Verwachsene Schrebergärten und Kneipenplausch in Rhens

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Mit einem grünen T-Shirt und der Aufschrift „Beat the Beast“ läuft ein Jogger an mir vorbei. „Rhens?!“, denke ich. Ich war noch nie in Rhens. Klar, durchgefahren bin ich schon einige Male, weiß, dass dort Mineralwasser und diverse Kombinationen mit eben diesem hergestellt werden. Aber das zählt nicht als da gewesen.

Ich parke am Bahnhof und gehe runter zum Rhein. Der Weg führt entlang der historischen Stadtmauer. Ich gehe weiter zum Ortsausgang bis zum Fahrradschild, das noch elf Kilometer bis Koblenz anzeigt. Eins steht für mich schnell fest: In Rhens kann man wunderbar am Rhein spazieren gehen. Richtung Koblenz läuft der Gehweg zwischen Rhein und Schrebergärten entlang. Ein junges Pärchen spaziert vor mir her. Es ist ein lauer Herbstabend. Die „Spero“, ein Frachtschiff, lässt sich den Rhein hinabtreiben. Schneller als die Flussgeschwindigkeit, das heißt mindestens 25 km/h. Sonnenblumen wachsen vor einem Pavillon-Gestell, das ganze ohne Bekleidung in einem der Gärten steht. Die „Rheinauen“ von Rhens gefallen mir. Sie sind wie Pipi-Langstrumpf-Gärten, verwunschene Orte, nichts für Liebhaber der englischen Gartenpflege jedenfalls. Alles ein wenig verwachsen.

Ich setze mich für einen Moment ans Ufer. Steine, jede Menge Muscheln, gestrandetes Holz und ein orange-rotes Ahornblatt dazwischen. Es knackt über mir und kurz danach höre ich den Aufprall einer zu Boden fallenden Kastanie.
Bald wird die Sonne unter gehen. Ich mache ein Foto vom rosa-blauen Verlauf der Wolken über dem Taunus. Finde aber wieder mal, dass das Bild nicht reicht, um den Abend festzuhalten. Die Aura fehlt. Sprache kann Bilder zeichnen, lässt bestenfalls welche im Kopf entstehen, die dann zu unseren eigenen werden. Das Foto ist oft nur Abbild. Aber auch das ist natürlich bei jedem Menschen anders.

Der Mond kommt nun langsam hinter dem Taunus hervor. Es ist aufsteigender Mond, fast Vollmond. Noch ist er verdeckt von ein paar Wolken, die unterhalb an ihm vorbeiziehen. Die Wolken sehen aus wie ein sich bewegendes Gebirge.

Es ist gerade noch hell genug, um am Ufer zu sitzen und zu schreiben. Ich gehe weiter und setze mich vor das kleine Ticket-Häuschen der KD. Der Rhein rauscht hier laut unter der Anlegestation vorbei. In dem Ticket-Häuschen steht ein Mann im Dunkeln und schaut aus dem großen Fenster. Zu den Schiffstickets gibt es auch Eis, Kaffee und Süßigkeiten zu kaufen. Die Tür zum Häuschen steht offen. Ein wenig traurig, denke ich. So im Dunkeln.
Um 19.30 komme das letzte Schiff, auf dieses müsse er warten, sagt der Mann. Jetzt ist es 19.17 Uhr.
Ob denn dann noch Gäste kommen, möchte ich wissen.
„Im Sommer ja. Jetzt eher weniger“, sagt er. Die Saison sei am 20. Oktober vorbei.
Und dann?
Habe er bis April Urlaub. Naja, nicht ganz. Er habe dann einen anderen Job.

Ich frage mich, welcher Ort genau gegenüber von Rhens ist. Google bestätigt meine leise Vermutung: rechts Braubach und links Lahnstein, dazwischen irgendwie nichts. Ich gehe weiter, lasse den KD-Ticket-Verkäufer am Rhein zurück und laufe ins Rhenser Zentrum.
„Schön ist es hier“, denke ich. Fachwerkhäuser, ein paar Restaurants und Kneipen.
Es ist mittlerweile dunkel geworden und durch das Fenster einer Kneipe sehe ich einige Leute. Sie heißt „Streichholz“ und ich entschließe mich hineinzugehen. Als ich den Pub betrete, blicken mich neun musternde Gesichter an. Stille. Ein wenig unwohl fühle mich in diesem Moment, nicke freundlich und visiere die Theke an. Kurz danach gehen die Gespräche weiter.
„Ähm, ein Radler bitte“, lächle ich den Wirt an, „alkoholfrei“, schiebe ich vorsichtig hinterher, mir dessen bewusst, dass es für den richtigen Kneipengänger zwei Fauxpas hintereinander sind. Aber egal.

Dem Wirt ist es auch egal.
„Du kannst sitzen, wo du möchtest“, bemerkt er die Unschlüssigkeit in meinem umherwandernden Blick, „oder stehen, wie du willst.“
„Alles klar, ich bleibe an der Theke.“ Und setze mich zu Erich, einem älteren Herrn, der Stammkunde zu sein scheint. Denn Jonas, der Wirt, stellt ihm nach dem letzten Schluck sofort ein neues Glas Bier hin.

„Was verschlägt dich denn nach Rhens?“, fragt Erich. Seine weißen Haare stehen an manchen Stellen nach oben. Er hat eine beobachtende und stille Art, aber jedes Wort sitzt.
„Ehrlich gesagt: Ich war noch nie hier und dachte, ich komme mal vorbei“, sage ich.
„Nach Rhens?“
„Naja, ja. Siehst du ja.“
„Mhm“, nickt er verwundert.
„Und woher kommst du?“
„Von der Burg Sooneck, Niederheimbach.“ Was scheinbar zu keiner Verwunderung führt.
„Und dann kommst du hier nach Rhens?“, er schüttelt den Kopf.
„Ja.“
„Hier waren schon Typen aus New York oder aus Melbourne. Aber aus Niederheimbach?!“
„Ja“, sage ich schulterzuckend.
„Nach Rhens?“ Erich sieht mich mit einer Mischung aus Verzweiflung und Verwunderung an.
„Ja.“
„Unglaublich.“ Er lacht laut: „Nun gut, es gibt schlimmeres.“

Erich erzählt mir er sei Ur-Ur-Rhenser, mehr Rhenser ginge quasi nicht. Er habe noch die richtig guten Weinfeste mitbekommen.
„Aber die gibts heute nicht mehr. 2003 war das letzte Weinfest hier.“
„Wieso?“, möchte ich wissen.
„Das gab’s einen Streit zwischen dem damaligen Bürgermeister und einem Vorsitzenden. Das Beste kommt noch: Das Fest wurde 14 Tage vor der Eröffnung abgeblasen.“
„Ein bisschen kurzfristig“, kommentiere ich.
„Naja, dumm war das schon.“ Erich schüttelt den Kopf. Im Radio läuft „Take A Letter Maria“ von R.B. Greaves und Erich bittet Jonas, den Wirt, lauter zu drehen.
„Den Song liebe ich. Ein richtig gutes Lied.“
„Ja“, bestätige ich, „finde ich auch ganz gut.“

Erich sagt mir, dass er als Kind immer mit Atlas ins Bett gegangen ist. Karten, Länder und Zahlen zu den verschiedenen Orten der Welt seien seine Leidenschaft.
Manchmal mache er ein Quiz, bei dem man die einzelnen Länder anhand ihrer Umrisse erkennen muss.
„Bei Italien ist das nicht schwer – ganz klar der Stiefel. Aber versuch mal den Jemen oder Ghana zu erkennen, da wird’s schon haarig.“
„Puh, ich glaube, ich wäre in dem Quiz eine Niete“, zucke ich mit den Schultern.

Erich lacht. Er sei schon oft in Mexiko gewesen, habe dort einen guten Freund. Dann blieb er auch gleich für sechs Wochen oder länger. Pauschalurlaub käme für ihn nicht in Frage. „Wir sind mit den Überlandbussen der Einheimischen gefahren. Sonst lernst du das Land und die Menschen nicht kennen. Und warum sonst sollte ich irgendwohin reisen?!“
Ich kann Erichs Meinung teilen, wissend aber, dass Vollpension und Hotel-Sitting für manche auch eine Erfüllung zu sein scheint.

Der zunehmende Tourismus an manchen Orten zerstöre die Landschaft, sagt Erich, komplexe Anlagen würden gebaut werden, die Natur müsse weichen.
„1991 war ich das erste Mal auf dem Nevado de Toluca, einem Vulkan in Mexiko. Damals war dort oben nichts, alles unberührt. Vor Kurzem habe ich mal über Google geschaut – alles zugebaut. Das fand ich wirklich schrecklich.“

Einer seiner liebsten Filme ist „Drei Mann in einem Boot“ mit Heinz Erhardt von 1961. „Da schau ich immer mal rein“, sagt Erich, „der Ort, aus dem du kommst, sieht immer noch aus wie damals.“
Später schaue ich mir einen Filmausschnitt an, sehe Heinz Erhardt, Hans Joachim Kulenkampff und Walter Giller singend an der Burg Sooneck vorbeifahren. Und ja – Erich hat recht, manches sieht immer noch so aus. Aber irgendwie doch ganz schön, denke ich.

Ich mag Erichs schwarzen Humor und seinen leichten Zynismus, mit dem er die Welt kommentiert, muss mit ihm lachen.
Nach meinem zweiten alkoholfreien Radler verabschiede ich mich aber dann.
„Nummern austauschen – das lassen wir aber“, sagt Erich grinsend.
„Ja, ich denke schon.“
„Ist sowieso schöner, wenn du wieder so unverhofft hier auftauchst“, sagt er, „das sind die besten Begegnungen.“
„Finde ich auch“, antworte ich ihm und fahre zurück auf „meine“ Burg.

Auf dem Rückweg zum Auto sehe ich am Himmel einen Vogelschwarm fliegen. Manchmal sieht es so aus als würden sie tanzen. Immer in einer perfekten Formation, als wäre es so einstudiert.

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