Modellstadt aus Beton

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Es gibt Dinge, die lassen sich nicht schön im Bild festhalten. Egal, aus welcher Perspektive. Der Rheinbalkon in St. Goar ist so ein Ding. So wie er sich derzeit ins Stadtbild einfügt jedenfalls. St. Goar ist gerade eine Mischung aus Baustelle, 70er-Jahre-Charme, Beton und bröckelndem Putz. Das soll sich ändern. St. Goar ist Modellstadt. Ein vom Bund gefördertes Investitionsprogramm für nationale Unesco-Welterbestätten macht‘s möglich. Passieren soll so einiges: Markt- und Lotsenplatz sollen neu gestaltet, Burg Rheinfels und Jugendherberge saniert werden. Und noch mehr. Was den Rheinbalkon betrifft, so sind die Kosten schon jetzt explodiert. Es kam zu Bauverzögerungen, und das Bauwerk, das wie der Bug eines Flugzeugträgers in den Rhein ragt, hat in der Bevölkerung anscheinend kaum noch Zustimmung. Ein Besuch in St. Goar.

Die italienische Flagge weht neben der spanischen Flagge. Die spanische Flagge weht neben der US-amerikanischen Flagge. Die US-amerikanische Flagge weht neben der kanadischen Flagge. Einige Europa-Flaggen sind in der Stadt ebenfalls gehisst. St. Goar gibt sich international. Zumindest mit den Flaggen.

In Cafés ist Englisch zu hören. Sie sind also tatsächlich da, die Gäste aus dem Ausland. Schiffe- und busseweise werden sie hier angespült. Andere reisen mit dem Auto an. Oder mit dem Wohnmobil. Und einige sicherlich auch mit dem Zug. Das bietet sich an im Rheintal. Schließlich gibt es Gleise auf beiden Seiten des Flusses. Und Bahnhöfe in jedem noch so kleinen Ort.

Was aber mag Gästen durch den Kopf schießen, wenn sie hier so manchen Bahnhof betreten? Den von St. Goar beispielsweise. Der Putz bröckelt von den Wänden. Der Snackautomat ist „wegen Vandalismus kurz außer Betrieb“. Und der Geruch in der Bahnunterführung lässt sich nicht so recht in Worte fassen. Zur Verteidigung sei gesagt, dass es so in den meisten Bahnhofsunterführungen in Deutschland riecht. Aber an den meisten Bahnhöfen in Deutschland kommen nicht in spätestens 13 Jahren Besucher einer Bundesgartenschau an. Wenn die Buga die erhofften Touristenströme zurück ins Mittelrheintal bringt, muss mancherorts zuvor dringend etwas passieren. In den Straßen. Den Geschäften. Den Restaurants. Und in den Köpfen. Nicht nur in St. Goar.

Zur Veränderung gehört mehr als bloß Beton. Auch wenn der in Sachen Stadtbild gerade so angesagt ist. Sitzen sehen habe ich auf den Betonstufen neben dem Rheinbalkon in St. Goar bisher noch niemanden. Die Generation, die im Mittelrheintal für gewöhnlich Urlaub macht, setzt sich wohl eher nicht auf blanken Beton. Sie lassen sich in Cafés nieder. Oder auf der klassischen Parkbank am Rhein. Deshalb sind Betonstufen aber nicht per se schlecht. In Koblenz, hinter dem Kurfürstlichen Schloss, erfreuen sich die Schlossstufen seit Jahren großer Beliebtheit. Vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Und hier hinkt der Vergleich. Koblenz ist Studentenstadt. Hier leben mehr junge Menschen, als in St. Goar. Und wohl auch sonst im Oberen Mittelrheintal. Vielleicht kommt ja mit dem Beton jüngeres Publikum.

Ich finde schließlich einen Platz ganz ohne Beton. Dort hat die Modellstadt noch nicht zugeschlagen. Ich erkläre ihn prompt zu meinem Lieblingsplatz in St. Goar. Er liegt schon fast gar nicht mehr in der Stadt. Bei Rheinkilometer 557. Ein Ahorn und eine Robinie stehen dort. Wahrscheinlich kommt selten jemand her. Nur eine leere Bierflasche, die zart im Wind wackelt, zeugt von menschlichem Besuch. Wenn hier eine Bank stehen würde. Aus Holz, nicht aus Beton. Das wäre schön.

Hier die Fotos zum Durchklicken:

13 Kommentare

  • Robert Graeff says:

    Nur Mut, Herr Bröder! Kritische Journalisten werden gebraucht! Auch wenn man von der Pike auf anfängt!!!! Robert Graeff

  • elkegreiffgossen says:

    Die Verantwortlichen, die das Welterbe Oberes Mittelrheintal betonieren, sollten dringend die Rheintal-Charta lesen bzw. umsetzen. Hier heisst es unter Punkt 3-5:

    “ Daher ist es dringend geboten, die Natur- und Kulturgüter des Rheintals als ihre Zentralwerte und integralen Bestandteile zu erhalten, zu pflegen und schonend weiterzuentwickeln. Auf dieser Grundlage ist die strukturelle Entwicklung des Rheintals zu stärken und zu fördern. Dies kann nur aus der besonderen Eigenart der Landschaft heraus erfolgen, da diese ihren Wert bedingt.“

    „Planungen und Maßnahmen zur Entwicklung sind nur unter sorgfältiger Abwägung der ökonomischen, ökologischen, kulturellen und sozialen Werte zulässig.
    Entwicklungsmaßnahmen und -vorhaben sind auf ihre innere Begründung und äußere Orientierung an den Zentralwerten der Landschaft zu prüfen und daran auszurichten.
    Konzepte zur nachhaltigen Entwicklung sind notwendige Voraussetzung für strukturellen Wandel und die Nutzung von Flächen und Objekten.
    Soweit durch überregionale Nutzungsansprüche Beeinträchtigungen der natürlichen Potentiale und kulturellen Werte unvermeidbar werden, ist für einen Ausgleich zu sorgen.“

    „Das bedeutet für die natürlichen und kulturhistorischen Gegebenheiten: Die Landschaft ist in ihrer natürlichen Eigenart und Qualität zu erkennen und zu gestalten. Schäden, welche die natürliche Funktion der Landschaft und ihr Erscheinungsbild in starkem Maße beeinträchtigen, sind zu beheben. Die Zeugnisse der Geschichte und Kultur sind zu erhalten. Die historische Substanz der Objekte und ihre spezifische Einbindung in die Kulturlandschaft dürfen nicht beeinträchtigt werden.“

    Alle Entscheidungsträger sind aufgerufen der weiteren Betonierung des Welterbes Oberes Mittelrheintal Einhalt zu gebieten und diese einzigartige Landschaft zu erhalten statt sie durch Betonierung zu zerstören.

    Quelle: Rheintal-Charta – Rheinischer Verein für Denkmalpflege

  • Otto Schamari St.Goarshausen says:

    Sorry,habe vergessen die Bilder der Klagemauer am Beginn des Strahlenwegen einzufügen.

  • Klaus Thomas says:

    Als Kultur- und Naturlandschaft ist das Obere Mittelrheintal in die Welterbeliste aufgenommen mit dem zentralen Punkt, dem Loreleyfelsen. Dort hat sie gesessen, mit zarter Stimme gesungen und die vorbeifahrenden Männer auf ihren Schiffen bezirzt. Das Urteil der UNESCO: Landschaft, Kultur und eben dieser Mythos von der Loreley sind einmalig auf der Welt: Aufnahme in die Welterbeliste, um den einmaligen universellen Wert unbeschädigt an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

    Das Urteil der Bauherren, die das Loreleyplateaus jetzt umbauen: Kerker für die Loreley: Hinter riesigen Betonwänden wird sie im „Mythenraum“ einsitzen und mit einem Lichtblick nach oben in den leuchtenden Kunstkristall noch trauriger als bisher schon singen: Ich weiß nicht was soll das bedeuten. Straflager für die Loreley!

    Die (weinenden?) Menschen werden auf den neuen, betonierten Parkplätzen ihre Autos abstellen, auf frisch mit Betonsteinen ausgelegten Wegen an dem neuen, riesigen Hotel vorbeigehen, die Wände der neu geschaffenen Betonschlucht bestaunen, zu den noch verbliebenen betonierten Aussichtspunkten gehen, auf den Rhein und nach St. Goar hinunterschauen, den unglaublichen Bahnlärm verinnerlichen und in das gleiche Lied einstimmen – ich weiß nicht, was soll es bedeuten.

    Ihre Gesundheit ist schon jetzt ziemlich angeschlagen. Bereits von Weitem, egal ob von unten aus dem Tal oder von den vielen Aussichtspunkten oben ist sie zu sehen, die riesige weiße, hässliche Eiterbeule, die der Loreley auf ihrem Felsenkopf gewachsen ist, etwa da, wo früher einmal, eingeschmiegt in einen jetzt komplett abgeholzten Wald, die „alte“ Loreleybühne stand.

    Die UNESCO wird nun zu bitten sein, den Welterbebegriffen „Natur- und Kulturlandschaft“ und „Mythos von der Loreley“ noch den Begriff „Betonpark mit Zeltdach“ (oder doch Eiterbeule?) hinzuzufügen. Damit wäre die Prüfung verbunden, ob das Welterbe Oberes Mittelrheintal in die rote Liste der bedrohten Welterbestätten einzuschreiben ist. So wie Wien (Historic Centre of Vienna) und Liverpool (Maritime Mercantile City), die derzeit als einzige europäische Welterbestätten dort aufgelistet sind. Da haben die Stadtverantwortlichen der Betonierung ihrer historischen, welterbe-geschützten Citys zugestimmt und alle erhobenen Zeigefinger ignoriert.

    Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Manchmal aber doch nicht. Der Platz, an dem die Atombombe in Hiroshima Millionen Menschen umgebracht hat, ist Gedenkstätte und geschützter Platz für Trauer, Gebet und Erinnerung. Jetzt haben die. Hüter dieser Gedenkstätte dort dem Bau eines Gourmettempel, eines Austernrestaurants, zugestimmt (Oyster Restaurant KANAWA). Weltweiter Protest? Nein!

    Liebe Lore, wirtschaftliche Interessen treffen auch hier auf Historie. Der Weg in das Betonverlies bleibt Dir nicht erspart. Dein weltweiter Ruhm schlägt nicht um in millionenfachen Protest.
    Na dann guten Geschmack. Klaus Thomas

    • Maria Schmelzeisen says:

      Haste sehr gut geschrieben. Werden die Menschen jetzt noch nicht wach ,kann man schreiben was man will, dann muss ich denken es interessiert sie alles nicht.Sie feiern ihre Weinfeste und damit
      fertig, so haben sie wenigstens noch etwas worauf sie sich freuen koennen. Die hohen Herren hoeren doch nicht aufs Volk und die koennen das alles nicht bezahlen.So gehts weiter.Werde es alles wohl doch nicht mehr sehen,mal gut auch.Maria Schmelzeisen.

    • Otto Schamari St.Goarshausen says:

      Und dies alles geschieht mit Beteiligung von ICOMOS Deutschland(Dr. Christoph Machat)
      sowie dem Rheinischen Verein für Denkmalschutz und Landschaftsschutz(Prof.Dr. Horn).
      Wir von der Bürgerininitiative Rheinpassagen weisen immer wieder auf die Mängel im Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal hin.
      http://www.rheinpassagen.de/rheintal-charta/

  • Maria Schmelzeisen says:

    Singe es des oefteren Otto Schamari ,das Lied von der Lorelei, schoen.
    Glaube das unsere Lorelei auch ein Woertchen mit zu reden hat, soviel ich weiss
    hat sie einige Auslaefer (wie nennt man das)?worauf gebaut ist.Hab ich frueher
    mal irgendwo gelesen, vielleicht auch eine Fabel.

  • Iris says:

    Besser kann man es nicht sagen – es muss sich etwas ändern, aber nicht so. Die Kopfsteinpflaster am Marktplatz, die Anlage mit den Bäumen, die historischen Gaststätten…. das hat den Flair der Stadt ausgemacht. Nicht der Beton und das gleiche Stadtbild wie überall. Häuser werden billig aufgekauft und besetzt, verkommen und verfallen. Die wenigen wirklichen Einwohner können nicht mehr viel ausrichten. Die zugezogenen interessiert es überhaupt nicht und die Verantwortlichen reden es schön und loben sich …..wer sich äußert wird als Meckerer abgetan – wer will hier noch leben und Urlaub machen. Es ist traurig und tut weh seine Stadt so zu sehen …

    • Otto Schamari St.Goarshausen says:

      Ich weiss nicht was soll es bedeuten….Den Besucher ergreifft es mit wildem Weh; soviel Beton ist nicht schön.

  • Maria Schmelzeisen says:

    Tja Karl Heinz Goerke,eigentlich wenn es so muss als Du schreibst ,gehts also weiter wie gehabt.Dann koennen wir unser schoenes altes Rheintal wohl vergessen langsam aber sicher.
    Weiss nicht op es dann noch Sinn hat um zu singen : „Warum ist es am Rhein so schoen u.s.w. „.

  • Karl Heinz Goerke says:

    Leider habe ich die Befürchtung, dass die Mängel bis 2029 oder 2031 garnicht abzustellen sind. Da müsste schon ein ganz gewaltiger Ruck durch die Bevölkerung vor Ort gehen. Nur durch finanzielle und planerische Anstrengungen der Kommunen ist das nicht zu schaffen. Nur wenn sich ganz viele Bewohner einbringen, mit Ideen, Taten und Finanzen, dann kann das was werden!

  • Maria Schmelzeisen says:

    Es ist schon so.Betonkloetse passen wirklich nicht zwischen die alten Haeuser u.s.w., aber ja es muss etwas gemacht werden.In Oberwesel das Deutsche Haus ist saniert ,oder wie das heisst,doch es passt da nicht mehr hin,habs auf einem Foto gesehen, kennen tue ich nur das alte Deutsche Haus.So solls wohl weitergehen ,auf die Dauer ist das alte verschwunden und Beton overherrscht, dann koennen wir singen „Es war einmal „.Aber das erlebe ich nicht mehr, schaue ich mir dann alles von oben an,wohl denke ich etwas wehmuetig.
    Es gruesst Maria Schmelzeisen.

    • Otto Schamari St.Goarshausen says:

      Beton auf der Loreley.
      Die Planer für die Neugestaltung des Loreleyplateaus hatten zur Aufgabe die Mythologie des Ortes Loreley zu inszenieren.
      Der Höhepunkt der Inszenierung sollte das Durchschreiten über den sogenannten Strahlenweg durch einenes durch ei ne 6 Meter tiefe Felsenschlucht zum Aussichtspunkt sein.
      Stattdessen gibt es einen 8 Meter breiten Strahlenweg aus überwiegend weissem Beton ,eine Felsenschlucht mit einerseits einen 8 Meter hohen Betonbunker(sogenannter Mythosraum) und andererseits eine gerademal 2 Meter hohe Felswand und überall weisse Betonsitzplätze.
      Soll dies alles den Mythos der Loreley verkörpern?
      Gerade wir – Verbandsgemeinde Loreley Träger der Maßnahme- war von den Starkregenereignissen der letzten Jahre betroffen..Mit dieser Betonverbauung fördern auch wir den Klimawandel.Denn bei der Produktion einer Tonne Beton wird durchschnittlich 1 Tonne CO’2
      freigesetzt.
      Es wäre interessant den ökologischen Fußabdruck zu der Neugestaltung des Loreleyplateaus zu kennen.
      Es grüsst Sie Otto Schamari aus St.Goarshausen

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