Keine Post für den Tiger

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Hier landen Pakete und Beschwerden: Das Lebensmittelgeschäft "Nah und Gut" in Bornich.
Hier landen Pakete und Beschwerden: Das Lebensmittelgeschäft "Nah und Gut" in Bornich.

Am Mittelrhein haben die Begriffe „linksrheinisch“ und „rechtsrheinisch“ mehr als eine geographische Dimension. Die „Grenze“ Rhein wird besonders dann sichtbar, wenn ein Paket auf der falschen Seite landet.

Weil dem Tiger immer so langweilig war, wenn der Bär am Fluss angelte, bat er ihn, einen Brief zu schreiben. Die elegante Gans, der Fuchs mit der eleganten Gans unterm Arm und auch der kleine Kerl mit der langen Nase wollten den Brief aber nicht mitnehmen. Zum Glück gab es den Hasen mit den schnellen Schuhen. Er brachte dem Tiger schließlich den Brief. Der Tiger war wieder glücklich, und der Bär spielte abends die Kochlöffelgeige. Und ganz nebenbei wurde ein Postsystem etabliert.

Bei Janosch ist so ein Fluss also kein Problem. Tiger und Bär wohnen allerdings nicht am Mittelrhein. Und der Hase mit den schnellen Schuhen ist kein DPD-Paketdienstleister.

Denn: Wer ein Gefühl dafür bekommen möchte, wie sehr der Rhein noch heute als natürliche Grenze wirkt, der sollte sich ein Paket über den Paketdienst DPD nach Oberwesel schicken lassen und dann nicht aufmachen, wenn der Bote vor der Tür steht.

Das Paket landet dann nämlich in einer Paketstation in Bornich. Luftlinie liegen zwischen Oberwesel und Bornich gerade einmal zwei Kilometer. Das Problem: Der Rhein liegt dazwischen.

Will der Kunde sein Paket abholen, werden aus zwei Kilometern schnell 25. Mal zwei. Er muss dann über die B9 am Rhein entlang zur Fähre nach St. Goar fahren, nach St. Goarshausen übersetzen und die Strecke zurück über die L338 nach Bornich fahren. Dasselbe Spiel in südliche Richtung: B9. Fähre. Kaub. L339. Bornich. Paket.

Neun Euro für die Überfahrt und eine gute Stunde Zeit sollte der Abholer also mindestens mitbringen.

Es gibt ganz offensichtlich ein Problem im System des Paketdienstes. Der DPD-Computer hat die Rechnung offenbar ohne den brückenlosen Rhein gemacht. Hinzu kommt: Oberwesel liegt in einem DPD-Paketstationenniemandsland. Links vom Rhein finden sich die nächsten Paketstellen in Boppard im Norden, in Bingen im Süden und in Kastellaun im Westen.

Und man kann den DPD-Computer ja verstehen. Der denkt sich, ist doch absurd, warum sollte ich ein Paket eines Oberweselers ins 23 Kilometer entfernte Bingen bringen, wenn doch Bornich direkt gegenüberliegt. Der Computer hat offensichtlich keine Ahnung vom Mittelrhein. Oder er ist ein fieser Humanist. Und will einfach nur, dass sich die Menschen links und rechts des Rheines besser kennenlernen. (Und so erzählt die Geschichte von der DPD-Post, die auf der falschen Seite landet, ganz beiläufig eine andere: Die einer gespaltenen Region, die seit 40 Jahren um eine feste Rheinquerung ringt.)

Die linksrheinischen Pakete, die es unfreiwillig über den Rhein schaffen, landen dann bei Edelgard Dauer. Mit ihnen die Beschwerden. Der Paketshop in Bornich ist eigentlich ein kleines Lebensmittegeschäft. Ein klassischer Tante-Emma-Laden. Er liegt in einer Nebenstraße des Dorfes, in dem keine 1000 Menschen leben.

Edelgard Dauer hat eigentlich Mittagspause. Sie steht vor ihrem Geschäft „Nah und Gut“ und sortiert das Leergut. Die 60-Jährige arbeitet seit 36 Jahren dort. Seit zehn Jahren führt sie das Geschäft allein. Sie erzählt, dass in ihrem Laden im Schnitt jede Woche drei linksrheinische Pakete landen. Die meisten Kunden rufen dann an. Die Pakete werden in der Regel zurückgeschickt. Einige Kunden kommen aber auch extra vorbei. Den Ärger kriegt sie dann ab. „Ich sage dann, es tut mir leid. Ich kann es nicht ändern.“

Die Beschwerden gibt sie an die DPD weiter. Dort heißt es dann, man arbeite daran, dass der Computer das kapiert. „Bis jetzt hat sich nichts geändert“, sagt Dauer. Vom Extra-Paket-Service, den sie in ihrem Laden bietet, hat sie im Grunde nichts. Der wirft ein paar Euro im Monat ab. „Lohnen tut sich das nicht.“ Sie muss anbieten, was die Großen nicht anbieten. Der Einkauf heute wird beim Discounter oder den großen Supermarktketten erledigt. „Bei mir kaufen die Leute in der Regel die Dinge, die sie dort vergessen haben.“

Oder sie kommen, um ein Paket zu holen.

Auf Nachfrage antwortet der DPD-Pressesprecher schnell und ausführlich. „Der von Ihnen geschilderte Fall ist tatsächlich sehr unglücklich. Ursächlich für diese Situation ist – wie von Ihnen vermutet – die kurze Distanz zwischen Paketshop und Zustelladresse ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Fahrtwege. Eine solche Konstellation ist zwar sehr selten, lässt sich aber derzeit noch nicht komplett ausschließen. Bei DPD wird an der Lösung des Problems gearbeitet. Der individuelle Empfänger hat jedoch heute schon die Möglichkeit, selbst für Abhilfe zu sorgen: In der DPD App sowie auf dem Online-Portal paketnavigator.de kann sich jeder Nutzer registrieren und selbst den Wunsch-Paketshop bestimmen, in den ein Paket (generell oder bei Nicht-Anwesenheit) geliefert werden soll.“

Der DPD bietet im Übrigen einen weiteren Service an: Im Internet kann der Empfänger in Echtzeit den Verlauf der Paketzustellung verfolgen. Und sich in Echtzeit ärgern, wenn das Paket mal wieder auf die falsche Seite fährt.

5 Kommentare

  • moritzmeyerautor says:

    Es ist genial. Erinnert mich daran, wie ich im letzten Jahr über Freifunk auf der Loreley berichtet habe. Da hat Franziskus Weinert in Oberwesel einen Freifunk-Router für die Loreley konfiguriert. Weil er aber keine Zeit hatte, das Ding schnell auf die andere Rheinseite zu bringen, hat er ihn per Post geschickt. Hat drei Tage gedauert, bis es da war, glaube ich… Sensationell!

  • Edgar Kirdorf says:

    Und wie wäre es mit Brücke in Fellen, ca. 10 Km von Oberwesel nach Fellen, 9 von Wellmich nach Bornich, hin und zurück = 38 km, Oberwesel Kaub 3 Km, Kaub – Bornich 8 Km, = 22 km + Fährgeld—- Brücke geschätze 70-80 Mio auf Kredit , Jährliche Instanthaltung(geschätz 500000.-€) dann kann Mann mal ein Paket abholen……oder einen Nachbarn eintragen…..die gibt’s es nämlich in unseren kleinen Gemeinden.

  • Jürgen Dedekind says:

    Da musste ich ganz schön schmunzeln, bei diesem Blogg. Ich kann das Problem vollkommen bestätigen, da mir das Gleiche widerfahren ist. Nur in der anderen Richtung. Ich wohne in Kamp-Bornhofen, also rechtsrheinisch. Der dpd-Bote wollte mir ein Paket zustellen, war natürlich keiner anwesend. Das Paket wurde dann in einem Kick-Markt in Boppard zur Abholung hinterlegt. Also linksrheinisch. Jetzt ist der Weg für mich nicht ganz so weit, weil es in Filsen eine Fähre gibt. Also funktioniert die ganze Problematik auch andersrum. Aber der Grundthenor Ihres Bloggs ist vollkommen richtig – der Rhein ist eine natürliche Grenze.

    Die Einleitung mit Janosch war im übrigen köstlich!

  • Lizza says:

    Der Teufel steckt einfach immer im Detail!

  • Jürgen Czwienk says:

    Wunderbar. Da kann man ja noch froh sein, dass der Zusteller das Paket nicht in den Fluss schmeisst. Dann müsste man sogar bis Holland!

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