Mit Snapchat und ohne Reiseführer in Koblenz

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Es wird kühler. Am Wochenende werden die Uhren umgestellt, der Herbst ist längst da und die kläglichen Versuche, sich in dünner Kleidung dagegen zu wehren, scheitern mit laufender Nase und Heiserkeit. Kälte bedeutet Umzug. Mein Umzug von der Burg Sooneck auf die Festung Ehrenbreitstein nach Koblenz. Noch halte ich die Stellung in der gemütlichen Rosenburg Niederheimbachs. Lange wird es allerdings nicht mehr dauern, bis ich gehen werde, der Kälte weiche. Also bin ich nach Koblenz gefahren, um die Stadt auf mich wirken zu lassen.

Es ist das erste Mal, dass ich in den Reiseführer schaue. Nachsehe, was es denn da so gibt. Lange sehe ich allerdings nicht nach, entschließe mich mal wieder, einfach drauf loszufahren und zu entdecken.

Koblenz kenne ich von Terminen beim Kieferorthopäden und Besuchen bei meiner Großtante, von jugendlichen Shopping-Touren, vom Karneval und natürlich von Uschi, mit der ich im Juli zwei Einkaufszentren besuchte.

Ich flaniere durch die Altstadt, gehe vorbei am Josef-Görres-Platz Richtung Rhein und Konrad-Adenauer-Ufer, um einen Blick auf die Festung zu werfen. „Da bist du also, neues Zuhause“, sehe ich es ein wenig argwöhnisch an. Noch habe ich keine Lust umzuziehen, wahrscheinlich mehr aus Liebe zur Gewohnheit als aus Abneigung.
Ich gehe entlang des Ufers Richtung Deutsches Eck. Die Seilbahn erweckt in mir kurz das Gefühl, in einem Skigebiet zu sein, nur eben ohne Skier und Schnee. Ein paar Jogger laufen mir entgegen, drei Französisch sprechende Touristen mit orangenem Hör-Guide um den Hals sehen sich suchend nach ihrer Gruppe um, die ich später am Florinsmarkt entdecke.
Und dann stehe ich vor dem 1897 erschaffenen Denkmal – ganz vergessen hatte ich, wie eindrucksvoll und monumental dieses Reiterstandbild von Wilhelm I. ist. Ein gewisses Ohnmachtsgefühl entsteht.
Dasselbe Gefühl entsteht bei mir immer, wenn ich die Karl-Marx-Allee in Berlin entlanggehe: Die Wohnblöcke aus Sozialistischem Klassizismus und preußischer Schinkelschule lassen mich erschaudern. Aber wahrscheinlich werden solche Gebäude genau aus diesem Grund gebaut – sie sollen Macht und Größe demonstrieren. Und es funktioniert, zumindest bei mir. Während ich also ehrfürchtig zu dem Mann auf dem Pferd hochsehe, beobachte ich einige Touristen dabei, wie sie Selfies von sich und eben diesem machen. „Ob es ihnen auch so geht? Oder geht das Gefühl zwischen Instagram-Story und Snapchat-Post unter?“, frage ich mich.

Kürzlich habe ich gelesen, dass wir alle immer narzisstischer werden bedingt durch Social Media – unseren Selbstdarstellungs-Plattformen. Neu ist das nicht. Wir machen unseren Selbstwert von digitalen Herzen und Anzahl der Likes eines Bildes abhängig. Die meisten sind sich dessen sogar bewusst, nur verschwinden diese kleinen Momente der Erkenntnis schnell wieder im Alltag. Auf den verschiedenen Plattformen bekommen wir außerdem nur das zu sehen, was wir selbst mögen, respektive „liken“. Wir gehen also durch unseren eigenen Sumpf.
Wie wäre es, die Handys zu tauschen, um die Welt eines anderen kennenzulernen? Wer würde das machen? Und führt das überhaupt zu irgendeiner Erkenntnis? Und trägt sich ein Gefühl wie Ehrfurcht durch ein Instagram-Bild weiter? Ich schiebe die Gedanken hin und her und gehe weiter entlang des Peter-Altmeier-Ufers.

Koblenz hat im nördlichen Altstadtteil Richtung Moselufer viele Kneipen. Es ist eigentlich noch zu früh, um in eine Kneipe zu gehen. Heute ist Mittwoch und wahrscheinlich auch kein Weg-Geh-Tag, aber das ist auch nicht so wichtig. Denn ich will nicht ausgehen, sondern mich nur irgendwo reinsetzen und es soll kein Café oder Restaurant sein.
Im „Im Winkel“ befinden sich außer mir noch vier weitere Gäste und die Kellnerin. Der Ort ist ein Kuriositäten-Kabinett: Die Decke und die Wände hängen voll mit Dingen, die eigentlich nicht zusammenpassen. Verkehrsschilder, ein Holzflugzeug, Mexikaner-Hüte, ein großes Nazar-Amulett, Vinyl-Platten, jede Menge Blechkannen, eine Clowns-Marionette, dazu laminierte Papierblätter an den Wänden mit der Aufschrift „Metersaufen – Wodka Energy 22 Euro“. Auf den Tischen stehen Kerzen. Das Licht ist gedämmt. Es läuft Britney Spears’ „Hit Me Baby One More Time“.
„Hat die Sammlung dieser Dinge einen bestimmten Grund?“, frage ich die Kellnerin.
Sie zuckt mit den Schultern, so genau wisse sie das nicht.
„Aber selbst nach Jahren entdeckt man immer wieder etwas Neues, was man vorher noch nicht gesehen hat.“
„Das glaube ich.“ Ich lasse meinen Blick durch diese Welt der Eindrücke wandern. Der Spielautomat in der Ecke blinkt stumm vor sich hin und ein Mann geht nach draußen, um zu rauchen.
Es ist ein stiller Abend und ich beschließe aufzubrechen, durch die leere Löhrstraße zu gehen und dann Richtung Rhens zu fahren.

Kurz nach der Brückenunterführung der B327 führt ein Weg hoch durch einen Buchenwald.
„Im Blick zurück entstehen die Dinge.
Im Blick nach vorn entsteht das Glück
In höchsten Höhen, wo wir schwindeln
In tiefste Tiefen und zurück“
singen Tocotronic aus dem Autoradio und ich gucke vom Rittersturz auf Koblenz. Der Ort soll so heißen, weil sich mal ein Ritter von dem Plateau stürzte. Ob das eine Legende ist oder die Wahrheit, weiß man natürlich nicht. Koblenz und das Drumherum – Lahnstein, Braubach und die Höhen des Westerwalds – glitzern jedenfalls nachts sehr schön von hier oben aus.

In der Mitte des Aussichtspunktes befindet sich eine sechs Meter hohe Basaltsäule. Diese stellt in ihrer Dreibündelung die Fundamente des demokratischen Staatswesens dar: Legislative, Exekutive und Judikative. Basalt ist vulkanisch und wird aufgrund seiner druck- und verschleißfeste für Massivbauten verwendet.
Ich wundere mich, wie verschleißfest die Idee ist, die dem Stein an diesem Ort innewohnt, und dass sie nicht auch wie ein Snapchat-Moment irgendwann verfliegt. Das macht mich ein wenig ehrfürchtig. Und vielleicht wollte der Künstler genau das. Leider geht auch so ein Moment der Erkenntnis auch schnell zwischen E-Mails beantworten und Autofahren verloren.

Ich halte mich noch etwas an dem Gefühl fest und nehme es mit in die Nacht. Auf mein neues Domizil in Koblenz und seine Umgebung freue ich mich jedenfalls.

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