Tausche Mosel gegen Rhein

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Ich ziehe die Tür hinter mir zu. Keine Zugbrücke, die an schweren Ketten emporgezogen werden muss. Nur eine Tür. Petrolfarben ist sie. Jedenfalls glaube ich, dass es Petrol ist. Abschließen soll ich sie. Den Rat hat mir der Burgverwalter mit auf den Weg gegeben. „Sonst stehen die Touristen auf einmal bei dir in der Wohnung drin“, sagte er und lachte. Vielleicht lasse ich es mal drauf ankommen.

Ich gehe durch einen schmalen Flur. Auf einem Fenstersims steht mahnend eine weiße Flagge. Ein Fetzen weißer Stoff, verknotet mit einem Zweig. Die hat meine Vorgängerin Jessica mal geschwenkt, so erzählt man. Ich habe nicht vor, das zu tun. Stattdessen trinke ich das letzte Bier, das Timo mir im Küchenschrank hinterlassen hat. Mindesthaltbarkeitsdatum: überschritten. Egal. Wie schlecht kann ein Bier nach drei Monaten schon sein? Allerdings ist es kein regionales Bier. Das werde ich noch ändern. Eine kleine Einkaufsliste habe ich bereits im Kopf. Mit Leckerem vom Mittelrhein. Nicht nur Wein. Oder Bier. Da geht noch mehr. So viel weiß ich jetzt schon. Und wer noch Tipps hat: Nur her damit! Schließlich gilt es, seine neue Heimat mit allen Sinnen zu erkunden.

Ein bisschen Olivenöl und Spüli in der Küche, ein Handtuch im Badezimmer. Gummihandschuhe auf der Toilette. Vielleicht stammt irgendetwas davon auch noch von Moritz, Burgenblogger Nummer zwei. Wahrscheinlich ist es aber das bunte Glas mit dem Teelicht. Das könnten seine Kids für ihn bemalt haben. Sonst zeugt auf den ersten Blick nicht viel von meinen drei Vorgängern. Die Wände kahl, die Schränke leer. Ich werde einige Tage brauchen, um mich hier einzurichten. Farbe in die Wohnung bringen. Mit Geschichten, Erlebnissen und Erinnerungen, die ich aus dem Tal mit hinaufbringe. In die Burg. Ja, ich lebe jetzt in einer Burg. Oder sagt man auf einer Burg? Klingt gleich viel erhabener. Viel länger als das Einrichten, wird es wohl dauern, zu begreifen, dass ich jetzt tatsächlich auf einer Burg lebe. Und doch: So viel Zeit möchte ich hier oben eigentlich gar nicht verbringen. So hoch oben über dem Tal. Weit weg von den Menschen. Als Journalist muss ich doch „nah bei ‘de Leut‘“ sein. So habe ich das jedenfalls gelernt.

Ich gehe über die unebenen Dielen, die teilweise unter meinen Schritten nachgeben. Jede hat ihr ganz individuelles Knarzen. Mit viel Übung ließe sich darauf bestimmt was komponieren. Leichter ist es, auf ihnen mit Socken Schlittschuh zu laufen. So rutschig ist es. Als Kind hatte man doch diese Socken mit den Noppen drunter. Rutschfest waren die. Ob’s die auch für Erwachsene gibt? Das ist definitiv eine Sache, die ich nicht herausfinden möchte. Und auch nicht herausfinden werde. Wenn erst einmal wieder etwas von dem roten Staub aus dem Steinbruch nebenan durchs Fenster geweht wird, gibt das vielleicht wieder Halt unter den Füßen. Oder aber es wird noch rutschiger. Das wiederrum werde ich wohl herausfinden.

Der Ausblick von meinem Schreibtisch in der Cochemer Redaktion.

Apropos Fenster. In den vergangenen zwei Jahren in der Cochemer Redaktion der Rhein-Zeitung, hatte ich von meinem Schreibtisch aus einen herrlichen Blick auf die Reichsburg. Jetzt steht der Schreibtisch in der Burg. Und ich blicke nicht aus dem Fenster auf die Burg. Sondern aus dem Fenster der Burg. Auf den Rhein und den gegenüberliegenden Wingert. Dieser Chronologie folgend, müsste mein nächster Job also Schiffskapitän oder Lokführer sein. Oder Winzer. Oder Sprengmeister im Steinbruch. Hat sicher alles seine Reize.

Jetzt aber erst mal Burg. Oder besser gesagt Tal. Dort freue ich mich auf viele gute Gespräche. Nette Begegnungen. Und auch auf die Unangenehmen. Sofern sie denn erforderlich sind. Die Reaktionen im Netz waren jedenfalls bisher durchweg positiv. Ich fühle mich herzlich willkommen. Auf eine gute Zeit!

 

P.S. Dieser Text erscheint auch im Rahmen der Blogparade #SchlossGenuss, die noch bis zum 5. Juni läuft. Infos dazu findet ihr hier.

11 Kommentare

  • Hallo Christoph,

    gerade auf der Burg eingezogen und schon bei der Blogparade #SchlossGenuss mitgemacht – klasse und merci für deinen tollen Artikel. Du bist damit der 40. Teilnehmer und zeigst mit den anderen – wie bunt die Burgen-, Schlösser-, Kloster- und Gärtenwelt ist.

    Ich sehe dich vor mir, wie du nach dem alten Bier greifst, dich vors Fenster setzt und deinen Arbeitsplatz für die nächsten Wochen genießt. Schlüssel, die Burgen und Museen auf- und absperren, liebe ich auch sehr. Falls du das Experiment eingehst, mal nicht abzuschließen, freue ich mich natürlich über deinen Erlebnisbericht dazu, denn lebendig und leibhaftig fühlte ich mich von dir mitgenommen.

    Ein dickes Dankeschön nochmals!

    Sonnige Grüße

    Tanja von KULTUR – MUSEUM – TALK

  • Barbara Ams says:

    Dann mal gutes Gelingen, viele interessante Begegnungen und Erlebnisse und eine unvergessliche Zeit.

  • Manfred Ruch says:

    Ich wünsche viele gute Begegnungen, gute Erkenntnisse und gute Geschichten.

  • Sabine says:

    Hallo. Ich freue mich, endlich wieder Geschichten vom Burgenblogger zu lesen. Ich hatte schon gespannt gewartet, wann es endlich wieder losgeht. Eine schöne Zeit auf der Burg und am Rhein wünsche ich dir. Dein Schreibstil gefällt mir schon mal.

  • Alexander S. says:

    Gude, hat dir die Rhein-Zeitung nach deinem Volontariat keinen richtig Job gegeben?
    Was hast du angestellt das sie dich auf die Burg geschickt haben?
    Tipps brauchst du nicht, kommst ja aus der Region.
    Und nun freue ich mich auf deine Geschichten.