Von Salamandern und Ahornen

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Samstagnachmittag. Ich sitze am Schreibtisch und sichte Fotos. Das Fenster ist geöffnet. Draußen steht ein Jugendlicher an der Burgmauer und ruft seine Mutter.

„Mama, komm mal, hier sitzen zwei Salamander.“

Stutzig blicke ich nach draußen.

Die Mutter eilt mit der jüngeren Schwester herbei, das Smartphone bereits im Anschlag.

Der Sohn beugt sich so weit zu einem der Salamander herunter, dass dieser vor Schreck von der Burgmauer in die Tiefe stürzt.

Die drei ziehen wieder ab. Der Salamander ist ihnen egal. Er hat‘s nicht aufs Foto geschafft. Damit hat er ja sowieso nie wirklich existiert.

Der Salamander, das war eine Eidechse.

 

Sonntagnachmittag. Ich sitze an einem Tisch auf der Terrasse des Hotels Jagdschloss Niederwald. Neben mir vernehme ich diese Unterhaltung:

„Entschuldigung, wissen sie, was für ein Baum das ist?“

Die Dame am Nachbartisch dreht sich um und blickt nach oben.

„Ein Ahorn, oder?“

„Ja wenn ich das wüsste, hätte ich ja nicht gefragt…“

Eine Begleiterin der Fragenden mischt sich ein.

„Neee, das ist doch kein Ahorn.“

Es war ein Ahorn.

 

Keine Ahnung, ob Spitz- oder Bergahorn, das vermag auch ich nicht zu bestimmen. Aber allgemein sollte man ein Ahorn doch erkennen können. Oder gehe ich da jetzt zu sehr von mir selbst aus? Ich würde das unter Allgemeinbildung fassen.

Eiche, Ahorn, Birke – die kann man doch leicht bestimmen. Es muss ja nicht Erle, Douglasie oder Robinie sein, damit hab auch ich so meine Schwierigkeiten. Bin ja schließlich kein Baumexperte. Nur ein Typ, der als Kind viel draußen unterwegs war. Dorfkind. Landei. Naturbursche. Könnte man sagen.

Auch das Französische Ahorn kannte ich bis vor wenigen Tagen noch nicht. Das zeigte mir kürzlich Dr. Axel Schmidt, Referent für Biotope und Artenschutz bei der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord, als ich mit ihm zum Lichtfang in der Dörscheider Heide unterwegs war. (Die Geschichte dazu folgt bald auch hier im Blog)

Wie wir so nachts im Steilhang saßen, kam ich mit ihm und seiner Tochter schließlich auch auf das Thema Artenbestimmung. Schmidt erzählte, er habe einen Freund an der Uni, der seinen 42 Studenten im Studiengang BioGeoWissenschaften zu Beginn einmal zehn Arten zur Bestimmung vorgelegt hatte. Gängige Gartenvögel wie ein Rotkehlchen sollen darunter gewesen sein. Oder zumindest etwas in dem Schwierigkeitsgrad. Wenn man hier von schwierig sprechen will.

„Und jetzt rate mal, wie viele Arten die Studenten bestimmen konnten?“

Ich gebe mich optimistisch, tippe auf etwa die Hälfte.

„Nicht ein Student konnte auch nur eine Art bestimmen.“

Erschreckend. Vor allem vor dem Hintergrund des gewählten Studiengangs. Und irgendwie auch traurig. Es bestätigt mir, dass viele Menschen sich zunehmend von der Natur entfremden. Ich mache das auch gerne mal daran fest, wie viel Müll die Leute achtlos in den Wald, den Straßengraben, den Park werfen. Auch hier im Mittelrheintal habe ich das bereits vielfach beobachtet. Auch dann, wenn der Mülleimer drei Meter weiter stand. Mit Respekt vor der Umwelt hat das für mich nichts zu tun. Menschen, die ihren Abfall achtlos in die Natur werfen, erfahren von mir nur Verachtung.

Vielleicht steigere ich mich da aber auch gerade zu sehr rein. Vielleicht ist es auch gar nicht so schlimm, wie ich es wahrnehme. Und vielleicht folgen auch wieder Generationen, die die Natur wieder mehr wertschätzen. Schließlich entdecken die Deutschen ja seit einer Weile wieder den Wald für sich. Jedenfalls liest man davon oft. Bleibt nur zu hoffen, dass sie ihren Müll auch wieder mit rausnehmen. Ob sie wissen, wie der zwitschernde Vogel im Busch heißt, ist mir dann mal egal.

 

Und hier die Fotos zum Durchklicken. Unterwegs war ich auf dem Rheinsteig oberhalb der Burg Maus und auf dem Rabenacksteig zwischen St. Goarshausen und Nochern.

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