St. Goar – mehr als eine Erinnerung

von

Kuckucksuhren, Leinenkleider und 1000 Teekannen

Als ich nach St. Goar komme, ist mein erster Gedanke „So präsentiert sich also Deutschland.“ Eine kleine Fußgängerzone, in der es mehr Eisdielen als Lebensmittelgeschäfte gibt (3:1), einige Souvenirläden, Leinenkleider, Ketten aus Mineralsteinen und Weinstuben. Es sind vor allem die Souvenirläden, die diesen – ja, teils oberflächlichen – Gedanken hervorrufen.

Da stehe ich nun also vor einem solchen Laden, den ich im Ausland wahrscheinlich nicht betreten würde, und denke mir: „Wieso nicht?!“ Jeder Ort hat etwas zu erzählen, das meine ich keinesfalls scherzhaft, und so gehe ich hinein.

Es zwitschert, klingelt und alle drei Minuten kommt ein Vogel aus einem der Häuschen. Er macht die typischen „Kuckuck–Kuckuck“-Rufe und zieht sich dann schnell wieder zurück. Die Klangwelt versetzt mich für einen Moment in ein Aviarium und ich stelle mir vor, wie die Bewohner der mühevoll verzierten Uhren nach Ladenschluss in dem riesigen Vogelkäfig umherfliegen – ein buntes Treiben.

Mein Blick wandert weiter: Es gibt Steingut-Bierkrüge mit kobaltblauen Mustern, Schneekugeln, Wein aus den hiesigen Anbaugebieten und selbst gemachtes Gelee. Auch skurrile Anhänger und andere Kleinigkeiten kann man kaufen. Die Varietät und Menge des Sortiments überfordert mich, aber das ist okay so.

Ich möchte wissen, welches das meist gekaufte Souvenir ist. Stefan, der Inhaber, zeigt auf die Kuckucksuhren. Bei der Fülle hätte ich eigentlich alleine drauf kommen können – Angebot und Nachfrage eben.

„Die Souvenirs, die man hier kaufen kann, bilden eher dieses „Klischee“ von Deutschland ab und nicht das Mittelrheintal, oder?“, frage ich vorsichtig.
„Ja“, sagt Stefan. Das liege daran, dass sich das Reiseverhalten verändert habe. Früher seien die Touristen in zwei Wochen durch Deutschland gereist, heute planten sie acht Tage für Europa ein. Das heißt, sie sind vielleicht einen Tag in Deutschland. Davon verbringen sie ein paar Stunden auf dem Mittelrhein und danach geht es weiter nach München ins Hofbräuhaus. Und während eines kurzen Aufenthaltes möchte man eben dieses Landestypische kaufen – egal wo.

Die Kuckucksuhren kommen aus dem Schwarzwald, die Weihnachtspyramiden aus dem Erzgebirge und in einem Regal entdecke ich dann noch russische Matroschkas. Stefan lacht, als ich auf sie zeige, „Ja, die gefallen den Touristen auch gut.“

Die Souvenirverkäufe seien in den vergangenen Jahrzehnten stark rückläufig. Viele Läden mussten in St. Goar schließen, erzählt mir Stefan. Vor 30 Jahren habe man zehn bis fünfzehn Kuckucksuhren am Tag verkauft (der Preis liegt zwischen 60 und 500 Euro), aber das sei auch vor seiner Zeit gewesen. Heute sei das nicht mehr so, dafür habe er viele Bestandskunden. Und er betreibt einen Webshop. Kundenorientiert arbeiten heißt es auch hier.

Ich schaue mich noch einen Moment um und verabschiede mich dann von Stefan und seiner bunten Souvenirwelt, um durch die Fußgängerzone zu flanieren.

Vor einer Bäckerei bleibe ich stehen – auch weil ich Hunger habe – viel mehr zieht mich jedoch das Interieur an. An allen Wänden befindet sich etwa einen Meter unterhalb der Decke ein Regal, auf dem Kaffeekannen stehen. Die Kannen scheinen das ganze Café zu durchfließen.

Jan, der Besitzer der Bäckerei, sammelt Kaffeekannen. Seit über 12 Jahren reiht er sie nebeneinander auf. Begonnen habe alles mit dem Nachlass seiner Großmutter, sagt er mir. Danach sei eine nach der anderen hinzugekommen. Mittlerweile stünden im Café über 400 Stück. 1000 habe er insgesamt.

Die Kannen würde Jan gerne spenden, zum Beispiel einer Krebshilfe. Doch solange er nicht nichts Fixes habe, sammle er weiter.

Ich frage mich, ob es so einfach ist, etwas, das man so lange gesammelt hat, wieder abzugeben. Erzählt doch jede Kaffeekanne ihre eigene Geschichte, bringt eine Erinnerung mit. Auf der anderen Seite gibt es diese Idee, dass wir uns als die Hüter der Dinge betrachten sollen, dann fällt das Loslassen natürlich leichter. Na ja.

„Eine Kaffeekanne ist zum Beispiel von einer Touristin aus Japan. Und diese kommt eigentlich aus der DDR, wurde mir aber aus Kroatien mitgebracht“, sagt Jan und deutet auf eine Kanne im Regal.
„Schon interessant, da macht so ein Gegenstand erst eine halbe Weltreise, bis er wieder nach Deutschland kommt.“

An welchen Orten sie wohl gestanden haben, welche Hände sie berührt haben? Erzählen können die Kaffeekannen es leider nicht, aber mir gefällt das poetische Bild, das sie hinterlassen.

Und vielleicht ergeht es dem ein oder anderen Gegenstand, den man aus dem Souvenirgeschäft mitbringt, genauso und irgendwo hat jemand eine Bar mit lauter Schneekugeln über die sich gerade jemand wundert.

5 Kommentare

  • Zum Kuckuck, wie sich das ehemalige Kreisstädt verändert hat.
    Heute fühle ich mich vertraut `“fremd“ dort, obwohl ich dort meine ersten 9 Jahre und teilweise meine wilde Jugend verbracht habe. Durch Deine Erzählungen blättert sich ein inneres Poesiealbum auf, was mir Geschäfte,lokale Infrastruktur und Menschen zeigt, die die Dinge für den alltäglichen Gebrauch und die Gemeinschaft liebenswert verkörpert haben.
    Über Jahrzenhnte wanderten die „Jungen“ab, die „ALTEN“ verkaufen nowadays z.T. Chinaplastikscheiß…es lebe die Rheinromantik im Freilichtmuseum.mit freundlichen Grüßen
    Christiane K. aus Ko

  • Ralph - Dietmar Henoch says:

    In dem Artikel ist ein Fehler. Es gibt einen Lebensmittelladen; er ist zwar klein und liegt mitten in der Fußgängerzone. Es istr der Stadtladen.

  • Shan Dark says:

    Ich finde du schreibst gut und interessant – das waren zwei schöne Geschichten aus St. Goar. Aber ich muss gestehen: mir fehlen die Bilder, z.B. zum Kannenregal. So schwer kann’s ja eigentlich nicht sein… ;)

    • Alexander S. says:

      Ein paar Bilder fehlen mir auch. Oder eine zweite Zeichnung um das geschriebene sich besser vorstellen zu können.

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