Mein Besuch auf der Buga 2031. Eine Vision.

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In 15 Jahren soll die Buga am Oberen Mittelrhein stattfinden.

Oberwesel Kulturhaus, 19. Mai 2016. Ich sitze auf der Pressekonferenz zur Buga 2031. Ja, genau 2031! Das ist noch ganz schön lang hin. Aber an den Mikrophonen ist man sehr optimistisch, dass das klappen wird. Während die Herren um Innenminister Roger Lewentz wortgewaltig ihrem Tatendrang Ausdruck verleihen, schweifen meine Gedanken ab. Das Kopfkino fängt an zu rattern. Heute im Programm: Die Buga-Vision 2031.

Hey, ich bin ja ganz schön alt geworden. Ich blicke auf das Datum meiner Uhr: 5. Juni 2031. Es ist mein fünfzigster Geburtstag. Die Familie überrascht mich mit einem Besuch der Buga 2031. “Dann besuchen wir mal wieder deine alte Burg”, sagt meine Tochter freudig. “Vielleicht erkennt dich ja noch jemand”, meint mein Sohn. “Ach, quatsch!”, wiegel ich ab. Insgeheim hoffe ich natürlich auf das Gegenteil. Bei der Pressekonferenz vor 15 Jahren hat mich Innenminister Roger Lewentz auch persönlich angesprochen. Ich erinnere mich daran, wie unangenehm beobachtet ich mich auf einmal fühlte. #hiergibtesnichtszusehen habe ich damals getwittert. Ach ja, Twitter… Das war noch was.

Wir starten unsere Buga-Tour in Koblenz, wo es eine kleine Ausstellung zur Buga 2011 gibt, dem großen Vorbild der Buga 2031. Am Deutschen Eck ziehen ein paar Tanker vorbei, selbstfahrend natürlich. Der letzte Binnenschiffer auf dem Rhein ging vor drei Jahren von Bord. Auch die immer noch existierenden Mittelrheinfähren und Ausflugsschiffe fahren inzwischen autonom. Wir steigen auf das Buga-Wassertaxi. Die solarbetriebenen Boote verbinden die einzelnen Buga-Standorte. Was mich fasziniert: Sie fahren nicht nach Fahrplan. Sie erkennen selbst, wann wo wie viele Fähren benötigt werden und steuern automatisch immer die Punkte an, an denen Menschen warten. Woher sie das wissen? Sie sind mit den Buga-Tickets vernetzt.

Ausgedruckte Tickets gibt es natürlich schon längst nicht mehr. Ältere Besucher wie ich haben sich die Eintrittskarte aufs Smartphone laden können. Meine Kinder schmunzeln über die aussterbende Technik. Eigentlich ist es egal, auf welchem Gerät das Ticket gespeichert ist. Wer wollte, könnte es auch auf einem Toaster haben. Die meisten Besucher haben es sinnvollerweise in ihren Uhren, Brillen oder der Kleidung gesichert. Den letzten Schrei hat meine Tochter: Ein intelligentes, elektronisches Tattoo, dass neben vielen anderen Dingen, die ich nicht verstehe (“Wer bitte postet permanent seine Bio-Daten live ins Netz und teilt sie mit anderen Menschen, wtf?” – “Papa, bitte, keiner sagt mehr wtf!?”), auch ein Buga-Ticket speichern kann. Ich war dagegen, dass sie sich so ein Ding verpassen lässt. Aber was soll man machen, wenn sie volljährig sind. Mein Sohn ist noch zwar keine 18, aber wahrscheinlich kriegt er jetzt auch so ein Ding.

Wir haben unsere Tickets auch nicht vorher gekauft. In dem Moment, als wir das Buga-Gelände betreten, fragt eine Messenger-App, ob wir die Veranstaltung besuchen wollen. Ein einfaches Ja genügt, und schon sind wir drin. Die Bezahlung läuft im Hintergrund automatisch ab. Kassenhäuschen gibt es nirgendwo. Und ich habe damals darüber geschrieben, dass man an der Loreley nicht mit Kreditkarte zahlen kann. Internet ist natürlich auch kein Thema mehr. Ich weiß noch, wie Roger Lewentz 300 Mbit-Leitungen für die Buga versprochen hatte. Tatsächlich schafft man jetzt sogar das Doppelte, dank der Hilfe von “Freifunk Buga 2031”, die alles aus den Servern rausgeholt haben, was geht. Ja, es hat sich das ein oder andere verändert im Tal.

Später kommen wir zur Hauptattraktion: Es gibt einen “Skywalk” von Maria Ruh hinüber zur Loreley. Durch eine gläserne Brücke kann man über den Rhein “schweben”. Die Idee von Thomas Bungert, damaliger Vorsitzender der LAG Oberes Mittelrheintal, haben manche vor 15 Jahren für irre gehalten. Jetzt ist das Ding da und es ist Wahnsinn! Schade, dass nicht mehr junge Leute hier sind, denke ich. In dem Punkt hat man sich damals geirrt. So wirklich jünger ist das Tal nicht geworden. Deutschland aber auch nicht. Auf einhundert 20-60-Jährige kommen inzwischen fast 80 über 60-Jährige. Als die Buga-Idee geboren wurde, sind es lediglich 50 gewesen. Die Buga als Magnet für junge Menschen? Ein schöner Traum. Obwohl: Selbst 50-Jährige wie ich gelten ja inzwischen als „jung“, insofern stimmt es wohl doch.

Ich freue mich deswegen umso mehr, dass der Nostalgiefaktor nicht zu kurz kommt. Auf der Loreley gibt es eine Ausstellung mit alten Instagram-Bildern vom Mittelrhein, die dokumentieren, wie sich die Region verändert hat. Meine Kinder staunen über die flachen, zweidimensionalen Bilder. Die seltsame, quadratische Optik finden sie ganz nett, die Filter einfach nur albern („Gingham? So hieß doch einer in meiner Abi-Klasse.“). Wenig überraschend kommen sie zum Ergebnis, dass Virtual Reality einfach in allen Belangen besser ist. Natürlich haben sie auch die Mittelrhein-Buga vorher schon per VR besucht und sich alles angeschaut. Dass man einfach mal irgendwo hinfährt, ohne genau zu wissen, wie es da aussieht? Unvorstellbar! Herrje, die Kinder von heute. Praktisch ist es aber trotzdem. Die vorher ausgetüftelte Route haben sie gespeichert, nun müssen wir nur noch ihrem Guide folgen. Tja, die Reiseführerbranche hat auch ganz schön was durchgemacht in den letzten Jahren.

Unsere Buga-Tour endet tatsächlich an der Sooneck. Hier scheint die Zeit tatsächlich stehen geblieben zu sein, es sieht noch genauso aus wie früher. Nur Herr Collerius ist nicht mehr da. Er darf seinen wohlverdienten Ruhestand genießen. Ich frage mich, ob es immer noch einen Burgenblogger gibt, als…

“Vielen Dank für Ihr Kommen”, höre ich Rainer Zeimentz, Chef der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz, sagen. Wir sind wieder im Jahr 2016. Die Pressekonferenz ist zu Ende, meine Buga-Vision auch. Die tatsächliche Gartenschau-Vision aber nimmt jetzt erst Gestalt an. Was denkt ihr, wie die Buga 2031 aussehen könnte? Kommentare erwünscht. Und an alle Leser aus dem Jahr 2031: Schreibt mal, was von meinen Visionen Wirklichkeit geworden ist. Ich bin gespannt.

9 Kommentare

  • Jens Lichtenthäler says:

    Buga hin, Buga her. Es bleiben 3 Fragen offen:
    1. Was passiert in der Zwischenzeit (ist noch lange hin)?
    2. Was passiert, wenn der Mittelrhein keinen Zuschlag bekommt?
    3. Was kommt nach der Buga?

    Ich wiederhole mich: Wann kommt mal etwas grundlegendes, visionäres hier aus der Region, hinter dem die Menschen stehen?
    Die Buga ist eine schöne Vision. Nur, es ist wieder etwas was von Außen kommt, auf das man wartet, nichts eigenes.

    Mit einem Gruß!

  • Jörg Matthes says:

    „Brave New World“ und „1984“ sind lange her und es sind weit mehr Entwicklungen eingetreten als sich die Autoren damals vorstellen konnten. Die Buda-Vision ist durchaus realistisch und wird garantiert irgendwo übertroffen werden. Ich hoffe allerdings wirklich, dass sich dann noch jemand für Blumen interessiert – alles Andere wäre traurig. Ich selbst bin dann übrigens 72(!) und werde gar nicht mehr durchblicken. Ein toller Blog , Moritz!

  • Mona Jung says:

    Hallo,
    wenn ich an Buga denke, denke ich an Pflanzen, Gartengestaltung und spektakulär in Szenen gesetzte Landschaft. Es wird immer noch Rosen, Tulpen und Dahlien geben, vielleicht ein paar Neuzüchtungen. Eine alte Burg stelle ich mir als Steingartenparadies vor. Man könnte sehr gut an die Zeit der Rheinromantik anknüpfen und neu interpretieren. Einen Lanschaftsgarten mit spektakulärer Aussicht in jedem der 3 geplanten Teilbereichen, fände ich super:
    Entscheidend für den Erfolg der Buga 2011 war für mich die Athmosphäre, die gelungene Verbindung zwischen Landschaft und Gartenausstellung. Das Tal gibt soviel Potential, es müsste gelingen.
    Natürlich muss die technische Ausstattung komfortabel und der Zeit angepasst sein. Die logistisch Herausforderung wird immens sein und entscheidend für den Erfolg. Aber beim Stichwort Buga würden mir niemlas Messenger-Apps oder intelligente elektronische Tatoos einfallen.
    LG Mona

    • Theo Walter says:

      Sie bringen es unausgesprochen auf den Punkt, Frau Jung – der Blogbeitrag ist etwas techniküberladen.
      Und da wir nun ohnehin schon “off topic” sind (Technik statt Buga), gleich noch folgendes:
      Eine automatische Fähre, die erst dann zum Ufer kommt, wenn dort Menschen warten – ist das gut? Ich will nicht warten. Ich will wissen, wann die Fähre ablegt. Dann gehe ich kurz vorher dorthin – und muss nicht “warten”.
      Es geht nichts über einen stabilen, bekannten, verlässlichen, getakteten Fahrplan, z. B. alle Viertel- oder halbe Stunde. Dass es bei hohem Andrang Zusatzfahrten geben kann, ist klar; das funktioniert aber schon seit gefühlten hundert Jahren. Ich fahre täglich mehrmals mit der Deutschen Bahn und muss niemals “warten” – höchstens wenn … aber das ist ein anderes Thema ;-)

    • Moritz Meyer says:

      Ich bin auch sehr auf die Botanik gespannt. Insbesondere der fortschreitende Klimawandel wird da eine Rolle spielen. Der Weinanbau sieht in 15 Jahren mit Sicherheit ganz anders aus, z.B. was die Wahl der Rebsorten angeht. Wenn sich der Trend fortsetzt, werden die Sommer trockener. Das hat auch Folgen für den Rhein. Niedrige Pegel, z.B..
      Die Buga hat sicher viele Facetten. Ich räume gerne ein, dass ich nicht so der Garteninteressierte bin. Deswegen beschäftigen mich eher die technischen Aspekte einer solchen Großveranstaltung.

  • Reiner Wolf says:

    Die Idee mit den solarbetriebenen Fähren, die je nach Bedarf abgerufen werden, -gefällt mir.
    Reiner Wolf

  • Eva says:

    Am Rhein ist es 2031 dank verbesserter Bahntechnik deutlich ruhiger geworden und statt des geschlossenen Biergartens gibt es mittlerweile auf dem touristisch voll entwickelten Loreleyplateaus eine nette, angesagte Weinwirtschaft.

  • Jürgen Goeres-Petry says:

    Hallo Herr Burgenblogger,
    spannende Vision. Vielen Dank für die Idee!

    Ist durchaus ergänzungswürdig. Stellen sich natürlich Fragen zu: wie werden wir kommunizieren: Real-virtuell-Reality via Wearables; Reisen: Tunnel-Elektro-Ultrahighspeed-Train für große Entfernungen, Elektro-Schwebende-One-Reel-Bikes für die Nähe, und den Rest machen wir zu Fuß; Gesundheit: via Netz-Anbindung an die zentralen Health-Server mit halbautomatischer Auswertung der Vitaldaten (Blutdruck/Puls/Diabetiswerte/ auch Harndrang) und Red-Button-Monitoring, ggf. Remoteeingriff des Virtual Doc. Ich hoffe, dass ich (so ich noch fit und am Leben bin mit dann 82 Jahren) noch wirklich Musik machen kann, essen gehe wenn ich möchte und andere persönliche Dinge mache.
    Und außerdem wird auch dann das Leben Spaß machen.
    Gruß jgp

  • Alfons says:

    Eine schöne, realistische Vision. Dem ist nichts hinzuzufügen.