Ode an die Sooneck

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Ich habe mich beobachtet: Ich hadere damit, den Ort zu zeigen, an dem ich wohne. Das hat die Sooneck nicht verdient. Deshalb nach zwei Monaten heute mal was über Dornröschen – und ihre Bewohner.

Der Tag beginnt mit Kloputzen. Das Erste, was Burgverwalter Klaus Collerius morgens macht, ist die Besuchertoilette sauber. Dann rupft er Rosen. Dann begrüßt er Gäste. In der Burgschänke macht seine Frau Inge Collerius Flammkuchen, die in ihrer Simplizität süchtig machen. Die Eheleute C. sind wirklich nett. Sie haben mal zwei Falkenküken aufgepäppelt, die vorm Burgtor lagen. Seitdem kommen sie jedes Jahr wieder. Die Falken und die Eheleute auch. Herr Collerius ist Hauptlöschmeister bei der Freiwilligen Feuerwehr und hat Aquarien voller Zierfische. Er beschriftet Waschmaschinen mit Edding und raucht gern Erdbeerzigarillos. Wenn man ihn gut riechen kann, kann man ihm der Nase nach durch die Burg folgen.

Die Natur ist hier ganz nah. Erst kam der Flieder, dann kamen die Rosen, jetzt kommen die Lilien. Erst kamen die Eidechsen, dann die Mäuse, jetzt die Gänse. Ich musste sie alle schon jagen. Sie mögen es, wenn ich ihnen

" target="_blank">La valse d’Amelie vorspiele. Dann wanken sie. Wir leben hier miteinander, die Tiere und ich. Es kreisen Schwarzmilane über der Sooneck. Neulich traf ich eine Rehherde im Wald. Auf meinem Fensterbrett lagen jeden Morgen immer viele tote Bienen. Ich habe mir ein Fliegengitter gewünscht und eins bekommen. Jetzt ist es besser. So vieles hier ist neu für mich. Vorher wusste ich nicht, wie ein Induktionsherd funktioniert. Jetzt wische ich auf ihm herum, wie auf einem Smartphone.

Die Burg liegt zwischen Niederheimbach und Trechtingshausen. Sie hat weder mit dem einem, noch mit dem anderen Ort wirklich zu tun. Die Einheimischen kommen kaum her. Manche wissen nicht mal, dass man das hier angucken kann. Ich möchte immer rufen: Schaut doch mal! Manche denken auch, die Sooneck gehöre zu dem Steinbruch, der ein riesiger roter Schlund im grünen Hang ist.

Die Mauern der Sooneck speichern die Wärme der Sommertage. Dann wird es so heiß im Turm, dass mir die Schallplatten schmelzen. Vinyl ist eine untreue Geliebte, Peter Gabriel fiel unter die Opfer. Aber die Wärme hat auch ihr Gutes. Wenn die Sonne auf den Mauersteinen aus rotem Quarzit ruht, heizen dort die vielen kleinen Echsen ihr wechselwarmes Blut auf. Erst verharren sie stundenlang in den Ritzen, dann zappeln sie bei jedem noch so sachten Schritt. Neulich fand ich eine ohne Kopf.

Wenn es hier auf der Sooneck mal kalt wird, dann richtig. Die Fensterscheiben aus mundgeblasenem Glas beschlagen rasch beim Duschen. Am Anfang hat dann immer der Feuermelder ausgelöst; überhaupt hat am Anfang oft mein Angstmelder ausgelöst. Da hab ich dann die Batterien ausbauen lassen.

Wenn im Steinbruch drüben gesprengt wird, kracht die ganze Burg. In ein paar Hundert Metern Luftlinie entfernt, genug Sprengstoff um ganze Wohnhäuser hochzujagen. Wusste nicht, dass Gemäuer zittern kann. Wenn Gewitter ist, kracht die Burg noch lauter. Beim letzten wilden Sturm hat der Blitz in die Linde eingeschlagen. Meine Lieblingslinde. Zuvor spendete sie Schatten über dem perfekten Leseplatz. Als ihr Arm dann wie ein gebrochener Flügel herabhing, hieß es, sie müsse gefällt werden. Es war ein trauriger Tag.

Weitere Burgmenschen: Leo, Klaus Nummer 2 und Jens. Sie alle pflegen mit viel Hingabe und Geduld, mal die Pflanzen, mal den guten Umgang. Leo kommt aus der Ukraine, wir einigen uns auf mein heiteres Stümperrussisch. Am Abend ruft er laut über die Burg: мы закрываемся! Wir schließen jetzt! Dann zucken die Eidechsen in ihren Steinritzen zusammen und wir Bleibenden bereiten uns auf die Nacht vor. Klaus Nummer 2 hingegen weiß alles über Vergangenes; er ist ein wandelndes Geschichtsbuch. Hat seine Frau gar in historischer Uniform geheiratet. Und dann ist da noch Jens, der feine Führungen macht und mal eben den Friedrich Wilhelm zitiert: „Das Schloss durchrannt, wie rasend,.. nach der Jacht zurück,…bei Ehrenfels, Pfalzburg und alle den 1000 anderen göttlichen Burgen und Felsen und Strömungen vorbei; ich war matt vor Seligkeit!“

Wie kann man hier leben auf der Sooneck, fragen die Menschen. Nur in dem Wissen: Es gab viele vor mir, es werden welche folgen. Hier wurde gemordet, hier wurde geboren, hier wurde gezeugt, hier wurde gestorben. Die Sooneck war mal eine Ritterburg. Dann sollte sie ein Jagdschloss werden. Ein preußisches Märchenschloss am Rhein. Es gibt so viel Geschichte hier, dass man ihr nicht gerecht werden kann. Man sollte halt mal herkommen und eine Führung machen. Dann könnte man auch den edelhölzernen Sekretär der Königin sehen. Ein Schreibplätzchen, aufklappbar, mit Intarsien geschmückt. Ein Tintenfass, eine Feder, ein Sandstreuer. Dahinter ein Schrank mit Geheimschublade. Hinreißend unpraktisch. Dass die Leute das alles mal so tierisch ernst gemeint haben hier, Wahnsinn.

Manchmal finden die Menschen von der Burgverwaltung Kondome im Gebüsch. Es sei ein recht romantischer Ort, sagen alle. Meine Netzhaut ist schon müde von der Schönheit der Details, den schmiedeeisernen Türbeschlägen, den verschnörkelten Fensterknäufen, dem Muster des Parketts. Manchmal schaue ich auf den Rhein und frage mich: Wer hat all das Wasser schon getrunken? Und: Wie viel Aussicht kann ein Mensch ertragen? Insgesamt verstehen wir uns gut, die Sooneck und ich. Ich bin ganz dankbar.

Wer mal mit dieser Burg zu tun hatte, kommt nicht mehr von ihr los. In dem Turm, wo ich jetzt wohne, war vorher ein Klassenzimmer für Malkurse; nach Kriegsende waren hier 18 Flüchtlinge verstaut. Burgverwalter lebten hier mit ihren Familien, vor Jahrhunderten Pferde im Stall des Südturms. Ein Mal im Jahr kommt eine Gräfin aus München mit dem Taxi angefahren. Dann legt Burgverwalter Collerius eine frische Rose in die Vitrine, die die Witwe an den Gatten erinnern soll. Alle, die hier mal gelebt haben und noch leben, haben sich inzwischen bei mir gemeldet. Was macht man mit ehemaligen Burgbewohnern, wenn man selbst nur ein Gast auf Zeit ist? Ich weiß es nicht. Jeden Morgen erinnere mich beherzt daran: Sei vorsichtig mit den Possessivpronomen. Das ist alles bloß geliehen.

Nur montags, da hat die Burg zu. Nur montags, da hat die Burgenbloggerin zu. Ihr ahnt nicht, was ich da so treibe.

 

5 Kommentare

  • Roland says:

    Bei mir kommt die Athmosphäre dieser Burg und deines Lebens dort direkt an! Durch deine wunderbar einfühlsame Beschreibung. Gratuliere (auch!) zu diesem Bericht, Jessica.

  • Sandra T. says:

    … und? Was treibst Du montags so? ;o)
    (Darfst es natürlich gern für Dich behalten – nur: der letzte Satz impliziert bereits die erwünschte Rückfrage ;o))

    Herzlichst, Sandra T.

  • Jan says:

    Puh, die Mauern haben viel Geschichte aufgesogen. Irgendwann träumst du davon…

  • Tim says:

    Jaja….die Burg gehört nicht zu Haambach und nicht zu Trexico und auch deren Bewohner nie wirklich. Und trotzdem leben noch alle und haben ihre Heimat gefunden. Viele sind sogar dem Rheintal treu geblieben….nein….haben es lieben gelernt und sogar ein Stück weit die Menschen dort.
    Wenn ich das alles so lese fällt mir auf das ich manches doch etwas vermisse. Mir wurde immer erzählt das Eidechsen ihren Schwanz abwerfen bei Gefahr also habe ich immer versucht eine zu fangen. Ist mir aber nie gelungen… Heute glaube ich das es nirgends so viele Eidechsen auf einem Flecken gibt wie auf der Sooneck. Einfach schön!
    Und mir ist beim lesen aufgefallen das ich meinen Kindern doch so langsam mal zeigen muss wo ihr Vater als Kind gelebt hat.
    Einen schönen Text hast du wieder geschrieben, und ich frag mich ob ihn auch Menschen verstehen die nicht dort gewohnt haben.
    Danke dafür!

    P.S.: Ich wüsste ja schon gerne was du mit deinen Vinyls geschafft hast! Unsere haben es überlebt! ;-)

    P.P.S.: Wird es noch einen Bericht über die Flüchtlinge auf der Sooneck geben?

  • Käferli says:

    Liebe Jessica, du schreibst so herrlich herzlich, amüsant und mit Esprit. Deine Fähigkeit Hintergründiges, manchmal auch Unangenehmes mit Charme zu mischen, begeistert mich immer wieder. Weiter so!