Steeger Fellpflege

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Ja, es wurde viel gemäht beim Aktionstags „Mähen und Streichen“ in Bacharach-Steeg

Ein Dorf putzt sich. Und seine Seele. Warum neulich 30 Freiwillige in Bacharach-Steeg die Wege freigeräumt haben. Und dabei die Grenzen einer Gemütsgemarkung überwanden

Wir hören hier kein Nein“, diesen schönen Satz sagt Nicole Lazar, wenn man sie fragt, wie sie die vielen Ehrenamtlichen zum Putzen und Aufräumen motiviert hat. Überreden musste sie keinen, es machen einfach alle mit, wenn die 37-Jährige ruft. Gut 30 Ja-Sager hat sie am Wochenende zusammengetrommelt. Für die Aktion „Mähen und Fegen“ in Bacharach-Steeg.

Der Aktionstag ist Teil eines Programms, dass sich die Dorfbewohner selbst verpasst haben. „Zukunftsfähiges Steeg – In Steeg wohnen und leben“ ist der sperrige Titel. Ein Blogleser hatte mich auf den Termin hingewiesen, ein Kommentator hatte sogleich spöttisch darunter vermerkt: „Was soll denn noch alles gemäht werden?“ Das klang für mich nach einer interessanten Gelegenheit, irgendwo zwischen Putzwahn und „Unser-Dorf-soll-schöner-werden“-Singsang etwas über die Menschen hier zu lernen. Also habe ich mich auf den Weg gemacht heraus zu finden, warum die Steeger so fleißig gruschteln, hacken und mähen (vom Streichen hab ich nichts gesehen).

Nicole Lazar ist an diesem Vormittag in ihrem Element. Die Kita-Leiterin hat den Aktionstag gemeinsam mit ihrem Vater nun schon zum sechsten Mal organisiert. Angefangen hatte es damit, dass irgendjemand sagte: „Man müsste mal wieder mähen…“ Doch anstatt auf die untätige Gemeinde zu schimpfen, packten die Leute mit an. Jäten, rupfen, sensen – jeder Halm, der im Weg steht, wird heute niedergemacht. Und wer nicht mehr draußen im Wald schaffen kann, der backt einen Kuchen, um die Helfer zu unterstützen. Warum das alles? „Wenn wir das nicht machen, macht’s keiner“, sagt Nicole Lazar.

Sie nimmt mich mit zur Burgruine Stahlberg. Dort riecht es nach frisch gemähtem Gras, im ganzen Tal kann man die Gartengeräte röhren hören. Vorher waren hier überall Dornen und Gestrüpp, jetzt ist die Ruine gut begehbar. Nicole Lazar kommt ins Schwärmen, wenn sie von der Stahlberg redet (im Gegensatz zur schmucken Bacharacher Jugendherbergs-Burg Stahleck liegt diese Ruine recht verlassen auf einem Hügel). Auch ein Grund, warum hier gerade alle so fleißig werkeln: Am 31. Mai soll ein neuer Premiumwanderweg eingeweiht werden. Die Schilder hängen schon an den Bäumen, die Ministerin hat sich angekündigt. Und deshalb geht ganz Steeg in die Mauser und putzt sich heraus.

Nicole Lazar will sich einbringen in ihr Dorf. Es liegt ihr am Herzen. 580 Einwohner leben hier laut Lazar. Zum Nachbarort Bacharach mit seinen 1884 Einwohnern ist es nicht weit. Die kommunale Selbstverwaltung ist in so genannten Nachbarschaften organisiert. Man kümmert sich umeinander. Nicole Lazar schaut vom eingestürzten Bergfried der Ruine auf die bewaldeten Hügel. „Das Dorf bietet Schutz und Heimeligkeit, aber es kann auch ganz schon eng werden im Tal. Dann müssen wir es eben frei machen.“

Die Sache mit der Enge hat aber nicht nur mit dem Wald und dem Unkraut zu tun. Nein, in Bacharach-Steeg legt man auch Wert darauf, dass man nicht mit Bacharach in einen Topf geworfen wird. Die Steeger reklamieren für sich eine eigene Mentalität. Selbst junge Leute rechtfertigen die Animositäten zwischen den Orten mit Jahrhunderte alten Gepflogenheiten. Nicole Lazar erzählt, dass in Steeg früher Landwirte, Bauern und Winzer lebten. Deren Kinder gingen zum Arbeiten in die Stadt Bacharach, in die Häuser der reicheren Kaufleute. „Das ist jetzt ein paar Jahrhunderte her, könnte man meinen“, sagt Nicole Lazar. „Aber ganz kriegst du dieses Denken nicht aus den Köpfen, dieses kollektive Unterbewusstsein vererbt sich weiter.“

Die Überbleibsel dieser Gemütsgemarkung lassen sich noch heute beobachten. Um 13 Uhr verstummen die Traktoren und Rasenmäher. Man kehrt ins Dorfgemeinschaftshaus ein, hier hat eine Helfergruppe das Mittagessen vorbereitet. Doch vor dem warmen Essen gibt es warme Worte. Man klopft sich gegenseitig auf die Schulter, weil man heute etwas für die Zukunft des Dorfes getan hat. Und dann – in einem Moment der Großzügigkeit – wird gesagt:„Besonders wollen wir uns bedanken, bei den zwei Helfern, die sogar aus Bacharach gekommen sind!“ Man klatscht tatsächlich. Applaus für die Aliens von nebenan!

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Alle sind angerückt zum Aktionstag. Und unter den 30 freiwilligen Helfern in Bacharach-Steeg wurden tatsächlich zwei Bacharacher gesichtet.

 

5 Kommentare

  • Alexander Musik says:

    Hallo Jessica,

    die unsichtbare Grenze zwischen Steeg und Bacharach läßt sich auch prima beim Karneval erleben: Die dargebotenen Sketche im DGH kreisen nicht nur um den Unterleibsbereich, sondern auch um die Bacharacher. Zugereiste (wie uns) macht das Staunen …

    • Tim says:

      Ähm….es geht um Karneval!? Schon mal Mainzer Fastnachtssitzung gesehen? Mombach vs. Finthen zum Beispiel?! Das ist bei uns nix anderes! Und Bacharach hat auch einige Reden über Steeger gehalten. Nicht so lustig wie unsere Beiträge aber für Bacharach schon nicht schlecht! ;-) Und solange sich unsere Vereine noch gegenseitig auf den Sitzungen besuchen ist doch alles gut, oder? Also nicht alles zu ernst nehmen, schon gar nicht wenn`s um Karneval geht. Helau!

  • Der Linke says:

    Ein weiteres Ziel im nahen Rheintal, das ich noch nicht kannte. Danke für den Tipp!

  • Friederike says:

    Kommt mir sehr vertraut vor. Es gibt wohl so Sachen, die sind überall ähnlich auf dem Land. Das ehrenamtliche Engagement in der vermeintlichen Provinz beeindruckt mich immer wieder.

  • Eleonore says:

    Toller, sehr treffend formulierter Beitrag, der wunderbar empathisch die Mentalität der Leute hier lebendig werden lässt. Weiter so! (Das „auch“ in der drittletzten Zeile soll vermutlich „aus“ heißen.) Hat mir jedenfalls super gefallen!