Ursprung und Wurzel – ein Stück jüdische Heimat

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Eigentlich wollte Odelia nur zwei Wochen in Deutschland bleiben, als sie 1981 kam – daraus wurden mittlerweile mehr als 38 Jahre.
Es ist ein verregneter Tag, der Himmel ist grau, die Wolken hängen über dem Rhein und der Buchfink ruft seinen typischen Regenruf „Trief, Trief“, wie mir Wolfgang Schmidt erklärt. Wir sind mit Odelia auf dem Jüdischen Friedhof bei Bornich verabredet.

Der Jüdische Friedhof bei Bornich wird als einer der schönsten beschrieben, den man in der Nähe des Mittelrheins finden kann. Zugleich ist er einer der Verborgensten. Er liegt im Hausecker Wald, etwa acht Kilometer von St. Goarshausen entfernt.

Schon der Weg zum Friedhof steckt voller Geschichte: Vorbei an Odins Nacken, einem kultisch-rituellen Felsen, fahre ich mit Wolfgang zum Friedhof. Die letzten 500 Meter führen über einen Waldweg, der vor ca. 2000 Jahren von den Römern angelegt wurde, es ist die sogenannte Hessenstraße.

„Auch wenn das seltsam klingt: Deutschland galt als Land der Verheißung. Es ist das Land, aus dem meine Familie kommt“, sieht Odelia mich an. Ihre rotbraunen Locken fallen aus der Kapuze, sie hat ein warmes Lächeln und kraftvolle, blaue Augen.
Die 62-jährige Musikerin und Musikpädagogin ist „mit dem Deutschen“ groß geworden. Was das denn sei, möchte ich wissen?
„Mit Schnitzel und Pommes“, lacht sie, „die Sprache, die Kultur, die Bücher.“ Es ist das Gefühl von Heimat, von Ursprung und Wurzel, ein Stück weit Identität.

Ihre Großeltern beiderseits wurden im Konzentrationslager getötet. Ihr Vater kam aus der Slowakei, ihre Mutter aus Heidelberg. Deutsche war ihre Mutter allerdings nicht, „sie war staatenlos“, sagt Odelia. „Meine Mutter war „Ostjüdin“. Das waren die armen und traditionellen Juden, die mit den Hüten und den Schillerlöckchen.“

Wir gehen durch das das Friedhofstor, das von zwei Sandsteinpfosten getragen wird. Auf dem Friedhof befinden sich etwa 80 Grabsteine. Die hebräischen und zum Teil deutschen Inschriften geben Hinweise auf Orte wie Bogel, Bornich, St. Goarshausen, Welterod sowie linksrheinisch St. Goar und Werlau. Einer der ältesten Grabsteine ist aus dem Jahr 1724.
Die jüdischen Gräber werden anders als im Christentum nicht nach einer bestimmten Zeit eingeebnet, sondern bleiben, erklärt Odelia mir. Die Verstorbenen warten auf den Messias, es sind ewige Ruheplätze bis zum Weltgericht. Die Gräber sind nach Osten ausgerichtet.

„Durch den Holocaust gibt es kaum noch Landjuden“, sagt sie, „die Friedhöfe bekommen so eine immer höhere Bedeutung. Der Friedhof erinnert mich daran, dass Juden hier schon immer gelebt haben und ich das auch darf.“
Auf dem Land gab es damals viele, kleine jüdische Gemeinden. „Anders als man meint, waren diese Juden nicht reich, das waren keine Rothschilds.“ Das Schicksal jüdischer Bürger auf dem Land ist mittlerweile gut erforscht, jeder Jude namentlich dokumentiert. „Diese Detailliertheit in der Aufarbeitung der Vergangenheit ist ein großes Zeichen deutscher Verantwortung“, sagt Odelia.
Heute konzentriert sich jüdisches Leben vor allem auf die Metropolen in Deutschland.

„Ich mag dieses Land. Deutschland ist ein demokratisches Land. Aber es ist jetzt an der Zeit, etwas zu tun. Für mich ist es Zeit, wählen zu gehen.“ Odelia ist in Tel Aviv geboren, besitzt nur die israelische Staatsbürgerschaft, den israelischen Pass. Nun möchte sie sich einbürgern lassen.
Lange kam die deutsche Staatsbürgerschaft für sie nicht in Frage. Sie brauchte Zeit, um sich mit dem Gedanken anzufreunden, ihre Großeltern vor Augen, die im Konzentrationslager starben.

Das ändert sich im Moment: „Ich lebe gut und gerne in Deutschland – bis auf die AfD.“ Sie sieht die Dringlichkeit zu handeln, gerade als Jüdin. „Diese Nazi-Terminologie steuert wieder in die Bürgerlichkeit ein und das muss man verhindern.“ Odelia und ich stehen vor einem jüdischen Grabstein, Mazewa, auf dem die segnenden Hände des Kohanim zu sehen sind. Der Sandstein ist verwittert, eine Moosdecke liegt über dem Sockel.

Gerade mit Blick auf die jüngsten Wahlen in Deutschland wird der Jüdische Friedhof wieder relevant, man erinnert, Geschichte wird sichtbar.
Odelia kann mittlerweile auch in Israel sagen, dass sie gerne in Deutschland lebt. „Deutsche gelten als offen, als Touristen sind sie überall beliebt“, sieht sie mich an. Eine doppelte Staatsbürgerschaft gebe es nur unter besonderen Umständen. Für die deutsche Staatsbürgerschaft müsste sie ihre israelische Staatsbürgerschaft aufgeben, der Gedanke fällt ihr immer noch schwer. Hauptsache sie kann gegen die AfD wählen.

Es hat aufgehört zu regnen. Aber man hört noch das Fallen der Tropfen, die Bäume regnen nach. Ich blicke auf die Seiten meines Notizheftes, die sich von der Feuchtigkeit zu wellen beginnen.
„Grabsteine kann man umwerfen – Geschichte nicht!“, steht darin.

Im Judentum werden die Toten außerhalb des Ortes bestattet. Die Friedhöfe respektive Landstücke, die die Juden damals von den christlichen Gemeinden erhielten, waren oft abgelegene kaum nutzbare Flächen, teilweise befanden sie sich in Steilhängen. Der Jüdische Friedhof in Bornich hingegen liegt in einer Lichtung im Wald. Der Wald öffnet sich nach oben hin wie ein Fenster zum Himmel.

Auf manchen Grabsteinen befinden sich einzelne Steine, manchmal kleine Steintürme. Sie erinnern mich an die Steinmännchen, die man oft beim Wandern sieht, die in verschiedenen Kulturen auch als Talismane oder Kultstätten fungieren. Wolfgang sagt, die Steintürme seien eine fernöstliche Tradition, die man statt Blumen verwende.

Auf den Grabsteinen steht in der Regel der Name des Vaters des Verstorbenen, das Geburtsdatum wird nicht immer genannt, es gibt eine kurze Beschreibung zur Persönlichkeit und die Profession steht dort. „Seine Seele soll mit der Seele der Lebendigen verbunden sein“, übersetzt Odelia mir die hebräische Inschrift auf einem der Grabsteine.
„Das Judentum ist ein Patriarchat. So wird immer der Vater genannt. Aber das patriarchische kommt in allen Gesellschaften vor. Wir hätten gerne, dass es Kulturen oder Gesellschaften mit einem Matriarchat gibt, aber das ist meiner Meinung nach eine Illusion.“

Wir entdecken noch zwei Grabsteine aus Schiefer. Wolfgang, der ganz nach Humboldt-Tradition die Welt erforscht, vermutet, es handelt sich um einen Notfall-Grabstein aus der Zeit des zweiten Weltkrieges. Der Text ist nicht professionell gesetzt, es gibt einen Kreis, der darauf hindeutet, dass der Stein aus einem Bergwerk kommt. Da es den Juden verboten war zu bestatten bzw. ihnen zu helfen, könnten der Schiefer und die unprofessionelle Inschrift darauf hinweisen.

Wir gehen noch eine Weile durch den Wald spazieren. Meine Turnschuhe sind mittlerweile vom feuchten Gras komplett durchnässt, aber das ist nicht so schlimm.
Ich denke an Odelia, es ist wichtig, die Stimme zu erheben, um die Vielfalt, die wir in diesem Land haben zu erhalten und zu stärken.

Und der Buchfink ruft wieder.

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