Treffen sich zwei Fotografen

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Herbert Piel und ich. Da machen zwei ein Selfie, die sonst niemals Selfies machen. Foto: Piel

Treffen sich zwei Fotografen. Ach ne, der Witz funktioniert nur mit Jägern.

Getroffen hab ich mich trotzdem. Und zwar mit Herbert Piel. Einem Fotografen und Fotojournalisten aus Boppard-Holzfeld, der sie schon alle vor der Linse hatte. Zwei Päpste, vier US-Präsidenten, neun Bundespräsidenten, fünf Bundeskanzler. Aber auch Iggy Pop, David Bowie oder Udo Jürgens. Stars und Sternchen. Politiker. Und andere Menschen. Wie viele Fotos er in seinem Leben gemacht hat, das dürfte der heute 61-Jährige wohl längst nicht mehr zählen können. An sein erstes veröffentlichtes Foto aber erinnert er sich noch heute. Für die Rhein-Lahn-Zeitung hat er das damals gemacht. 1975. Es zeigte eine Radiointerviewsituation. Total unspektakulär, sagt er heute. Aber hat nicht jeder mal klein angefangen?

Wohin ihn die Fotografie noch bringen würde, das wusste Piel damals sicher noch nicht. Dass er bei einer Geiselbefreiung, dem finalen Rettungsschuss durch einen Polizisten, mal in der Schusslinie stehen würde. Oder dass er mal mit der jungen Nina Hagen in ihrem Wohnwagen auf der Loreley Mau-Mau spielen würde. Oder Nancy und Ronald Regan mit einem einfachen Zuruf dazu bewegen würde, sich genau vor seine Linse zu drehen. Wahrscheinlich könnte er tagelang von seinen Fotos erzählen. Oder aber, er lässt die Fotos selbst erzählen. Auch das funktioniert mit einem guten Foto.

„Wenn ich am Ende des Jahres zurückblicke und ein gutes Foto gemacht habe, was Bestand hat, dann ist das gut“, sagt Piel. Das zeugt von einem hohen Qualitätsanspruch. Mir fällt es am Jahresende schon schwer, eine Top Fünf auszuwählen. Piel ist deswegen aber nicht nur der Fotograf für die ganz großen Anlässe. Auch im Mittelrheintal hat er sich viele Jahre ausgetobt und den Verschluss seiner Leica klicken lassen. Weil er dort nicht nur die schönen Ecken ablichtete, sondern auch mal die schmuddeligen oder maroden Ecken im Tal aufzeigte, ist er sogar aus der Facebook-Gruppe „Du weißt, du kommst vom Mittelrhein, wenn …“ geflogen, die einst meine Vorgängerin Jessica Schober gegründet hat.

„Manche Leute stören sich daran, was ich sage. Wenn die erst wüssten, was ich denke“, sagt Piel und lacht. Das mit den unschönen Bildern aus dem Tal habe nicht allen gefallen. Zu seinem Erstaunen hätten aber vor allem die jüngeren Gruppenmitglieder dies kritisiert. Jene, die als nachkommende Generation eigentlich am Wohl des Tals interessiert sein müssten. „Vielleicht gehören die Ecken für diese Menschen aber auch einfach dazu, weil sie damit groß geworden sind“, mutmaßt Piel. Er kann jedenfalls mittlerweile nicht mehr einfach so unbedarft losziehen und schauen, welche Bilder eben entstehen. Er muss vorher für sich festlegen, ob er nun die schönen oder unschönen Seiten des Mittelrheins ablichten möchte. Beides gibt es reichlich, da sind wir uns einig. Einige Fotos, die er mir zeigt, habe ich sogar fast eins zu eins auch so gemacht.

Eigentlich kam der Kontakt zwischen uns aber durch ein besonderes Thema seiner Fotografie zustande: die Freilichtbühne Loreley. Der Ort, den wir beide gleichermaßen lieben gelernt haben. Nur dass er dort eben schon im Fotograben hockte, als ich noch gar nicht auf der Welt war. Die guten alten Zeiten auf der Loreley. Die wilden 70er- und 80er-Jahre. Santana, Genesis, Bob Dylan. Und wie sie alle heißen. Piel hat sie auf Fotopapier gebannt. Und längst auch digitalisiert. Einige Fotos würde er gern auf der Loreley ausgestellt sehen. Und eine Art Walk of Fame, der an all die großen Konzerte erinnert, würde ihm auch gefallen. Ich hatte in meiner Geschichte zur Freilichtbühne für eine Tafel oder Ähnliches plädiert. Egal wie, eine Art Erinnerungsstätte würde etwas hermachen. Auch da sind wir uns einig.

Jedoch hat er damit bisher noch kein Gehör gefunden, wie er sagt. Vielleicht besteht aber noch Hoffnung. Denn das Loreley-Plateau wird ja bekanntlich ohnehin gerade umgestaltet. Und Piel ist derzeit sowohl für den Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal als auch für die Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz aktiv. Vielleicht schafft er es ja dort, die Weichen für derartige Projekte auf dem „Rockfelsen“ zu stellen.

Denn Piel ist sich sicher, dass so etwas dort oben gut ankommen würde. Väter, die mit ihrer Familie einen Ausflug aufs Loreley-Plateau machen und ihren Kids davon erzählen, wie sie damals mit langen Haaren bei Whitesnake headbangend in der ersten Reihe standen. Vielleicht würde sich der ein oder andere sogar auf einem von Piels Fotos wiederfinden. Einig sind wir uns auch in dem Punkt, dass es schade ist, dass die Freilichtbühne nur für Konzerte geöffnet wird. „Es muss ja nicht gleich das gesamte Areal sein, aber es wäre doch schön, wenn Besucher zumindest mal einen Blick ins Amphitheater werfen könnten“, sagt Piel. Schließlich ist die Location auch ohne Band auf der Bühne absolut sehenswert. Und geschichtsträchtig noch dazu. Den Nazis diente sie im Dritten Reich schon als „Thingstätte“.

Bis heute fotografiert Piel übrigens noch immer viel Schwarz-Weiß. „Dann muss ich mich nicht mit Farben rumschlagen“, scherzt er. Wer seine Schwarz-Weiß-Fotos betrachtet, weiß natürlich, dass das nicht aus Bequemlichkeit geschieht. Er macht das ganz bewusst, als Stilmittel. Während ich so seinen Bildband zur Seidenstraße durchblättere, ebenfalls in Schwarz-Weiß, frage ich einfach mal ganz frech: „Diese Fotos könnten viele andere aber doch auch machen, wenn sie nur mal in eine solche Situation kommen könnten, oder?“ Piel grinst und antwortet ebenso frech: „Kommen sie aber nicht.“ Denn von seinem ersten Foto 1975 bis zu seinem jüngsten Projekt „Eyes of Sudan“ sind eben viele Filme und Bilddateien durch seine Leica gewandert. Jeder hat mal klein angefangen.

 

Herbert Piel war so nett und hat mir einige seiner Fotos von der Freilichtbühne Loreley zur Verfügung gestellt. Die Bildrechte liegen natürlich bei ihm, die Fotos dürfen also nicht so ohne weiteres weiterverwendet werden. Wer Interesse an den Bildern hat, kann sich hier bei ihm melden.

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