„Setz dich bei, Schöppche trinke!“

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Fähre fahren bedeutet Entschleunigung. Wenn du die Übersetzzeiten nicht kennst, wartest du. Immer. „Ich muss dringend zu einem Termin auf der anderen Seite“. Hat der Fährmann schon hundert Mal gehört. „Es geht um Leben und Tod“. Unwahrscheinlich. Glaubt der Fährmann nicht. Wann geht es schon wirklich mal um Leben und Tod? „Meine Frau liegt schwanger auf dem Rücksitz, wir müssen schnell ins Krankenhaus.“ Jetzt könnte der Fährmann schwach werden. Nicht jedoch, bevor er einen prüfenden Blick auf die Rücksitzbank geworfen hat. Liegt da keine Frau mit Presswehen, wartest du.

Während ich verträumt am Ufer entlangschlendere und mir ausmale, wie ich den Fährmann von einer außerplanmäßigen Überfahrt überzeugen könnte, höre ich hinter mir eine Stimme, die eine Fahrradklingel imitiert. Ich springe beiseite und lasse eine Gruppe Radfahrer passieren. Dabei bemerke ich eine Gänsefamilie, die mich misstrauisch vom Rhein herauf beäugt. Ist es so offensichtlich, dass ich hungrig bin? Ich schieße. Fotos, keine Bleikugeln. Die Gänse verdrücken sich trotzdem. Und behalten mich weiter im Auge. Ich versteh‘ schon, das hier ist ihr Revier. Da hab‘ ich nichts zu suchen.

„Burgeblogger!“, reißt es mich erneut aus meinen Gedanken. Ein Mann geht vorbei und lacht. „Komm, setz dich doch bei, Schöppche trinke“, sagt er und lacht wieder. Er zeigt auf den Kiosk einige Meter weiter. Zielstrebig steuert er es an. Gegenüber, in Lorch, läuten die Glocken. Als ob sie sagen wollten: „Ja, los, es ist okay, jetzt einen zu trinken.“ Ich habe Menschen im Tal schon zu ganz anderen Zeiten trinken sehen. Kein Bier vor Vier. Das gilt ja nicht für Wein. Vom Kiosk schallt lautes Gelächter herüber. Das Schöppche scheint zu schmecken. Feierabendmodus.

Wieder setzt die Fähre über. Wie viele Fährintervalle sitze ich nun eigentlich schon hier? Ich bin kurz davor, die Übersetzzeiten zu durchschauen. Dann müsste ich in Zukunft nicht mehr warten. Keine Entschleunigung mehr? Niemals! Feierabend. Schöppche trinke.

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