Sie war ja gar nicht blond!

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Als natürliches und bescheidenes Mädchen beschrieben sie seinerzeit die Vertreter der Presse. Gisela Koch wollte nie, dass viel Wind um ihre Person gemacht wird. Und dennoch kam sie da nicht drum herum. Bei den Ämtern, die sie zwischen 1949 und 1952 innehatte, war das unmöglich. Koch war die erste Loreley, sie war Mittelrheinweinkönigin, und sie war Deutsche Weinkönigin. Ganz schön viel Rummel für eine junge Frau aus St. Goarshausen, die sich eigentlich eher davor scheute, vor Menschen zu sprechen. Nicht etwa, weil sie schüchtern war, sondern wegen ihres ausgeprägten Dialekts. Man erwartete Ansprachen auf Hochdeutsch von ihr.

Isabell Colonius, Kochs Tochter, stellt eine große rosafarbene Kiste auf den Tisch ihres Restaurants „Zum Schiffchen“. Darin sind unzählige Zeitungsartikel und Fotos gestapelt. Die meisten in schwarz-weiß. Gemeinsam breiten wir sie auf dem Tisch aus. Eine touristische Broschüre aus Dänemark ist dabei. Oder eine Ausgabe des US-amerikanischen Magazins „Stars and Stripes“. Sie alle haben eines gemeinsam: In ihnen ist Gisela Koch abgebildet. Das „deutsche Vorzeigemädchen“, die erste „Lorelei“. Damals schrieb man den Namen noch mit „ei“ am Ende. Sie war die Repräsentantin einer ganzen Region, besonders aber des berühmten Loreley-Felsens, der früher wie heute Menschen auf der ganzen Welt ein Begriff ist.

Erfunden hat die Loreley Gisela Kochs Vater – gemeinsam mit einigen Freunden. Also nicht die Sagengestalt, sondern die Repräsentantin. Nach dem Zweiten Weltkrieg überlegten sie, wie man der Region wieder einen Schwung nach vorn geben konnte. Und was war da naheliegender, als die eigene Tochter kurzum zur Loreley zu küren. „Dat Gisela kann ja die Loreley machen“, hieß es. Da war sie gerade 18 Jahre alt. Passend dazu gab es auch ein Loreley-Fest. „Es war okay für meine Mutter, das zu machen. Wahrscheinlich hat mein Großvater sie aber schon ein bisschen dazu überredet“, glaubt Isabell Colonius. Genau wissen tut sie es nicht, denn ihre Mutter hat wenig über ihre Zeit als Loreley gesprochen. Von ihrer Zeit als Mittelrhein- und Deutsche Weinkönigin hat sie mehr erzählt. Wahrscheinlich weil es da einfach mehr zu erzählen gab. Immerhin führten sie diese Ämter bis nach Berlin oder Hamburg, was in der Nachkriegszeit einer kleinen Weltreise glich. Als Loreley hingegen war sie vor allem auf Veranstaltungen in der Region vertreten.

„Viele Leute wollten gern ein Foto mit ihr machen“, erinnert sich Kochs Tochter. Sie hat auch viel Fanpost bekommen, darunter Liebesbriefe und sogar Heiratsanträge. Kein Wunder, die junge Loreley war ein echter Blickfang. Wie sie dort auf dem Felsen posiert, den Blick in die Ferne schweifen lässt und ihr langes, schwarzes Haar kämt. Moment mal! Schwarzes Haar?! Sie war also gar nicht blond?! Ganz recht, Gisela Koch hatte schwarze Haare. Genau so wie übrigens auch andere Loreley-Repräsentantinnen nach ihr. 24 gab es insgesamt zwischen 1950 und heute. Seit Mitte dieses Jahres bekleidet Tasmin Sophie Fetz aus Dörscheid das Amt. Sie wiederum ist blond.

„Es ging wohl damals vor allem um die langen Haare, ob blond oder schwarz war da egal“, glaubt Isabell Colonius. Und lang waren Gisela Kochs Haare wahrlich. Sie reichten ihr, wenn ich das auf den Fotos richtig abschätzen kann, mindestens bis zur Hüfte. Ein englischsprachiger Zeitungsbericht schreibt von „40-inch locks“, also 100 Zentimeter langen Haaren. Wahnsinn! Der Gedanke an diese Haarpracht brachte seinerzeit sicher den ein oder anderen Mann ins Schwitzen. Und vielleicht auch so manche Frau, bei dem Gedanken, diese Mähne kämmen und pflegen zu müssen. Ob der goldene Kamm der Loreley deswegen bewusst so überdimensioniert ist?

Geheiratet hat Gisela Koch aber keinen der US-amerikanischen GIs oder einen der anderen Männer, die ihr per Liebesbrief ihre Aufwartung machten, sondern einen Mann aus St. Goarshausen. Das war 1954. Im jungen Alter von 23 Jahren stieg sie in dessen Hotelbetrieb ein und trug von dort an dessen Nachnamen: Colonius. Das Hotel Colonius existiert noch heute und wird von ihrem Sohn Carl betrieben. Ihre Tochter Isabell Colonius hat das Restaurant der Familie Koch, das „Zum Schiffchen“, übernommen – sie führt es mittlerweile in der siebten Generation.

Während ihrer Zeit als Loreley und Weinkönigin musste Gisela Koch übrigens vieles selbst organisieren. „Heute bekäme man in so manchem Amt wahrscheinlich einen Dienstwagen gestellt, früher sah das ganz anders aus“, sagt Isabell Colonius. Längst nicht jeder hatte in der Nachkriegs- und Besatzungszeit ein eigenes Auto. Da musste Koch sich immer wieder umhören, wessen Auto im Familien- und Freundeskreis frei war, um zu einem der vielen Termine zu fahren. „Für die Fahrer war es zu dieser Zeit hingegen ja auch etwas Besonderes, meine Mutter zu Veranstaltungen zu begleiten“, sagt ihre Tochter.

„Ach Gott, geh’n se weg, Reisen! Nach der Währungsreform gab’s doch kaum Geld für die Fahrt nach Mainz! Nach Hamburg, das war eine Weltreise für mich“, hat Gisela Koch mal in einem Interview erzählt. So etwas wie Spesen gab es damals ebenfalls nicht. Und die teuren Trachtenkleider musste die Familie Koch auch selbst zahlen. „Eines dieser Kleider ist heute im Besitz eines Koblenzer Museums“, erinnert sich Isabell Colonius.

Vor allem in ihrer Funktion als Deutsche Weinkönigin lernte Gisela Koch auch bald die Strapazen des Amtes kennen. Sie war fast jedes Wochenende unterwegs. Als Loreley hingegen war das seinerzeit wesentlich entspannter, da ging sie mal eben für einen Fototermin auf den nahe gelegenen Felsen hinauf. Und so erfüllte die junge Frau aus St. Goarshausen zwar all ihre Aufgaben und Pflichten gern, letztlich war sie aber auch nicht böse drum, als der Rummel um sie vorbei war.

 

Und hier die Fotos zum Durchklicken:

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