am Echo der Loreley, vor Erleichterung, wenn du angekommen bist im alltäglichen Tun.

    Jessica, schön das du da bist.

    Heike

  • Strandgut says:

    Hey Jessica,
    hier eine Idee für dich, Arbeitstitel: Ein Schiff wird kommen!!!, die ich gerne mit dir umsetzen würde: An einem Tag mit dir und einem KD-Dampfer einmal hoch und runter durchs Mittelrheintal schippern. An allen Haltestellen könnten Menschen aufgenommen werden und an vorbereiteten Stellwänden ihre Ideen und Ihren Frust darstellen und mit dir sprechen. (Du sitzt in einem bestimmten Raum und kannst mit Beuchern reden ). Eine schwimmende Mittelrheintal-Klagemauer, so in dem Stil, aber auch mit Visionswänden, die beschreiben, wo die Reise hingehen kann. Vielleicht mit vorgegeben Fragestellungen und mit Spaß und Musik, Kultur? Die KD oder die Bingen Rüdesheimer als Kooperationspartner? Und das könnte dann in irgendeiner Form verschriflicht, verbildlicht werden und ab an Herrn Schumacher???
    Das fände ich toll, denn dann hätten wir viele in einem Boot (Kalauer, find ich witzig).
    Auch Touristen könnten sich einmengen, nicht nur die Eingeborenen.
    Wär garnicht so schwer umzusetzen. Beste Grüße vom Strandgut

  • Hein Bloed says:

    Wird das Blog archiviert? Durchsuchbar ist es ja schon (auch die Kommentare?) Leider können Kommentatoren die Kommentare nicht taggen – sonst würde das fast schon ausreichen, um Tipps/Hinweise festzuhalten und später auch wiederzufinden.

  • In kurzer Zeit viel aufgewühlt, Respekt! Es ist nicht immer leicht, es werden nicht immer alle Seiten der Medaille beleuchtet, aber was zählt, ist das Ergebnis! Aufrütteln ist gut, Lösungsvorschläge sammeln ist wichtig. Ja ich kann die Problematik gut nachvollziehen. Im Augenblick fällt mir auch nicht ein, welche Organisationsform man wählen könnte. Ich sehe ein wenig Schwierigkeiten in der Zieldefinition! Augenblicklich tobt bei mir auch das Leben, doch für ein Brainstorming würde ich mir Zeit nehmen. Also bei Bedarf, bitte melden!

  • Tim says:

    Ich muss sagen das mir die Seite „Besser Boppard“ sehr gut gefällt. Vielleicht wäre es möglich eine Seite „Besser Mittelrheintal“ zu machen? Ich würde auch helfen soweit wie mir möglich ist.
    Ansonsten gebe ich Mac recht: Wir Mittelrheiner müssen unseren Hintern bewegen. Deine Sache sollte das besser nicht sein sonst wird es Dir zu viel?! Burnout ist wirklich nichts tolles…..

  • Sabine says:

    Hallo Frau Schober,

    erstmal: grandios, was und wie Sie das machen!
    Dann: Der große Zulauf zu Ihren Berichten auf allen Kanälen, der immense Zuspruch und die vielfachen Reaktionen zeigen doch generell die Lust und das Interesse am Lokalen. So, warum also sterben dann überall die Lokalzeitungen? Warum werden sie gestrafft, bekürzt und zusammengelegt? Vielleicht sollte diese bundesweite Blogger-Aktion in Zusammenarbeit mit der Rhein-Zeitung als Beispiel dienen: So kann man jetzt Lokaljournalismus machen, so geht das, so wird’s gelesen, so wird reagiert.

    Weiterhin alles Gute und schöne Grüße aus der Gegend zwischen Nieder- und Mittelrhein!

  • Mac says:

    Einfach mal Prioritäten setzen. Dinge auch mal absagen. Du „rauchst“ dich sonst auf. Bloggen, Social-Media, Recherche Aufarbeitung, Fotos etc. kosten eben Zeit. Und das „normale“ Leben gibt es auch noch.

    Ich schaffe als „pro-Blogger“ auch nur 2-4 gute Artikel mit guten Fotos am Tag. Wenn man die Qualität einigermaßen halten will, muss man einfach auch mal „nein“ sagen und sich auch die Zeit für einen selbst nehmen.

    Man kann nicht alle bedienen. Das ist unmöglich!

    Lass die Wiki Sache, Foren etc. weg. Das frisst dich nur auf. Mach einen guten Artikel die Woche, gerne auch mal länger und ausführlicher ins Detail. Schaue, dass du auf Twitter, Hipstamatic, Facebook präsent bist. Vielleicht auch mal ein schönes Video der Landschaft und der Leute 1 Mal im Monat. Das vermisse ich. Ich vermisse den visuellen Aspekt hier.

    Hake Themen ab. „Siffgate“ ist da. Aber auch für das Blog nicht mehr so relevant. Es gibt genügend andere neue und interessante Themen. Auch abseits des allgegenwärtigen Bahnlärms. Den Denkanstoß mit „SIffgate“ hast du gegeben. Nun müssen die Mittelrheiner die Ärmel hochkrempeln, den Hintern hochbekommen und selbst aktiv werden. Vom stetigen Lamentieren geht es nicht weg!

    Nehmt euch eine Besen, einen Eimer Farbe und macht eure Orte wieder schön! Wenn ihr Hilfe braucht, ladet mich ein! :-)

    Meine Themenliste ist lang. Es gibt noch genug zu erkunden und zu erforschen als „Burgenblogger“. Bin echt am überlegen, ob ich mich für 2016 erneut bewerbe. :-)

    Viel Spaß, dir Jessica! Das ist die Hauptsache!

    • Mac says:

      P.S. Ich meinte mit „Pro-Blogger“ eine Art Vergleich. Wollte damit nur sagen, dass man für gute Artikel, gute Fotos Zeit braucht. Das war eine unterstützende Aussage. Nichts anderes. Nicht das es falsch verstanden wird.

  • Sylvia says:

    Frei nach dem Zauberlehrling „Die ich rief, die Geister, Werd’ ich nun nicht los.“ Ich wünsche viel Erfolg für ein geordnetes Chaossystem.