Verrückt, aber nicht bescheuert. Oder: Wenn die Eiche zur Ente wird

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Blick aus einem Fenster vom Südturm der Burg Sooneck
Das Fenster zum Rhein. Mittelrhein. (Foto: Timo Stein)

Die erste Nacht – und ihre Folgen. Gedanken von einem, der auszog, um … (ja, um was eigentlich?)

Da hatten sich doch tatsächlich alternative Fakten in meinen ersten Blogbeitrag eingeschlichen. Es war gar nicht die Eiche. Die Eiche war sozusagen eine klassische Ente, weil sie nämlich in Wahrheit eine Linde war. Und die Linde steht neben der Eiche. Also, sie stand dort. Bis eben jener besagte Megablitz kam und die Eiche, Tschuldigung, Linde, in zwei saubere Hälften teilte. Ich sagte ja schon: Zack, mitten durch. Eiche und Linde wurden im Übrigen von keinem geringeren als Paul von Hindenburg, seinerzeit noch in Funktion eines Generalfeldmarschalls, gepflanzt. So erzählt es der herzensgute Burgverwalter. Die deutsche Eiche hat den Blitz überlebt. Hindenburgs Vermächtnis wurde halbiert. Ganz schön politisch, so ein Unwetter.

So viel zur Ente, beziehungsweise Eiche. Die häufigste Frage aber, die mir gerade gestellt wird: Und? Wie ist die erste Nacht auf einer Burg? Nun. Die Lage ist im Grunde sehr einfach umschrieben: Auf einer Burg aufzuwachen, ist, als würde man auf einer Burg aufwachen. Bis zum Fenster ist alles normal. Mit dem ersten Blick auf Rhein, Wald, Mauern und Ziegel sendet das Hirn dann für einen kurzen Moment ziemlich irreführende Signale: Entführung, Rausch, Marsmission?

Es ist nur ein Blick aus einem Fenster. Doch dieser Ausschnitt verrät bereits vieles. Baumkronen in allen Schattierungen, Burgmauern, die sich der anderen Rheinseite mal kraftvoll grüßend, mal mahnend präsentieren. Die Hügelkette am Horizont, die sich stoisch auslaufend dem Himmel nähert. Dazwischen der Rhein, der macht, was er immer macht: fließen. Am Fuße des Flusses liegen kultivierte Rechtecke, die sich den Hang hinauf zu Wald verdichten. Bäume, die an Schwärze gewinnen und sich zum Himmel hin im Wolkennebel aufzulösen scheinen. Zwei Falken grüßen. Ich grüße zurück.

Dieser Ausschnitt zeigt aber auch noch etwas Anderes. Etwas, das die Menschen hier bewegt. Und zwar im doppelten Sinne: der Verkehr. Schiffe, die sich prustend den Rhein hinauf quälen, Züge scheppern, Autos husten.

Meine Arbeit hat im Grunde noch gar nicht begonnen, da werden bereits sämtliche Kanäle geflutet. Die Anfragen sind überwältigend. Der Empfang, das Willkommen, ist außerordentlich herzlich. Offene Arme wären eine bodenlose Untertreibung. Wenn ich Erwartungen gehabt hätte, wären sie spätestens hier übertroffen.

Eigentlich könnte man an dieser Stelle das Projekt abbrechen. Und sagen, Leute kommt ins Mittelrheintal, die Menschen sind herzlich bis zum Mond. Diese Freundlichkeit ist außerirdisch. Damit wäre vermutlich alles gesagt. Aber dann müsste ich wieder runter von der Burg. Und das kann ja auch nicht die Lösung sein.

Die ersten Einladungen kommen rein. Ich begreife so langsam, dass Burgenblogger eine Art schreibende Weinkönigin ist. Einladungen zu Weinfesten, zum Schafe hüten, Hochzeit, Essen, Trinken, Feiern. Eine Dame fragt, ob ich nicht gern ein Personal training outdoor machen möchte. Ich stelle mir vor, wie mich die sportliche Frau galant, aber bedingungslos durch die Weinberge brüllt. (Und denke: Um Himmels willen, ich wollte doch nur auf diese verdammte Burg.) Ein anderer will wissen, wo ich denn genau wohne. Was meint er nur mit „genau“? Ich werde nicht allen antworten können, weil ich auf meinen Erkundungen durchs Tal den Blick nicht permanent auf das Smartphone richten will. Natürlich freue ich mich über die Zuschriften und Grüße! Aber ich möchte auch den Blick nach vorne richten, ins Tal, weg vom Smartphone, möchte hinausschauen – und nicht rastlos Twitterherzchen verteilen.

Ich begreife aber auch: Burgenblogger zu sein, ist wie permanentes Einparken unter Beobachtung. Es gibt Momente, da fühle ich mich wie ein Heiratsschwindler. Jeden Moment wird alles auffliegen, denke ich dann. Gleich klingelt das Telefon und die merken, wen sie hier auf die Burg geschickt haben. Natürlich ist der Zweifel auch mit auf die Burg gezogen. Wie sollte es auch anders sein? Ohne Zweifel ist nur die Religion. Und in manchen Momenten fühle ich mich ein bisschen wie Milli Vanilli, nur, dass ich beides machen muss: vorne grinsen und blöd tanzen und hinten singen und die Texte schreiben. Vielleicht sollte ich die Stelle für vorne ausschreiben.

Und dann der Blick zurück zum Fenster. Und dann diese Magie am Abend. Diese Aussicht. Wenn der Nebel alles flutet. Alles wird dann weiß. Behutsam verpackt. Ganz langsam verschwindet die Welt. Wald, Mauern, Licht und Fluss. Alles wird geschluckt. Das Auge sucht dann nach Orientierung, Halt und Schärfe und findet – nichts.

Irgendwann habe ich mich dann dabei erwischt, wie ich laut lache. Über diese herrliche Situation. Darüber, dass ich allein auf einer Burg wohne. Dann höre ich mich beschwingt irgendeinen Satz sagen. Und denke: Da bin ich gerade einmal ein paar Stunden auf einer Burg und schon führe ich Selbstgespräche. Ich schüttle den Kopf. Und dann lachen wir beide.

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