Verliebte Vögel haben keine Lieder

von
Lustgarten am Fuße der Burg.
Lustgarten am Fuße der Burg.

Bis Ende Juli tröten die Vogelmännchen als gebe es kein Morgen mehr. Und dann kommt die Vogelfrau.

Zwischen fünf und sechs Uhr morgens ist die Welt eine andere. Zwischen fünf und sechs Uhr ist der Wald um die Burg ein anderer. Der Tag ist dann nur ein Entwurf. Eine Idee, die noch nichts von ihren Möglichkeiten weiß. Und die listige Sonne wartet noch auf hinreichend Publikum, bevor sie sich endgültig über die rechtsrheinische Hügelkette schiebt.

Der Wald allerdings ist dann schon lange lebendig. Bei offenem Fenster, mit den Gedanken unter der Decke, hört es sich dann an, als sei man mitten im Urwald. Alles singt, fiepst, quietscht, dröhnt. Das Grün um die Burg ist dann ein einziges Freudenhaus. Ein Tal der Sünde. Es ist wirklich magisch.

Und schuld ist Testosteron. Natürlich. Das wird im Frühjahr beim Vogelmann besonders intensiv ausgeschüttet. Denn es sind fast ausschließlich Männchen, die singen. Sie wollen beeindrucken, Weibchen anlocken und ihr Revier markieren. Jede Art hat ihre eigene Gesangsnische. Jede Art versucht, mit spezifischem Sound zu einer spezifischen Uhrzeit durchzudringen. Danach lässt sich im wahrsten Sinne des Wortes die Uhr stellen. Die Vogeluhr.

Leider singen die Vögel derart obsessiv fast nur zur Brutzeit. Also bis Ende Juli. Der Gesang nimmt ab, weil dieselben Lockrufe, die das Gute anziehen sollten, nun Feinde zum Nistplatz locken könnten. Das ist die eigentlich schlechte Nachricht. Denn: Ich will nicht, dass die sich finden. Sich verlieben. Und verstummen. Von mir aus sollen sie an die Möglichkeit des Liebens glauben, aber sie sollen doch bitteschön weitersingen.

Bis die Vögel aber schweigen, erinnern sie daran, wie einfach das Leben sein kann: Nestbauen, singen, fortpflanzen. Und wieder von vorn.

Ich habe noch keinen Vogel kennen gelernt, der sich eine schräge Vita erschafft, Auslandssemester einlegt, Doppelhaushälften baut, Riesterrenten abschließt, auf eine Burg zieht oder seine Steuererklärung macht. Nein. Diese bürgerlichen Umwege sind dem Menschen vorbehalten.

Der Mensch hingegen verkompliziert. Ich verkompliziere.

Und kompliziert wird es immer dann, wenn der gute Wille ins Spiel kommt. Wenn man glaubt, Erwartungen erfüllen zu müssen. Wenn plötzlich irgendwer (oder schlimmer noch: man selbst) auf das eigene Leben diese Standardfolie legt, die suggeriert, wie ein echtes normales Leben eigentlich auszusehen hat.

Dann ist es meistens zu spät. Dann wird der Umweg als Strategie verkauft. (Und ja, natürlich kann das auch fürchterlich sympathisch sein.)

Ich hatte mal eine Freundin, die freudestrahlend mit einer klobigen Industrielampe vom Flohmarkt nach Hause kam. Irgendwann hing sie in der Küche. Also die Lampe. Mitsamt einer 300 Watt Industrielampenglühbirne. Immer wenn die Lampe leuchtete, konnte ich dem Stromzähler förmlich dabei zuschauen, wie er seine Runden drehte. Und beim Frühstück unter diesem Hitzestrahler dachte ich, jeden Moment schlüpft hier etwas. Ich weiß nicht, wie oft ich mich im Dunkeln in meiner Küche irgendwo gestoßen habe, weil ich es vermied, diese Lampe anzumachen. Stattdessen habe ich dann irgendwann angefangen, den Kühlschrank aufzumachen und die Küche über das Kühlschranklicht zu beleuchten. Zugegeben, das mag klimatechnisch nicht ganz optimal gewesen sein. Aber ein Kühlschranklicht hat allemal eine bessere CO2-Bilanz als diese Industrielampe.

Der Punkt ist aber: Nicht diese Lampe machte das Leben kompliziert. Das hatte ich ganz allein geschafft.

Vermutlich hätte ich auf die Vögel hören sollen: aufhören zu singen und ein Nest bauen.

Das aber kann ja auch nicht die Lösung sein.

Irgendwann war die Freundin weg. Die Lampe aber hing immer noch da. Ich habe dann einfach eine neue Fassung in den Lampenschirm geschraubt. Das wars.

Manchmal kann das Leben so einfach sein.

Und es gibt ja Hoffnung: Singvogelweibchen sind bei der Partnerwahl sehr freizügig und schnell gelangweilt. So muss der Singvogelmann durch unermüdlich taufrischen Singsang die Vogeldame immer wieder aufs Neue begeistern.

Ein bisschen also singen sie noch. Ein bisschen also werde ich noch zuhören. Und mich daran erinnern, wie einfach alles sein kann. Eigentlich.

6 Kommentare

  • Ich lache immer noch…:-) Danke für das Bild der Standardfolie. Hab sie gerade mal probeweise abgezogen…oh Mann.

  • Ich benutze den Kühlschrank zuweilen, zumindest für ein paar Minuten die ich davor stehe, wedelnd als Klimaanlage. Bei Hitze durch die Sonne, oder altersbedingter Hitze von innen.

    Bezüglich der Freundin, es gibt kein Reißbrett und keine Versicherung für Lebensentwürfe, diese gehen nur mit großem Glück und den besten Menschen und Fähigkeiten auf. Das Eigenheim ist kein Garant. Es gibt gar überhaupt keine Garantie. Insofern können wir uns allenfalls ein grobes Netz aus ehrlichen Beziehungen weben, das uns hält, und ansonsten nicht die Pläne und Ziele, sondern das was während der Umsetzung geschieht, als eigentliches Leben schätzen. Täglich. Das ist doch was die Vögel machen. Täglich leben.

  • Juliane says:

    Wer weiß, was die noch so singen. Vielleicht erzählen sie von einer singenden Espressomaschine, die sie auf Nestbau in einer Burg wähnen.

  • Marion says:

    Timo, ich bin entsetzt! Ein bitterböser Verdacht kommt mir: Sie sind mein Halbbruder! Es muss an den Genen liegen. Sie beleuchten die Küche aus dem Kühlschrank heraus. Mein Vater heizt selbige aus dem Backofen! Männer sind halt sehr kreativ …

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