Mal abschalten geht nicht – Sarah Hulten will erste Deutsche Weinkönigin vom Mittelrhein seit 1951 werden

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Im Mittelpunkt: Sarah Hulten oben in der Mitte zwischen den anderen Gebietsweinköniginnen. Foto: DWI

Am kommenden Samstag ist es soweit: Die Vorausscheidung zur Wahl der Deutschen Weinkönigin findet in Mainz statt. Ich werde vor Ort sein, wenn Sarah Hulten versucht, die erste Deutsche Weinkönigin vom Mittelrhein seit 1951 zu werden. In meiner Zeit als Burgenblogger sind Sarah und ich uns immer wieder begegnet. Auf Terminen, aber auch einfach so zum Quatschen. Dabei habe ich eine ehrgeizige Frau kennengelernt, die sich selbst viel abverlangt. Aber auch weiß, wann es besser ist, im Hintergrund zu bleiben.

Wenn ein Foto allein ausschlaggebend wäre, Sarah Hulten würde wahrscheinlich ruhiger schlafen in den kommenden Nächten. Auf dem Pressefoto zur anstehenden Wahl der Weinkönigin steht sie jedenfalls schon da, wo sie hin möchte an den kommenden zwei Wochenenden. Oberste Reihe, genau im Zentrum, hebt sie ihr Rieslingglas einen kleinen Tick höher als die anderen Gebietsweinköniginnen neben ihr. Doch ein Siegerfoto ist das noch nicht. Und es wäre vermessen, würde man all zu viel in dieses eine Bild rein interpretieren. Eins aber kann man rauslesen: Wo Sarah hinkommt, steht sie schnell im Mittelpunkt. Und das durchaus gerne.

Eine meiner Begegnungen mit Sarah beim Koblenzer Sommerfest.
Eine meiner Begegnungen mit Sarah beim Koblenzer Sommerfest.

Dabei entspricht sie nicht dem typischen Klischee der Weinkönigin. Sie kommt aus keiner Winzerfamilie, ist nicht “im Weinberg groß geworden”, wie es gerne bei anderen Vertreterinnen ihrer Branche dahingefloskelt wird. Dafür ist die Medienstudentin Fachfrau, wenn es um Kommunikation geht. Und um Selbstvermarktung. Aktiv auf Social Media. Eigenes Blog. Kreative Ideen, wie ein per Crowdfunding finanzierter eigener Weinberg. Und auch auf der Bühne und am Mikrofon schlägt sie sich gut. Was vor allem auffällt, wenn sie mal nicht im Mittelpunkt steht.

Mitte Mai traf ich Sarah bei der Vorstellung der BUGA-Vorstudie in Oberwesel. Da saß sie als deplatzierte Quotenfrau neben lauter Alpha-Tieren wie RLP-Innenminister Roger Lewentz, die sich nicht scheuten, onkelhaft ihre „Lieblichkeit” zu betonen. Das lässt die nach oben offene Brüderle-Skala leicht nach oben ausschlagen. Damit wiesen die Herren der 25-Jährigen auch verbal den Platz zu, den sie ohnehin einnehmen musste: Ganz außen am Rand. Sarah schlug sich dennoch wacker und tat, was sie am besten kann. Sie warb für den Wein ihrer Winzer vom Mittelrhein und betonte deren wichtige Rolle bei der Gestaltung der Landschaft am Mittelrhein. Ergebnis: Niemand stellte hinterher die Frage, was eigentlich die Weinkönigin bei diesem Polit-Termin zu suchen hatte. Es zeichnet eine gute Kommunikatorin aus, wenn sie erkennt, wann es besser ist, im Hintergrund zu bleiben.

Die Weinkönigin als schmückendes Beiwerk, so soll es heute eigentlich nicht mehr sein. Stets wird betont, welch anspruchsvoller Job das sei. Vom Fach müsse sie sein, und “gutes Aussehen reicht nicht”, heißt es auch beim Deutschen Weininstitut (DWI). 200 und mehr Termine im Jahr gilt es für die Siegerin der Wahl zu absolvieren, viele davon im Ausland, im direkten Kundenkontakt. Perfekte Englischkenntnisse werden vorausgesetzt, explizites Wissen über Wein gehört selbstredend dazu. Das klingt nicht nur nach einem Full-Time PR-Job. Es ist einer. Einer, der – je nach Lesart – immerhin oder nur mit Fahrtkostenerstattung und einer Aufwandsentschädigung vergütet wird. Über die Höhe schweigt sich das DWI vornehm aus. Ein Tagegeld irgendwo zwischen 70 und 100 Euro sei es, heißt es andernorts. Beim DWI verweist man lieber auf die reichhaltigen Erfahrungen, die eine Deutsche Weinkönigin in einem Jahr macht. Die sollen aufwiegen, dass für mehr als ein Jahr auf Studium, Ausbildung oder berufliches Fortkommen verzichtet wird.

Martina Lorenz als Deutsche Weinprinzessin 1994/1995.
Martina Lorenz als Deutsche Weinprinzessin 1995/1996.

Dass diese Erfahrungen fürs Leben prägen, bestätigen die, die den Job gemacht haben. Martina Lorenz, heute Chefin des Sankt Goarer Hotels “Landsknecht”, war vor mehr als 20 Jahren ganz dicht dran am Traumjob. Als Mittelrheinweinkönigin unterlag sie mit nur einer Stimme ihrer Konkurrentin von der Nahe, einer gewissen Julia Klöckner (“Wer weiß, was aus uns geworden wäre, wäre es andersrum ausgegangen…”). Aber auch das Jahr als Deutsche Weinprinzessin möchte Lorenz nicht missen. Von ihrer Reise in die Vereinigten Staaten kann sie heute noch mit einer Leidenschaft und Begeisterung berichten, als liege der Aufenthalt erst wenige Wochen zurück. Mehr als 300 Auftritte hat sie damals absolviert. Das stärkt die Persönlichkeit und das Selbstbewusstsein.

Ähnliches berichtet auch Katharina Hansen. Die Winzertochter vom Bacharacher Weingut Toni Jost war in den Jahren 2004/2005 Deutsche Weinprinzessin und sagt: “Ich kann den Job nur empfehlen.” Dass sie heute als Staatsanwältin in Wiesbaden keine Probleme damit hat, selbstsicher vor anderen Menschen ihre Standpunkte zu vertreten, schreibt sie auch ihren damaligen Erfahrungen zu. Auch wenn sie der Weinbranche, von den familiären Bezügen abgesehen, den Rücken gekehrt hat: Die Wahl zur Weinkönigin verfolgt sie nach wie vor mit einem Auge. Die Aufregung in den Tagen davor ist ihr immer noch in guter Erinnerung: “Da bleibt kaum eine cool.” Ihr Tipp für Sarah: Nicht zu viel lernen, sondern auch mal mit einer Runde Joggen den Kopf frei machen.

Häufig allein unter Männern: Sarah Hulten zusammen mit den Winzern aus Leutesdorf.
Häufig allein unter Männern: Sarah Hulten zusammen mit den Winzern aus Leutesdorf.

Das wird der amtierenden Weinkönigin vom Mittelrhein nicht leichtfallen: Als ich sie anrufe, um zu erfahren, wie es ihr wenige Tage vor der Wahl geht, gibt sie zu: Abschalten, das geht zur Zeit nicht. Eifrig paukt sie Fachwissen rund um die Uhr. Klar: Mit PR kennt sich die Medienstudentin aus. Doch in Sachen Weinwissen haben die Frauen aus Winzerfamilien einen Vorsprung. Den aufzuholen, bemüht sich Sarah nicht erst, seit sie am Mittelrhein zur Weinkönigin gekrönt wurde. Schon vorher, im Sommer 2015, arbeitete sie auf dem Weingut von Georg Scheidgen in Hammerstein mit. Bei der anstrengenden Arbeit in der Steillage holte sie sich nicht nur “den Sonnenbrand meines Lebens”, sondern verdiente sich auch den Respekt des Winzers. “Die ist zäh”, sagte mir Georg Scheidgen voller Anerkennung, als ich ihn vor ein paar Monaten in Leutesdorf bei einer Weinprobe traf.

Zuspruch wie diesen bekommt Sarah aus vielen Richtungen. Patrick Federhen, der den Online-Shop “Weinland-Mittelrhein” betreibt, wird Sarah am Samstag im Fanblock in der Rheingoldhalle in Mainz die Daumen drücken. Eine Deutsche Weinkönigin vom Mittelrhein könnte aus seiner Sicht helfen, das kleine Anbaugebiet wieder mehr ins Bewusstsein der Weinwelt zu rücken: “Ich erlebe bei unseren Kunden, dass viele den Mittelrhein gar nicht mehr richtig kennen.” Auch Cecilia Jost, Schwester von Katharina Hansen und inzwischen Chefin des heimischen Weinguts, meint: “Es wäre ein richtiger Flash für uns.” Gleichzeitig dämpft sie die Erwartungen: “Die Konkurrenz ist sehr, sehr hart.”

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Damals waren die Gläser noch größer: Die einzige Deutsche Weinkönigin vom Mittelrhein hieß Gisela Koch und kam aus Sankt Goarshausen. Sie ist inzwischen verstorben. Foto: DWI

Gisela Koch war von 1951 bis 1952 die bislang einzige Deutsche Weinkönigin vom Mittelrhein. Eine lange Durststrecke (no pun intended), die leider überhaupt keinen Ausschlag geben wird, meint Hiltrud Specht, Chefin der Mittelrheinweinwerbung: “Es geht nicht darum, wer mal wieder dran ist.” Seit 30 Jahren begleitet sie die Kandidatinnen aus der Region zur Wahl. “Es gibt immer sieben bis acht Frauen, die können sie sofort wählen. Am Ende entscheiden Kleinigkeiten. Man muss auch mal schlagfertig sein, wenn man eine Frage nicht so gut beantworten kann.” Was nicht nur Hiltrud Specht als eine große Stärke von Sarah sieht. Sie ist selbstbewusst und weiß, was sie will.  Gleich bei unserem ersten Treffen, Anfang Mai in Boppard beim Barcamp Tourismus, erzählte Sarah mir, dass sie bei der Wahl “zur Deutschen” antreten werde. “Halt dir den Termin frei”, waren ihre Worte. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich für die richtige hält, nach 65 Jahren wieder die Krone der Deutschen Weinkönigin an den Mittelrhein zu holen. Dafür hat sie viel geackert, fuhr auf eigene Kosten auf Termine, investierte privat in neue Kleider und Friseurtermine, als das zur Verfügung gestellte Kleidergeld aufgebraucht war. So viel Elan und zur Schau gestellter Ehrgeiz können aber auch provozieren. Gerade am oft beschaulichen Mittelrhein, wo die Menschen es nicht gewohnt sind, dass jemand Vollgas gibt, um ein Ziel zu erreichen. Und dann von allen erwartet, dass sie im gleichen Tempo mitziehen.

Ob sich die Anstrengungen und Mühen gelohnt haben, wird sich am kommenden Samstag und dem darauf folgenden Freitag zeigen. Wenn alles klappt, steht Sarah dann wieder auf einem Bild in der Mitte. Das wäre dann endlich das ersehnte Siegerfoto.

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