Unerwartet in Hirzenach

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Auf das Unerwartete warten klingt nach Widerspruch und nach keiner guten Idee. Erst recht, wenn man mit eben dieser Idee losfährt, um eine Geschichte zu finden. Denn dann erwartet man ja doch etwas, in diesem Fall eine Geschichte, hat also eine Erwartung an das Unerwartete.

Mit diesem Gefühl bin ich jedenfalls nach Hirzenach gefahren, hinweg über den großen Brückenpfeiler, der wie ein Stück Autobahn in dem dafür viel zu kleinen Ort und viel zu schmalen Tal wirkt. Beim Drüberhinwegfahren erinnerte ich mich, wie wir an eben diesem Brückenpfeiler mit 18 oder 19 Jahren für ein Fotoprojekt Bilder machten. Die Idee war, den Fotos einen gewissen urbanen Charme zu verleihen. Warum es Hirzenach sein musste, weiß ich allerdings nicht mehr.

Der Bopparder Stadtteil Hirzenach wirkt still und verschlafen. Er ist einer von zehn Stadtteilen Boppards. Die Mittelrheinbahn hält hier, es gibt fünf Gasthäuser sowie die Bartholomäuskirche mit der Villa Brosius und dem Propsteigarten.

Ich parke am Ortseingang und gehe in Richtung Propsteigarten, der unterhalb der Villa Brosius liegt, vorbei an einer Bushaltestelle, die mir gleich viermal sagt „Plakatieren verboten“.
Der Propsteigarten wurde im 18. Jahrhundert angelegt, er ist terrassenförmig und hat ein geometrisch gestaltetes Areal. Er ist der einzige linksrheinische Garten aus dieser Zeit, der bis heute erhalten blieb.
Gelbe Blätter wirbeln umher, während ich feststelle, dass das sich zur Rheinseite befindende Gartentor geschlossen ist. Eine kleine Karte weist mir den Weg zum Eingang, der sich vorbei an einem kleinen Schuppen mit einer weiteren Verbotsschildsammlung bei der Villa Brosius befindet.

Der Propsteigarten ist schön und von einer dicken Bruchsteinmauer umgeben, aus der Rotmoos-Mauerpfeffer wächst. Bisher ist mir noch kein Mensch begegnet. Ich muss an meinen Tag in Ehrenthal denken und dass ich diesen Ort mittlerweile sehr gerne besuche.

Im Garten sehe ich dann doch einen älteren Herrn arbeiten, der mir sogleich erklärt, dass die einzelnen Flächen für einen kleinen Betrag verpachtet sind. Da ansonsten der Garten brach liege. In einer der acht sogenannten Kompartimente, Pflanzenflächen, wachsen eine Vielzahl von Heilpflanzen: Mönchspfeffer gegen Frauenleiden, Stockrosen bei Magen-Darm-Beschwerden oder Beinwell für die Behandlung von Wunden.

Ich genieße die beinahe meditative Stille: Ein Springbrunnen plätschert, hin und wieder hört man ein Auto die B9 entlangfahren oder einen ratternden Zug, der sich zwischen die Viertelstunden-Glocke der Pfarrkirche schiebt.
Mein Blick wandert über die gegenüberliegende, massive Felswand des Taunus hin zur Bushaltestelle: Dort sitzt nun eine ältere Dame, die ihrerseits den Herrn im Garten beobachtet und sich sonnt.

Nach einer Weile ist mir das dann doch zu viel des Beobachtens und ich gehe von der Bartholomäuskirche noch ein Stück durch den Ort hoch Richtung Rheinbay. Auch hier nur eine stumme Begegnung: Ein älterer Herr sitzt kauend vor seiner Tür, ich grüße ihn. Er guckt zurück. Mustert mich. Ich versuche es mit einem zweiten Gruß. Er guckt wieder nur zurück. Ich belasse es bei der Stille und versuche es mit einem Nicken. Auch dieses wird nicht erwidert. Nun gut, so ist das manchmal.

Ich beschließe in eine der Gaststätten zu gehen, das ganze Beobachten und Warten auf das Unerwartete sein zu lassen und treffe auf ein Rentnerpärchen mit Fahrrädern.
„Arbeiten Sie hier?“, fragt der Mann mit Kölner Dialekt
„Nicht direkt, wieso?“, frage ich.
„Na, wir möchten hier schlafen.“ Mit „hier“ meint er die Pension beziehungsweise Gaststätte vor der die beiden auf einer Bank sitzen.
„Achso. Nein, tut mir leid.“
„Möchten Sie hier auch schlafen?“ fragt nun seine Frau.
„Nein, auch das nicht.“
„Wir warten nämlich schon seit einer Stunde. Aber bis 17 Uhr soll wohl jemand kommen.“ Ich sehe auf die Uhr: 15.40 Uhr.
„Da müssen Sie ja noch eine Weile warten.“ Sonja und Helmut fahren seit einer Woche den Rhein entlang. Von Karlsruhe bis Köln geht die Reise des Rentnerpaares, viel Gepäck haben die beiden nicht.
„Ein paar Schlüpper, ne lange Hose und eine Fleecejacke, das reicht“, sagt Sonja und zeigt auf ihre Gepäcktasche, während Helmut zum Ticketautomaten geht.
„28 Euro“, sagt er und sieht Sonja an.
„Der will schon wieder zurück“, schüttelt sie den Kopf, „dabei muss man sich bewegen, so lange man kann.
„Heimweh?“, frage ich Helmut, der sich wieder zu Sonja auf die Bank setzt.
„Eine Woche ohne die Spitze des Kölner Doms – das ist schon lange“, sagt er ein wenig nachdenklich.
„Et is jetzt abba mal jot“, schaut Sonja ihn genervt an.
„Früher sind wir immer mit dem Auto und den Rädern unterwegs gewesen, aber dann saßen wir am Ende doch nur im Auto. Und ohne Auto ist man gezwungen zum Radfahren.“ Sonja hat sich nach einer Fuß-OP ein Liegerad anfertigen lassen, mit dem sie weiterhin lange Strecken fahren kann. Ihren Lenker hat sie mit bunten Häkelarbeiten geschmückt.
Nach zwanzig Minuten kommt dann doch der Wirt, Pension und Gaststätte seien allerdings geschlossen, erst ab Freitag wieder geöffnet. Heute ist Montag.

Ich sage Sonja und Helmut, dass ich ein Stück weiter noch eine weitere Pension gesehen habe und begleite die beiden dort hin. Diesmal haben sie Glück und ein Zimmer ist frei.

Die Eigentümerin Esther Gehann nimmt mich gleich mit in ihr Haus. Seit 1995 lebt die 56-jährige Musikerin und Musikpädagogin in Hirzenach. „Ein Kompromiss zwischen Hunsrück und Neuwied“, sagt sie.

„Hirzenach, ein Ort der Stille?“, frage ich.
„Ja, die Bevölkerung ist überaltert.“ Sie habe sich aber immer wohl gefühlt, sonst wäre sie nicht so lange geblieben.
Esther hat schon an einigen Orten gelebt: Geboren in Korbach bei Kassel, lebte sie in Darmstadt, Frankfurt, später im Hunsrück bei Kirchberg um schließlich in Hirzenach anzukommen.
„Hier fühle ich mich das erste Mal zu Hause.“

Esther hat in Frankfurt Musikwissenschaften und Musikpädagogik studiert. Früh habe sie mit Klassik, Orgel-und Klavierunterricht begonnen, war im Organistendienst und in der Kirchenmusik tätig. Eine Zeit lang unterrichtete sie hauptsächlich Erwachsene.
„Warum?“, möchte ich wissen. Das liege an ihrer Erfahrung als Lehrkraft in der Musikschule. „Wenn Kinder von ihren Eltern geschickt werden, macht der Musikunterricht nicht so viel Sinn. Genauso verhält es sich mit überfüllten Klassen – mit zehn Kindern gleichzeitig Blockflöte üben, das bringt oft nicht viel.“
Ich erinnere mich an den Keyboard-Unterricht in der sechsten Klasse: 25 Kinder auf 15 Keyboards verteilt, es entstand ein kakofoner Singsang. Der Musiklehrer betrat erst fünf Minuten vor Unterrichtsende den Raum wieder, stets mit Kuchenkrümeln auf dem Sweatshirt. Keyboardspielen gelernt habe ich in dem Jahr nicht, wohl aber die diversen Loop-Funkionen des Geräts.

Nach einer vierzehnmonatigen Motorradreise durch Südamerika habe Esther 2007 mit ihrem Ex-Mann die Pension aufgemacht. Natürlich blute ihr manchmal das Herz, wenn sie ihrer Passion der Musik nicht nachgehen kann. Aber die Arbeit in der Pension ist ebenso erfüllend.
„Wir haben hier ein sehr internationales Publikum. Der Austausch mit den Gästen ist großartig.“ Die meisten übernachten für ein, zwei Nächte, darunter sind viele Fahrradfahrer wie Helmut und Sonja, aber auch Wanderer.
Nur die Güterzüge seien ein Problem, so Esther, „doch mit Bannern im Fenster gegen den Lärm protestierten hilft auch nicht. Ganz im Gegenteil – mit den Bannern vertreibt man letztlich die Gäste.“
„Einladend ist das natürlich nicht“, sage ich. „Genau, das ist ein doppelschneidiges Schwert“, nickt Esther. Auch das rheinische Schiefergebirge sei auf Dauer nicht für die Erschütterungen ausgelegt.

Neben der Tätigkeit als Gastwirtin und Musiklehrerin ist Esther Lebenscoach, sie hilft vor allem Musikern, die Bühnenangst haben.
„Das ist gar nicht so selten“, erklärt sie mir.
Wenn im Winter weniger Gäste kommen, kann Esther sich wieder ganz der Musik widmen, auch diese Zeit brauche sie.

Als ich die Pension verlasse, sehe ich Sonja und Helmut noch einmal vor dem Ticketautomaten stehen, was jedoch daran liegt, dass die Unterführung zum Rhein am Automat vorbei führt.
„Wir haben bis jetzt die Sonne genossen“, lacht Sonja, „den Weg nach Köln fahren wir mit dem Fahrrad.“

6 Kommentare

  • Elfriede Beckermann says:

    Liebe Mareike, als ein Ehrenthaler Mädchen, 1939 geboren, seit 1954 nicht mehr dort lebend, bin ich begeistert, wie du über meine alte Heimat schreibst. Vielen Dank und liebe Grüsse Elfriede

    • Mareike Knevels says:

      Liebe Elfriede, das freut mich sehr. Auch, dass dich so immer noch ein Stück Heimat erreicht. Liebe Grüße, Mareike

  • Friederike says:

    Sehr schöne Beschreibung ,die die Atmosphäre von Hirzenach spüren lässt Danke Mareike

    • Mareike Knevels says:

      Danke, liebe Friederike :) das freut mich.

    • Hannelore Hausmann says:

      Als mit einem Hirzenacher verheiratete und Kinder über alles liebende Kölnerin macht mich die erzählte Geschichte traurig. Der abweisend wirkende ältere Mann war sicherlich kein Hirzenacher. Vielleicht ein Holländer?
      Unser Traum war/ist immer, das große, alte Pfarrhaus in ein Waisenhaus umzuwandeln. Das würde Leben und Arbeitsplätze nach Hirzenach bringen. Leider konnten wir unserenTraum mangels Geld nicht verwirklichen.
      Danke für Ihren Besuch.

    • Mareike Knevels says:

      Liebe Hannelore, ob der abweisend wirkende Mann Hirzenacher war oder oder nicht, ist vielleicht auch gar nicht so wichtig. Es könnte sein, dass er nicht gut gehört hat oder einfach eigen war (und trotzdem ein guter Mensch ist). All das wissen wir nicht. Es war einfach meine Beobachtung einer stummen Begegnung. Wichtig und schön ist hingegen Ihre Idee des Waisenhauses. Konnten Sie denn Ihren gemeinschaftlichen Gedanken in einem anderen Projekt umsetzen? Viele Grüße, Mareike

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