Panikvögel, Gemütlichkeit und Loreley

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„Heute ist leer“, denke ich und blicke aus dem Fenster. In meinem Kopf herrscht eine seltsame Stille. Sie fühlt sich wie der Nachklang eines Konzertes an: Die Ohren hören noch das Phantomwummern der Bässe, man spürt noch die Menschen um sich herum, die längst weg sind, und ein bisschen Rausch umhüllt einen.

Gestern war ich auf der Frankfurter Buchmesse, habe Texte aus dem Blog gelesen, mit Gitarre begleitet vom Mannheimer Musiker Felix Leopold.
Buchmesse – das bedeutet viele Menschen. An einem Samstag zu viele. Das Messegelände Frankfurts zeigt Innovationen rund ums Buch, Gastland ist dieses Jahr Norwegen, es gibt – nun ja – jede Menge Bücher zu sehen und viele Menschen, die sich verkleiden wie ihre Manga-Helden.
Die großen Messehallen saugen einen für einen Moment auf, man schwimmt mit dem Strom an Leuten durch die verschiedenen Gänge, in denen sich Verlage präsentieren. Große, kleine, unabhängige, wissenschaftliche, künstlerische – die ganze Verlagswelt ist vertreten. Das Meer an Büchern scheint unendlich.
Nach anderthalb Stunden Buchmesse ist mein Kopf allerdings voll, hat sich vollgesogen wie ein Schwamm, ich muss raus aus dem Strom. Nehme den gesehenen Teil mit, der unendliche Rest bleibt zurück. Dabei frage ich mich, wie andere Menschen das machen? Die fünf oder sechs Stunden, manchmal länger, aufnahmefähig sind und sich durch die verschiedenen Kuben der Verlage bewegen. Irgendwas scheint bei mir anders zu sein. Aber das ist auch okay so

Felix und ich beginnen um 14 Uhr. Felix spielt „Angie“ von den Rolling Stones und ich lese „Ein Tag am Strand – im Zwiegespräch mit der Burg“, dazu laufen meine Zeichnungen auf einem Bildschirm. Es ist gut, dass Felix beginnt, das verscheucht die letzten Panikvögel.
„Bist du aufgeregt?!“, wurde ich am Tag zuvor mehrmals gefragt.
„Nicht wirklich“, antwortete ich, wissend, dass es meine erste Lesung ist, aber auch, dass die Panikvögel bei mir erst kurz vorher kommen werden.
Den Tag davor verbringe ich mit Gemütlichkeit und Üben, spazieren gehen in meinem Exil in Mainz. Auch am Rhein – wo sonst?! Ich denke darüber nach, dass ich vor einer Woche im Kultur- und Landschaftspark der Loreley war, habe dem Großen Mausohr beim Fliegen zugesehen und Fotos von Verliebten gemacht. Eigentlich wollte ich den Mythenpfad gehen, bin falsch abgebogen und schließlich am Fuße des Taunus angekommen. Was vielleicht auch alles mit dem Mythos der geheimnisvollen Frau zusammenhängt – wer weiß das schon so genau?

Die Panikvögel jedenfalls nisten sich eine Stunde vor Beginn der Lesung bei mir ein, beginnen zu kreisen und ein wenig zu kreischen. Ich beginne, viel zu reden und umherzulaufen, als würde sie das beruhigen. Tut es aber nicht. „Aber das macht nichts, gehört alles dazu“, denke ich, beziehungsweise versuche ich, mir das einzureden.
Als Felix dann aber beginnt, fliegen sie davon. Und das, was dann passiert, ist schön: Ich sehe in vertraute und interessierte Gesichter und lese. Felix spielt zwischen bestimmten Absätzen, er nimmt das Gesagte mit auf eine andere Ebene, erzeugt durch seine Musik einen weiteren Raum, hüllt ein.

Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Applaus. Die Gesichter sehen irgendwie zufrieden aus.
Es hat Spaß gemacht und ich bin dankbar für die positiven Stimmen derer, die zugehört haben. Und natürlich Felix, der Lust hatte, mit mir einfach mal diese Idee von Text und Musik umzusetzen.

Angie – Where will it lead us from here

Die seltsame Stille ist jetzt ein wenig angenehmer und ich beschließe, an den Rhein zu gehen.

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