Ein Spaziergang im Flussbett

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Es sind teils bizarre Bilder, die sich in den vergangenen Wochen und Monaten im Mittelrheintal geboten haben. Der Pegel des Rheins ist so weit gefallen, dass der Pegelturm in Kaub einige Zeit lang keinen Wasserstand mehr anzeigt hat. Dort war eine Messung auf die übliche Methode gar nicht mehr möglich, weil die Stelle am Ufer, an der gemessen wird, bereits auf dem Trockenen lag. Stattdessen steckte eine gewöhnliche schwarz-gelbe Pegelstange im Rhein. Als ich vor einigen Tagen dort am Fähranleger stand, konnte ich daran einen Wasserstand von etwa 25 Zentimetern ablesen. In den vergangenen Tagen ist der Pegel wieder gestiegen. Er lag zwischen 50 und 60 Zentimetern.

Für die Mittelrheinfähre zwischen Niederheimbach und Lorch und die Fähre in Kaub reichte der extrem niedrige Wasserstand einige Zeit lang nicht mehr aus. Sie hatten den Betrieb eingestellt. Die Fähre in Kaub hat am vergangenen Sonntag den Betrieb wieder aufgenommen, die Mittelrheinfähre fährt seit Mittwoch wieder Mensch und Maschine über den Rhein.

 „Nach zehn Tagen Zwangspause, die wir dazu genutzt haben unsere Antriebe 25 Zentimeter höher zu setzen, was viel Kraft, Zeit und Geld in Anspruch genommen hat, sind wir jetzt und in der Zukunft in der Lage, auch bei niedrigsten Wasserständen den Betrieb aufrecht zu erhalten.“ (Facebook-Post der Fähre Kaub)

Die Fähre Loreley zwischen St. Goar und St. Goarshausen hatte die Traglast limitiert um mit weniger Tiefgang zu fahren. Dort, und auf den Fähren zwischen Bingen und Rüdesheim, wurde kompensiert, was die beiden ausgefallenen Fähren nicht mehr leisten konnten. Es war deutlich mehr Betrieb.

Insgesamt war auf dem Rhein in letzter Zeit weniger los als noch vor einigen Wochen oder gar Monaten. Flusskreuzfahrt- und Frachtschiffe waren kaum noch zu sehen. Die wenigen Frachtschiffe, die noch unterwegs waren, fuhren nur noch mit geringerer Ladung. Die Köln-Düsseldorfer-Reederei (KD) hat den Betrieb noch vor dem offiziellen Saisonende eingestellt. Die „Goethe“, das wohl bekannteste Schiff der KD, fährt sogar schon seit einigen Monaten nicht mehr. Denn das Schiff hat mehr Tiefgang als der Rest der Flotte.

Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt hat zwischen Trechtingshausen und Bingen sowohl die Uferbefestigung als auch die Buhnen ausgebessert. Tonnenweise Steine wurden mit einem Frachtschiff und einem darauf stehenden Kran abgeladen. An Land haben Mitarbeiter die Steine mittels kleiner Bagger und Radlader verteilt. Auch am Binger Mäuseturm wurde das Niedrigwasser dazu genutzt, um die im Rhein liegenden Versorgungsleitungen mit Steinen abzudecken und zu schützen. Dabei kam ein Spezialbagger zum Einsatz. Dieser Steg aus Steinen hat den positiven Nebeneffekt, dass die Besucher darauf hinüber zum Mäuseturm laufen konnten. Der war nämlich für einige Tage geöffnet und konnte besichtigt werden. Es kam zeitweise sogar zu längeren Wartezeiten am Eingang des Turms.

Am Hafen in St. Goar-Fellen und auch in Oberwesel lagen Boote völlig auf dem Trockenen. In Kamp-Bornhofen oder St. Goar lagen große Schiffsanleger ebenfalls auf dem Trockenen. Im Schlamm, den der Rhein zurückgelassen hat, tauchen alte Reifen oder gar Einkaufswagen auf. Andernorts, wie in Vallendar, gab der Rhein sogar explosive Funde aus dem Zweiten Weltkrieg wieder frei. Dort wurden am vergangenen Sonntag vier Nebelfässer erfolgreich vom Kampfmittelräumdienst gesprengt.

Auf den zahlreichen großen Kies- und Sandbänken, wie in Osterspai, Bingen oder Oberwesel, gedeihen Pflanzen, die dort normalerweise gar nicht wachsen könnten. Tomaten und Stechäpfel können sich über die neuen und anscheinend nährstoffreichen Flächen freuen. Bei Bonn sollen sogar Wassermelonen im Flussbett des Rheins wachsen. Und auch einige Wasservögel nutzen diese Flächen, sei es zur Rast oder zur Jagd. Da tauchen sogar Vögel auf, die man nicht alle Tage am Rhein beobachten kann: Silberreiher.

Doch nicht nur die Pflanzen freuen sich über die Kies- und Sandbänke, die der Rhein nun freigibt. Auch Menschen nutzen die seltene Gelegenheit, um dort spazieren zu gehen. An den Wochenenden hat sich ein regelrechter Niedrigwasser-Tourismus etabliert. Neulich konnte ich von den Weinbergen in Lorch aus zwei Jungs beobachten, die sich den Weg durch den Rhein aufs Lorcher Werth zwischen Niederheimbach und Lorch bahnten. Zwar fuhr genau in diesem Moment die Wasserschutzpolizei mit einem Boot vorbei, die Beamten ließen die beiden jedoch gewähren. Es sah von oben beinahe so aus, als ob die Jungs übers Wasser laufen könnten.

Vielleicht legen die Tourismusverbände künftig also passend zur Nebensaison einfach den Rhein trocken. Das könnte Leben in die sonst eher schwache Herbst- und Winterzeit im Mittelrheintal bringen. Denn wo die Fähren oder die Reedereien so ihre Schwierigkeiten mit dem Niedrigwasser haben, freuen sich jene, die zu Spaziergängen im Flussbett aufbrechen. Und doch: das nächste Hochwasser kommt bestimmt.

 

Und hier sind die Fotos zum Durchklicken. Ich war im gesamten Oberen Mittelrheintal mit der Kamera unterwegs, um die Niedrigwassersituation zu dokumentieren. Da sind einige nicht alltägliche Motive zusammengekommen, wie ich finde. Aber seht selbst:

8 Kommentare

  • Wilson says:

    @ Herr Bröder und Frau Schmelzeisen:
    Nun, unser Gedächtnis ist manchmal kurz: es ist gerade mal etwa 9 Monate her, da hatten wir Hochwasser.
    In Koblenz-Neuendorf waren die Schutzwände aufgebaut und der Rhein war rund 8 (!) Meter höher als jetzt. Ich hatte zu der Zeit auf dem Ehrenbreitstein Fotos gemacht und war am
    Vergangenen Wochenende wieder dort – wenn man sich solche Zahlen vergegenwärtig, ist das schon bemerkenswert!

    Wir waren am 25. Oktober auch am Oberweseler Hafen, in Bacharach (vermutlich über die Landesgrenze in der trockenen Mitte) und am Mäuseturmpark. Es ist schon ein bizarrer Anblick.
    So ein extremer Niedrigstand ist mir auch nicht erinnerlich.
    Ja, ich fand es auch ärgerlich, dass es im Mäusetumpark reichlich Absperrbänder gibt, die aber kaum jemanden interessieren. Natürlich, derzeit gibt es keine brütenden Vögel, deren Eier man plattlatschen kann –
    aber wäre das Niedrigwasser in der Brutzeit, würde das genauso wenig beachtet, denke ich. Ökosysteme werden i.d.R. gerade aus Missachtung oder Unwissenheit zer- oder gestört!
    @ Herrn Wortmann und Herrn Wolfgang: Haltungen wie Ihre sind leider symptomatisch – das ist wie mit unangeleinten Hunden, die ja nichts tun – keiner will was kaputtmachen!
    Und die Aussage, dass sich dann ja jemand darum kümmern kann, wenn was kaputt gemacht wurde, ist ein Indiz für unsere Ich-bezogene Gesellschaft, die offensichtlich auch die älteren Semester erfasst hat – schade!

  • Wolfgang says:

    gute Bilderserie – vielen Dank – und wer jetzt noch meckert – ich bin mit meinen Eltern auf dem zugefrorenen Rhein 1954 bei Kaub rübergelaufen. Erinnere ich mich heute noch dran. Also lasst den Leuten doch ihre Freude. Niemand will das Ekosystem zerstören. Und die Bamf kann sich um Reparaturen und Ausbesserungen kümmern.

    • Walter Wortmann says:

      Genau, die haben scheinbar eh nichts zu tun. Und nennenswerte Vögel gibt es auf der Mäuseturminsel sowieso nicht. Der Bürgerschaft sollte diese Insel nicht vorenthalten werden. Auch ich habe, wie Du, Wolfgang, 50 Jahre darauf gewartet, mal dahin kommen zu können.

  • Lara says:

    Leider macht die Sensationsgier der “ Besucher“ vor den Naturschutzzonen keinen Halt. Hinweisschilder landen im Dreck und wenn man die Leute darauf hinweist kommt im besten Fall keine Reaktion oder man erhält noch einen unfreundlichen Kommentar. Sehr schade. Ich hoffe das Wasser steigt bald wieder und die Schutzzonen können sich wieder erholen.

  • Walter Wortmann says:

    Einige Aufnahmen doppelt, verschiedene mehrfach. Nichts wirklich Neues. Leider auch keine Kommentare zu den einzelnen Bildern, was es darstellt, was das angeblich Besondere daran ist, und wann es fotografiert wurde. Nur einfach so wild Fotos reinkopieren, ist weder eine „Große Fotodukumentation“ noch wirklich interessant. Schade.

    • Christoph Bröder says:

      Ja, einige Bilder sind vom Motiv her recht ähnlich, da konnte ich mich einfach nicht entscheiden. Es sind aber wohl Fotos dabei, die ich so bisher aus dem Oberen Mittelrheintal noch nicht gesehen habe. Bildunterzeilen generiere ich hier im Blog grundsätzlich nicht, das sieht optisch aufgrund der technischen Vorgaben nicht gut aus. Daher habe ich ja versucht mit dem vorangegangenen Text zu beschreiben, was auf den Bildern zu sehen ist. Wenn das Ganze ihren Ansprüchen nicht gerecht wird, dann tuts mir Leid. Was hatten Sie denn erwartet?

  • Maria Schmelzeisen says:

    Kann kaum glauben das so etwas moeglich ist,beinahe jedes Jahr mit Hochwasser gekaemft und dann dies.Wie das weiter gehen soll ,kann es mir nicht vorstellen. Aber bin auch schon einige Zeit weg aus der Heimat,hab auch nicht die Moeglichkeit mir das alles an zu schauen.Es ist schon schade.Muss dann mal warten bis das volgende Hochwasser kommt.
    Es gruesst herzlich Maria Schmelzeisen.

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