Steinreich: Künstler formt Poesie aus Mittelrhein-Kiesel

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„Hier sieht es nicht immer so aus!“, ruft Detlef Kleinen hastig und eilt auf mich zu. Sein blaues Hemd hat er bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, darüber trägt er Hosenträger, die Hände stemmt er in die Hüften. Seine dunkelblonden Locken fallen ihm zerzaust um den Kopf.

Detlef Kleinen ist Künstler. Er sammelt Steine und Kiesel aus dem Mittelrhein und erschafft daraus Kunstwerke.
Seit acht Jahren lebt der 64-jährige in St. Goarshausen. Sein Atelier in der Bahnhofstraße befindet sich in einer ehemaligen Ladenfläche, Schaufenster und Atelier in einem. In den meisten Großstädten würden ihn die Künstler um diese „Produzentengalerie“ beneiden.

Ich stehe in seinem Atelier und befinde mich gleichzeitig in einem Sammelsurium, einem Fundbüro skurriler Dinge, einem Mixtum compositum: Überall stehen Kisten, aus denen Zeitungen und Zeitschriften herausquellen. Dazwischen Gläser mit Vogelfedern, ein Haufen voller Treibholz, ein Mammut-Milchzahn, eine Vitrine mit einem Weißkopfseeadler-Ei darin und Steine. Jede Menge Steine, 16 Jahre Mittelrhein in Kieseln verschiedener Größen und mittendrin seine Kunstwerke.

Seine Faszination für Steine habe angefangen, als Detlef etwa acht Jahre alt war.
„Damals hatte ich einen Fisch in einem großen Glas, der sollte es gemütlich haben, also habe ich ihm ein paar Steine dazu gelegt.“ Durch den Lupeneffekt von Glas und Wasser habe er bei einem Stein einen Muschelabdruck entdeckt.
„Da wollte ich wissen: wie kommt die Muschel in den Stein?“
Dieser Stein hängt heute in einem kleinen Rahmen in seiner Werkstatt.

Wenn Detlef von seinen Kieseln spricht, legt sich die Begeisterung des achtjährigen Jungen über sein Gesicht. „Jeder Rheinkilometer hat bestimmtes Steinmaterial“, sagt er und deutet auf milchig, weiße Kiesel: „Die hellen Steine sind 500 km gereist. Das ist schweizer Muschelkalk. Die findest du bei Bingen.“ Danach sei die Strömung schneller, der Kalk in den Steinen wasche sich heraus. „Der typische Mittelrheinkiesel ist dunkler.“ Die Kiesel habe er in Stufen von eins bis zehn eingeteilt: eins für die kleinen, feinen Kiesel, zehn für die großen und gröberen. Ich komme nicht umhin, die feinen, dunklen Kiesel zu berühren.
„Sie sind beinahe weich – irgendwie samtartig“, sehe ich ihn verwundert an.
„Ja“, lächelt er.

Detlefs Arbeiten sind Poesie aus Steinen. Es gibt Werke von Künstlern, die erschließen sich einem sofort. Die sind laut oder so klar, dass man einen vermeintlichen Subtext sucht. Für Detlefs Arbeiten muss man sich selbst zurücknehmen, sich Zeit nehmen, sie wirken lassen. Vielleicht hat das auch etwas mit dem Material zu tun. Dem Stein.
Bei Steinen hat man zunächst etwas Massives, Schweres und Statisches vor Augen. Detlef schafft es den Stein, die Kiesel so zu verwenden, dass sie Bewegung und Spiel erzeugen. Irgendwie leicht und dynamisch werden.

„Von der Pike auf gelernt habe ich das nicht.“ Zunächst sei er Zahntechniker gewesen, mit 47 Jahren kam dann der Aufbruch, der Neustart sozusagen. Unterstützt habe ihn vor allem seine Frau. Ohne sie hätte er den Sprung ins kalte Wasser nicht gewagt, sagt er.
Als Künstler produziere man ja nicht nur seine eigenen Werke, sondern müsse gleichzeitig auch Marketing und Finanzen beherrschen. „Das war vollkommenes Neuland für mich“, sagt Detlef. Preise für die eigenen Werke festzulegen, sei natürlich schwer gewesen: „Wie bemisst man einen Preis für eine Arbeit an der man über ein Jahr gearbeitet hat?“

Mit seiner Kunst Geld verdienen, das habe er sich nicht vorstellen können. Im Boesner, einem Markt für Künstlerbedarf, entdeckt er damals eine Broschüre in der steht, die härteste Prüfung für den Künstler sei die Öffentlichkeit. Dieser stellt sich Detlef, er geht in die Öffentlichkeit. Mit einem Bauchladen platziert er sich 2005 am Römer, dem Rathaus in Frankfurt. Dort will er seine Steinkunstwerke verkaufen.
„Ich hatte einen wahnsinnigen Respekt davor.“
„Es ist wie die Hosen runterlassen, sich blank machen“, sage ich.
„Ja, genau. Aber ich wollte, nein, musste es wissen: wie kommt’s an?!“
„Und?“
„Nach zwei Tagen waren die meisten meiner Arbeiten weg! Verkauft“, sagt er überwältigt, als wäre es gestern gewesen.

Als Autodidakt muss man sich noch einmal ganz anders beweisen, das Zertifikat „Kunsthochschule“ liege nicht vor, meint Detlef. Dann sei man schnell als Kunsthandwerker oder Kleinkünstler abgestempelt.
Eine Galerie käme für ihn nicht in Frage, die Knebelverträge wolle er nicht und außerdem sei er schon zu alt. „Die wollen nur Künstler bis 40 Jahre. Die können sie nämlich noch formen.“
Eine Galerie braucht Detlef mittlerweile aber auch nicht mehr, denn das, was er tut, läuft gut. Seine Werke verkauft er an internationale Unternehmen. Natürlich habe er mal einen Monat, der weniger gut laufe, dafür aber andere, die super sind.

Parallel arbeitet Detlef immer an zwei bis drei Werken. Wie lange sein Tag gehe, das wisse er nicht. „Aber das ist auch ein anderes Arbeiten als dieser Acht-Stunden-Rhythmus.“ Zwischendurch mache er mal eine Pause, gehe spazieren, sortiere Steine, „Inspiration holen eben, manchmal geht mein Tag vielleicht 14 oder 15 Stunden.“
„Und danach bist du nicht so kaputt, wie nach acht Stunden im Büro?“, frage ich.
„Nein, sondern irgendwie zufrieden.“

Er benötige dringend einen Assistenten, der ihm helfe, vielleicht sogar in seine Fußstapfen trete, sagt er. Nur, wie bringt man jemanden bei, die Kiesel mit seinen Augen zu sehen? Eigentlich unmöglich, denke ich. Denn das macht ja irgendwie die Arbeit eines Künstlers aus.

Am Ende unseres Gesprächs stehe ich vor einem großen Steinbild, das vor meinen Augen zu einem Kornfeld zerfließt, und ich muss an die letzte Szene des Films „Gladiotors“ denken, wenn Russel Crowe zu seiner Familie zurückkehrt. Mit der Hand über Ähren fährt, der Wind die Getreidehalme biegt. Während ich Russel Crowe vor meinem geistigen Auge zusehe, wie er auf seine Frau zugeht, kommen zwei Touristen in Detlefs Atelier. „Hier sieht‘s nicht immer so aus“, sagt er hastig. Ich muss lächeln und denke, vielleicht ja schon. Aber das wäre genau richtig.

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