Stabilitas: in Bewegung gehalten. Ein Besuch in St. Hildegard, Eibingen

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Ein heller Klang durchflutet den Raum. Ihre Stimmen sind eindringlich, gehen unter die Haut, lassen Schmerz und Freude entstehen – um das zu fühlen muss man kein Gläubiger, kein Christ sein. Es ist 12 Uhr und ich befinde mich in der Mittagshore, dem Stundengebet der Abteikirche St. Hildegard in Eibingen, einem Ortsteil von Rüdesheim am Rhein.

Wir alle haben unsere Schubladenschränke voller Vorurteile, ich selbst kann mich davon auch nicht freisprechen. Die über Nonnen könnten ungefähr so aussehen:
a) ältere Mütterchen, gutgläubig, weltfremd, im Garten arbeitend und betend
b) einsame, junge Frau, keinen Mann gefunden, gut im Kloster aufgehoben

Es ließen sich bestimmt noch weitere Schubladen finden, eines würde sich immer wiederholen: Frauen, die keine Ahnung von unserem säkularen, weltlichen – vor allem aber – „richtigen“ Leben haben.

Das Benediktinerinnen-Kloster ist alles andere als ein verklärt klerikaler Ort. Es gibt Schwestern, die in der Finanzbranche in Frankfurt arbeiten und welche, die eine IT-Ausbildung haben, die Tageszeitung liegt auf dem Tisch und man, respektive „Frau“, ist politisch aktiv.

Ich sitze im Klostercafé und bin mit Schwester Gisela verabredet. Noch ist nicht viel los. Zwei Wanderer, die den Rheinsteig entlang gehen, breiten ihre Karten auf dem Tisch aus, um die nächste Etappe zu besprechen. Hin und wieder kommen ein paar ältere Menschen herein, um sich einen Kaffee und ein Stück Himbeerkuchen zu kaufen.
Als Schwester Gisela hinter der Theke erscheint, wandert ihr Blick zunächst auf mich, dann auf ihre Uhr am Handgelenk. „Kommen Sie, wir haben nicht viel Zeit!“

Schwester Gisela, die seit 47 Jahren in der Benediktinerinnenabtei in Eibingen lebt, ist eine „Altachtundsechzigerin“, wie sie selbst sagt. 1970 hat sie Abitur gemacht. Sie trägt das typische Habit der Ordensschwestern und wenn sie spricht, tut sie das schnell und präzise, immer mit einer herzlichen Direktheit.

Ich möchte von ihr wissen, wie ihr Arbeitsalltag aussieht. Ich wurde vorgewarnt, wusste, dass die Schwestern hier einen straffen Tag haben. Wie straff – das wusste ich nicht.
„Es gibt verschiedene Arbeitsalltage. Wir sind 44 Frauen, die alle stark eingebunden sind.“ Den Schwestern gehöre das Gebäude, dieses müsse unterhalten werden. Alleine das Dach habe über 6000 Quadratmeter Fläche und der Denkmalschutz sei kein Freund von schnellen Umbauten. Die freie Zeit sei knapp.

Während ich mit Schwester Gisela spreche, klingelt ihr Handy. Es gibt Fragen zum Klostercafé, dessen Leiterin sie ist, und Fragen zu einer Reisegruppe, die bald eintreffen wird. Um uns herum nimmt der Betrieb zu. Geschirr klimpert und die Gespräche werden lauter.

Der Tag im Kloster werde vom Chorgebet strukturiert, sagt sie. Ansonsten finde hier normaler Erwerbsbetrieb statt: Es gibt Weinbau, eine Buch-und Kunsthandlung, eine Keramikwerkstatt, eine Goldschmiede, ein Restaurierungsatelier für kirchliche Archivalien sowie ein integratives Café, das mal ein Inklusionsbetrieb werden soll, und ein Gästehaus. Ganz schön viel, denke ich.

Eigentlich ist Schwester Gisela im Rentenalter, sie habe die Verwaltung 18 Jahre geleitet, 10 Jahre als Priorin, dann ging sie für 16 Jahre nach Paris als Generalsekretärin der AIM (Alliance Inter-Monastère). Vor zwei Jahren ist sie dann zurückgekommen und leitet seitdem das Klostercafé.

Warum entscheidet man sich für ein Leben im Kloster?

Schwester Gisela ist Gastwirtstochter, eine wahre Hessin, sagt sie. Mit 14 oder 15 Jahren kam der Gedanke, dass es mehr gebe im Leben als drei Autos, zwei Häuser. Und dann war da auch mal das erste Rauschgift. Sie lacht, nun ja, sie gehöre eben zu den 68ern. Einen Freund habe sie auch gehabt. Doch die Frage nach dem „mehr“ war immer da, woher diese Frage komme, das wisse sie nicht. „Das kann ich nicht erklären.“

Ein Gemeinschaftskunde-Lehrer habe mal gesagt: „Alle Religion ist Erziehung“. Aber das sei Quatsch, ihr Bruder im gleichen sozialen Milieu aufgewachsen, mit der gleichen Erziehung, war Rechtsanwalt und kein Glaubensbruder.

Sie habe sich zwar schon früh für Klöster interessiert, wollte jedoch zunächst Sozialpädagogik studieren oder Lehrerin werden. Mit 17 Jahren habe sie dann Eibingen und das Kloster der Benediktinerinnen kennengelernt.
„Wenn Sie mal wirklich verliebt waren, können Sie nicht sagen, das liegt an den braunen Haaren, daran dass derjenige Hard Rock hört oder Goethe liest. Man kann nicht erklären, warum zwei Menschen sich lieben.“ Und so sei das auch mit ihrer Berufung gewesen, das komme aus dem Herzen. Vier Jahre musste sie gegen den Widerstand ihrer Umwelt, ihrer Eltern, ankämpfen, denn damals wurde man erst mit 21 Jahren volljährig.

„Irgendwo leben wir alle von diesem Geschenk, das unser Leben ist, und im benediktinischen Leben gebe ich etwas davon an den Schöpfer zurück.“ Das könne man natürlich nicht messen – wie auch? „Wir haben heute 30 Prozent lang gebetet, dass Trump nicht mehr gewählt wird?!“, grinst sie.
Aber so sei es ja generell, der essentielle Teil unseres Lebens ist nicht messbar. Ja, wie Liebe, Freundschaft oder Familie, denke ich. Das, was uns eben ausmacht.

Die Abtei habe zum Beispiel Flüchtlingsfamilien aufgenommen. Natürlich sei das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Schwester Gisela. „Aber wenn ich eine Winzigkeit mithelfe, macht das zumindest die Welt ein Stück weit besser.“
Und bereut habe sie ihren Schritt ins Kloster nie. Natürlich gab es auch Enttäuschungen in den 47 Jahren, aber die gehören zum Leben dazu.

„Haben sich die Suchenden oder die Fragen derjenigen, die ins Kloster kommen geändert?“, möchte ich von ihr wissen. Kirchenrückgänge sind in Deutschland zu verzeichnen, die Suche nach Spiritualität im Leben keinesfalls. Manchmal hat man das Gefühl, alles wird zur Ersatzreligion.

Menschen in Not, die Trauerseelsorge, typische Lebensfragen – das sei gleich geblieben, sagt Schwester Gisela. Was sich geändert habe: Der Eintritt ins Kloster. Die junge Frau, die mit Anfang Zwanzig wisse, sie gehe ins Kloster, gebe es nur noch sehr selten. Dafür kämen häufiger Frauen im mittleren Alter, nach einer Lebenskrise oder einer gescheiterten Ehe.

„Und es kommen mehr Frauen mit psychischen Problemen, die meinen, das Kloster sei ihr Rettungshafen“, sagt Schwester Gisela nachdenklich, „das ist leider nicht machbar.“ Ein Kloster sei keine Psychiatrie, zudem gebe es das straff strukturierte Gemeinschaftsleben der Schwestern, in der jede ihre Pflichten zu erfüllen habe. „Wir sind über 40 Leute auf einem Haufen aller Altersstufen, aller Charaktere, aller Bildungsstände. Kommen von Bayern bis Kiel, aus Kroatien, Ungarn, Dänemark.“ Trotz des Glaubens sei das hier eine menschliche Gemeinschaft, fügt sie an.

„Der Glaube ist die Basis. Doch das Zusammenleben ist ähnlich einer WG oder einer Kommune, wenn eine nicht gerne putzt oder nicht kochen möchte, dann ist der Ärger vorprogrammiert.“ Direktheit und Kritikfähigkeit sei in der Abtei daher wichtig.

Aus diesem Grund durchläuft eine Schwester bis zu ihrer letzten Bindung auch mehrere Stufen: Die Anwärterinnen beginnen mit einem Besuch von drei bis vier Wochen, danach kommt die Phase der Postulantin (Postulare = anklopfen), die sechs bis zwölf Monate andauert. In dieser Zeit lebt man mit in der Gemeinschaft, geht mit durch den Alltag, den normalen Rhythmus eben, nur ohne den Habit, die Tracht der Ordensgemeinschaft. Beide Seiten schauen in dieser Zeit, ob es für sie passt. „Man kann gehen oder geschickt werden“, sagt Schwester Gisela. Nach der Postulantinnen-Zeit beginnt das zweijährige Noviziat, die Probezeit der Novizen, nun im Ordensgewand. Der endgültige Profess finde frühestens nach sechs Jahren statt, so Schwester Gisela.

Was bedeutet es Benediktinerin zu sein?

Ein Grundtenor, sei die Discretio – „Die maßvolle Unterscheidung“, lächelt sie mich an. Das hatte Benedikt im schon im 6. Jahrhundert gesagt. Das könne man für das ganze Leben verstehen: „Schauen Sie sich die Welt an, wir haben über unser Maß gelebt, die Erde ist erschöpft.“
„Der Mensch versucht’s, scheitert aber“, sage ich.
„Manchmal denke ich, ich bin froh, dass ich schon so alt bin“, meint Schwester Gisela. Zukunftsängste hatte sie nie, jetzt habe sie manchmal welche.
„Unser Klima haben wir größtenteils schon zerstört, aber was mir viel mehr Angst macht, ist der Rechtsruck!“ Der Populismus, der überall wiederkomme.
„Irgendwann müsse die Menschheit doch mal etwas gelernt haben“, fügt sie an.
„Traurigerweise nicht.“
„Das Kloster hier wurde damals von den Nazis aufgelöst. Von jedem diktatorischen System werden solche Orte sofort aufgelöst.“ Was sie am meisten schockiert habe: In dem kleinen Ort Eibingen liege die AfD bei 11%.
„Ich als kontemplative, katholische Nonne kann da nicht still sein, ich muss rausgehen, muss meine Fassungslosigkeit über diese populistischen Züge unserer Gesellschaft mitteilen.“ Normalweise konsumiere sie in Facebook nur, sagt Schwester Gisela, doch da wäre es an der Zeit gewesen, selbst zu handeln.

Ich habe das Gefühl, Schwester Gisela steht mit beiden Füßen auf dem Boden und ist politisch aktiver als so mancher Missionarsveganer.
Sie lacht: „Wissen Sie, das ist nicht unbedingt das Bild, was viele von uns Schwestern haben.“ Das stimmt, denke ich.
„Nur weil man ein Gewand trägt, ist man noch lange nicht heilig“, fügt sie an.
„Wir machen in der Kirche oft so viele Worte, die kein Mensch mehr versteht – die so weit weg von dem sind, was Sie und mich betrifft. Worte, die letztlich nichts mehr aussagen.“

Zum Benediktinerinnen-Dasein gehöre es natürlich auch, unverheiratet zu sein und in Armut zu leben. Doch Armut sei relativ, sagt sie, ihnen gehe es doch hier gut.

Und dann gebe es da noch die Stabilitas loci – die „Ortsbeständigkeit“. Als Benediktiner tritt man in ein Kloster ein und bleibt dort von seinem Eintritt bis zu seinem Tod. Man bleibt an einem Ort, in einer Gemeinschaft, ein Leben lang. Kaum vorstellbar, ein totaler Gegenentwurf zu unserem heutigen Leben, sage ich. Und Schwester Gisela stimmt mir zu. Aber man sieht: „Es ist möglich.“ Natürlich sei das Bleiben nicht immer einfach. „Wir leben in einer Zeit mit einer ungeheuren Mobilität. Es gibt nur Lebensabschnittspartner, beruflich muss man alle paar Jahre den Ort wechseln. Früher wurde man verwundert angesehen, wenn man mehr als fünf Arbeitsplätze im Lebenslauf hatte, heute passiert es, wenn es nicht mehr als zehn sind“, sagt Schwester Gisela. Es gebe kaum Beständigkeit.

„Man kann aber auch etwas bewegen, wenn man bleibt“ fügt sie an. „Nur ein verwurzelter Baum, trägt eine tolle Krone.“ Natürlich sei nicht jeder dafür gemacht, aber es sei eben möglich.
Dabei bedeute Beständigkeit und Bleiben auf keinen Fall Starrheit.
„Tradi soll man natürlich nicht werden!“
„Tradi?“
„Traditionalist.“
Stabilitat loci könne man auch sehen als in „Bewegung gehalten.“

„Bon“, schließt Schwester Gisela ab, das sei doch jetzt ein schönes Schlusswort. Sie umarmt mich zum Abschied fest und ich breche auf zur Mittagshore.

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