Otherside – Unterwegs in Ehrenthal

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Habe ich schon erwähnt, dass ich Ohrwürmer mag? Also nicht das sechsfüßige Fluginsekt mit dem Zangenpaar am Hinterleib, sondern die zufällig aufkommenden Lied-Schnipsel im Ohr.
Ich habe mal gehört, dass sie eine tiefergehende Bedeutung haben, es einen Sinn hinter ihnen gäbe. Doch auch, dass sie nur auftauchen, wenn unser Gehirn sich langweilt. Das Arbeitsgedächtnis nichts zu tun hat, sich im Leerlauf befindet. Zusammengefasst also eine bedeutungsschwangere Langeweile.

Mein Ohrwurm kommt, als ich auf der für mich anderen Seite des Rheins entlangfahre: Rechtsrheinisch und „Otherside“ von den Red Hot Chili Peppers – irgendwie naheliegend.
Genauso wie die andere Seite, auf der ich zuvor noch nicht war. Na ja, nicht ganz. In Rüdesheim bin ich mal gewesen, aber das ist schon eine Zeit lang her.

„Other side“ ist nicht nur die andere Seite, sondern auch die Kehrseite oder die Schattenseite. Doch so empfinde ich die rechtsrheinische B42 nicht. Die Namen der Orte klingen zwar zunächst fremd: Osterspai, Filsen, Kamp-Borhnhofen, Kestert, Ehrenthal. Aber der Perspektivwechsel, der es ja nun wirklich ist, erweitert meinen Blick auf das Tal.

In Ehrenthal halte ich an. Vielleicht weil der Ortsteil von St. Goarshausen am kleinsten ist, wie eine Mischung aus Wildwest-Attrappe und verlassenem, französischen Weindorf wirkt. Oder doch eher wie ein dünnes Sandwich aus zwei Hausreihen und einer Ortsstraße erscheint, das zwischen Mittelgebirge und Rhein, B42 und Schienen klebt.

Wie das wohl ist, hier zu leben? In dieser Enge?

Neben dem Ortsparkplatz befindet sich eine Kneipe. An der Türe hängt ein Schild: Öffnungszeiten – Samstag und Sonntag, ab 10.30 Uhr. Durch das milchig staubige Fenster sehe ich ein Interieur aus den 50er-Jahren, ein Tisch und ein Stuhl stehen zwischen Unkraut auf der Terrasse. Hier muss länger kein Bier über die Theke gegangen sein. Später erfahre ich, ist es auch nicht.

Ehrenthal sieht für mich geisterhaft aus. Verstohlen schleiche ich mich durch die Ortsstraße und die kleinen Wege zwischen den Häusern, blicke in die winzigen Hinterhöfe, die akribisch geschmückt sind, und komme mir nach einer Weile nicht einmal mehr beobachtet vor. Ich frage mich, ob hier überhaupt jemand lebt.

Wie aus dem Nichts begegnet mir eine adrett gekleidete Frau mittleren Alters. Sie trägt eine lederne Aktentasche und ein schickes Etuikleid und zerrt mich aus der geisterhaften Attrappenwelt in die Wirklichkeit zurück.

Genauso verwundert über die Begegnung wie ich, fragt sie, ob sie mir helfen könne. Ich brauche einen Moment: „Kann ich hier irgendwo was trinken? Also einkehren?“ Wohl wissend, was kommen wird.
„Nein, fahren Sie lieber nach St. Goarshausen oder Kaub, da gibt es noch Cafés oder Restaurants“, sagt sie freundlich und fügt hinzu: „Auch wenn Sie einen Schlafplatz brauchen – hier ist nichts. Das sehen Sie ja selbst.“

Sie erzählt mir, dass Ehrenthal ihr Heimatort sei, früher waren die Menschen hier offener, jetzt lebe hier jeder für sich, die Türen seien zu. Ich frage sie, wie das sein kann, so viele Häuser gäbe es in Ehrenthal ja nun nicht, da müsse man sich doch kennen.
„Ja, schon. Aber mit der Nachbarschaft ist nicht mehr so viel los“, sie zuckt die Schultern. „Wie gesagt, fahren Sie lieber weiter.“

Irritiert bleibe ich noch einen Moment an der Stelle stehen, überlege, ob ich zum Auto zurücklaufen soll, die kuriose Kulisse gewinnt jedoch, ich gehe weiter.

Nach 30 Metern stehe ich vor einem efeubewachsenen Bahnübergang und treffe auf Naomi. Naomi ist 12 Jahre alt. Sie hat neugierige, braune Augen und ihre Hündin Shaya dabei. Sie erinnert mich an Ronja Räubertochter. Naomi hat etwas unerschrockenes, beobachtendes und zugleich zartes, so wie ihr Name, der auf Hebräisch die „Liebliche“ bedeutet.

„Wie ist es hier für dich aufzuwachsen? Bist du die Einzige in deinem Alter“, frage ich sie.
„Ja“, sie blickt mich neugierig an, langweilig – doch dafür habe sie ja jetzt den Hund. Den habe sie seit zwei Wochen und das sei auch ganz gut so.

Naomi bringt mich an den Wohnzimmertisch ihrer Familie.
Da sitze ich nun. Vor mir liegt ein Tischset auf dem steht „Wer den Tag mit einem Lachen beginnt, hat ihn bereits gewonnen“, angeblich von Cicero, und von dem zuvor erwähnten Desinteresse am anderen ist hier nichts zu finden. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, die Türe steht hier jedem offen, und Wolfang und Eli, Noamis Eltern, begegnen mir mit viel Herzlichkeit.

Wenn Wolfgang spricht, wählt er die Worte bewusst aus. Er sammelt Wissen, interessiert sich für so vieles, scheint in allem abzutauchen. Besonders auf der Historie des Tals liegt sein Fokus. Er hat über diese bereits zwei Bücher geschrieben und publiziert. Wenn er erzählt, habe ich das Gefühl, vor vielen Einzelteilen zu stehen, die ich selbst erstmal ordnen, vor allem verstehen muss.

Wolfgang: „Du öffnest eine Tür, bist fasziniert und entdeckst zehn weitere Türen. Natürlich kannst du nicht in alle zehn hinein gehen, aber mindestens in drei. Ich kann nicht bei der ersten Türe aufhören, wie es so viele tun, ich muss tiefer gehen, will mehr wissen.“
Die Bücher im Wohnzimmerregal sind ähnlich dem efeubewachsenen Bahnübergang aus dem Regal herausgewachsen, ranken sich bis unter die Decke. Es gäbe sogar eine kleine im Bibliothek Haus, sagt mir Wolfgang.

Eli spricht ruhig und erzählt von früher, Ehrenthal ist ihr Heimatort. Ihr Vater und Großvater haben im hiesigen Bergwerk gearbeitet. In Ehrenthal gab es mal zwei Kneipen, kaum zu glauben, denke ich, hatte der Ort selten mehr als 30 Einwohner, und mein Bild der Westernkulisse wächst weiter.

Kneipen gäbe es keine mehr und Naomi sei das einzige Kind in ihrem Alter, sagt Wolfgang. Der Ort sei ein Mikrokosmos übertragbar auf den Makrokosmos in Großstädten, es gebe den Snob, den Alkoholiker, den Rechten, den Linken, den Umweltschützer und das Kind. Ein Abbild der Gesellschaft, nur auf eben 30 Leute verteilt. Wolfgang fügt hinzu, dass Naomis hebräischer Name bei der Taufe für Irritationen gesorgt habe, die Kirche sei katholisch gewesen, der Pfarrer evangelisch und die Patentante jüdisch. Aber so sei das hier.

Während wir miteinander reden, schaue ich durch ihr riesiges Panoramafenster. Dahinter fließt reißend schnell der Rhein. Oben kreisen Möwen. Und gegenüber ist ein Steilhang des Hunsrücks. Es sind gerade mal 350 Meter bis zur anderen Seite.

„Bei Hochwasser trifft es euch als Erste, oder?“, frage ich. Auf dem Hunsrück aufgewachsen ist Hochwasser am Rhein beinahe wie ein Naturereignis, das irgendwo in der Ferne passiert. Man befindet sich eben auf dem Berg, nicht an seinem Fuße – wo gerade die Welt unter Wasser steht.

Eli zeigt mir Fotos von früher. Vom Hauseingang, durch den ich zuvor gegangen bin, waren nur noch zwanzig Zentimeter zu sehen. Ein Arzt klettert über eine Leiter durchs Fenster, um zu seinem Patienten zu kommen. Schlauchboote sind die gängigen Transportmittel.
„In Ehrenthal gibt es keine Zufahrtsstraße vom Berg, nur Feldwege“, sagt Wolfgang.
„Das heißt, ihr seid hier eingesperrt?“ Wolfgang erzählt mir, dass sie zwei Motorräder besitzen, um über die Feldwege wegzukommen.
So sei das mit dem Hochwasser, das gehöre eben dazu. „Dann ist der Ort lahmgelegt und wir feiern einfach ein Fest auf der Terrasse“, lächelt er. Wieso nicht, denke ich, ändern kann man ohnehin nichts an der Situation. Zudem sei das Hochwasser hier planbar, erklärt mir Wolfgang. Das Wasserpegel steige stetig an, man wisse vorher Bescheid.

Ich blicke zu Naomi: „Das heißt, du kommst bei Hochwasser nicht zur Schule, oder?“ Ja, grinst sie, das sei schon ziemlich cool. „Auf dem Parkplatz dort war ich damals mit Freunden schwimmen.“ Für mich klingt das nach Abenteuer und nach einer guten Perspektive auf die Dinge. So lange kein größerer Schaden entsteht, ist Gelassenheit keine schlechte Option, finde ich.

Ein neuer Beweis leuchtet auf, der widerlegt, dass die rechtsrheinische Seite die Schattenseite ist: In den Abendstunden liegt sie sogar im Sonnenuntergang. „Von den zwei Seiten muss man natürlich geografisch sprechen“, aber sonst sehe Wolfgang das nicht so: „Ihr da und wir hier.“ Nein, das sei nicht das richtige Bild und ich schließe mich ihm an.

Während ich mit der Fähre übersetze, liegt mir „Otherside“ noch einmal in den Ohren und ich versuche in meiner Gedankenplaylist ein Lied weiter zu schalten, nur leider funktioniert das bei Ohrwürmern nicht – sie kommen und gehen, wann sie wollen.

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